Henny Seidemann

Berlin, Barcelona, München

Berlin,
Barcelona, München

Henny Seidemann spricht über ihr Leben

„Ich träume von einer Welt, in der die Menschen menschlich miteinander reden können/ Von einer Zeit, in der keiner den anderen bekämpft, weil alle in dieselbe Rich‐
tung blicken/ Von einer Welt, die Platz hat für alle …“ Diese Zeilen stammen von Henny Seidemann. Sie sind abgedruckt in einem Buch mit Gebeten von Frauen, das Papst Benedikt XVI. bei seinem München‐Besuch überreicht wurde. Das Besondere daran: Henny Seidemann ist Jüdin. Sie ist auch Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für christlich‐jüdische Zusammenarbeit, in der sie sich lange Jahre engagiert hat.
Ihre Bemühungen, Menschen zusam‐
menzubringen und über scheinbar unüberbrückbare Gräben hinweg zu versöhnen, sind nicht selbstverständlich. Sie wurde 1922 in Berlin geboren und überlebte die Schoa in Spanien. Heute lebt sie in München. Eines der Credos ihres Lebens heißt: „Haß hat in meinem Leben keinen Platz!“ Dieses Motto hat sie auch dem kleinen Buch vorangestellt, zu dem sie Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv ermutigt, ja fast gedrängt hat.
Unter dem Titel Henny Seidemann. Berlin – Barcelona – München. Eine Münchner Jüdin erzählt ist es jetzt bei Books on Demand erschienen, herausgegeben vom Münchner Stadtarchiv, redaktionell betreut von Andreas Heusler, Eva Ohlen und Brigitte Schmidt. Es ist keine Biographie im üblichen Sinne. Henny Seidemann setzt Akzente, wählt aus. Sie schreibt von den Dingen, die ihr Leben prägten. Dem Buch liegen Gespräche zugrunde. Auch in der gedruckten Form verliert Henny Seidemann ihr Gegenüber nicht aus den Augen, sie spricht mit ihm. Bei ihrem Engagement als Zeitzeugin freut sie sich über Resonanz wie beispielsweise Zeichnungen, die Schüler der fünften Klasse des Günter‐Stöhr‐Gymnasiums in Icking nach ihrem Besuch angefertigt haben. Darin wurden die Worte zu Bildern: Henny als Kind, in der Begegnung und der Konfrontation mit den nichtjüdischen Menschen ihrer Jugendzeit.
Am 15. November 1935 war die 13jährige Henny mit ihrer Mutter über Italien nach Spanien emigriert. Doch in Sicherheit war sie damit noch lange nicht. Ein Jahr später fand sie sich im Münchner Kinderheim in der Antonienstraße wieder – angeblich, weil sie dort sicherer war als in Spanien. Auch nach dem Krieg führte ihr Weg wieder zurück nach München. Hier zog sie sich nicht verbittert zurück. Im Gegenteil: Sie engagierte sich im Frauenverein Ruth für Menschen, die weniger Kraft hatten als sie. „Wie haben wir uns gefreut, wenn wir diesen Patienten ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnten, aber es gelang nicht immer“, erzählt sie.
Sie engagiert sich in der Gesellschaft für christlich‐jüdische Zusammenarbeit und als Zeitzeugin. „Erst mit 61 Jahren habe ich festgestellt, daß mir der liebe Gott eine ganz besondere Gabe geschenkt hat. Ich kann leicht auf Menschen zugehen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Vor allem in Schulen, wo ich mit jungen Leuten über mein Leben spreche, erfahre ich das immer wieder“, sagt Henny Seidemann.
Und so soll die Buchvorstellung am Montag, 16. Oktober, um 19 Uhr in der Rotunde im Stadtarchiv München, Winzererstraße 68, auch keine Lesung im üblichen Sinn werden. Henny Seidemann wird aus ihrem Leben erzählen und mit den Besuchern in ein Gespräch treten. Miryam Gümbel

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