Aachen

Bereit zum letzten Dienst?

von Ronen Guttman

Rabbiner Jaron Engelmayer lässt nicht locker. „Sie sind herzlich eingeladen und das meine ich auch so“, erklärt der Rabbiner dem älteren Gemeindemitglied nach dem Schacharit und unterstreicht seine Einladung mit einem Lächeln und einem Händedruck. „Ich weiß nicht so recht, ob ich …“, doch Widerrede bleibt zwecklos. Wenig später sitzen beide, und mit ihnen zwei Dutzend Rabbiner, am Frühstückstisch. Sie haben sich getroffen, um viele wichtige jüdische Probleme zu besprechen unter anderem die Versorgung von Toten.
Es riecht nach frischen Rühreiern, Brötchen und Kaffee im Gemeindesaal, die Stärkung für den zweiten Tag des Seminars der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD). Der junge Gemeinderabbiner der alten Kaiserstadt freut sich über die vielen Zusagen. „So etwas haben wir hier in Aachen noch nicht erlebt“, erklärt Engelmayer. Zustande gekommen ist das Treffen unter Beteiligung der zionistischen Weltorganisation WZO, vertreten durch Rabbiner Yechiel Wasserman und Generaldirektor Itzchack Shtiglitz.
„Es ist das sechste Treffen dieser Art und schon fast eine Tradition“, sagt Rabbiner Netanel Teitelbaum. Der Kölner Gemeinderabbiner, und zugleich ein Vorstandsmitglied des rabbinischen Forums, betont, dass zum ersten Mal alle ORD‐Mitglieder gekommen sind – und mit ihnen sind ebenso viele Gemeinden vertreten. Insgesamt 29. Solche regelmäßigen Treffen dienen dem gemeinsamen Lernen und Diskutieren der brennenden Fragen der jüdischen Gemeinde. Heute: der Dienst einer besonderen Gruppe aus der Mitte der Gemeinde am Verstorbenen. Die ORD werde fast wöchentlich bei Problemen kontaktiert. Manchmal stehen Rabbiner vor komplizierten Fragen, meistens wenden sich aber kleine Gemeinden, die selbst keinen Rabbiner haben, mit grundsätzlicheren Fragen an die Organisation. Beispielsweise Bonn: „Seit 2005 besteht glück‐licherweise eine Gruppe der Chewra Kad discha in der ehemaligen Bundeshauptstadt.“ Aber da sie keinen eigenen Geistlichen hat, springt Teitelbaum selber im Todesfalle als Rabbiner ein. Wenn im entlegenen Ort Not am Mann ist, vermittelt die ORD nicht nur den Rabbiner, sondern gleich die gesamte Beerdigungsbruderschaft.
Fragen gibt es auch zu den häufig benötigten Friedhofssatzungen. „Wir haben eine Beispielsatzung herausgegeben, die mittlerweile vielerorts Anwendung findet“, erzählt der Kölner Rabbiner. Das sei wichtig, denn mit einer Vereinheitlichung und einer richtigen Formulierung können viele Probleme von vornherein vermieden werden. Schließlich sei dieses Regelwerk neben dem jüdischen Gesetz der formale Rahmen einer Chewra Kaddischa, so Teitelbaum.
„Die Halacha regelt das Verfahren, wie mit dem Verstorbenen umzugehen ist und wie die Bestattung durchgeführt werden muss“, erklärt auch Yakov Ruza. Der Rabbiner aus Tel Aviv ist eine Autorität in religionsgesetzlichen Fragen rund um den letzten Dienst am Verstorbenen. Doch auch ein strenges Reglement birgt Gefahren. Wie soll man verfahren, wenn die Partner einer Mischehe auf einem Friedhof begraben werden wollen? Wie trifft man die halachisch richtigen Vorbereitungen, wenn der Verstorbene in Israel begraben werden will? Wie viele Kleidungsstücke werden in der Diaspora dem Verstorbenen im Rahmen der Tahara, der Waschung des Toten, angelegt? Und wie groß muss der Abstand zwischen den Gräbern sein? Die Liste der Fragen ist lang, erklärt der israelische Gastredner. Keine graue Theorie, sondern tagtägliche Praxis. „Der Regelfall bleibt oftmals die Ausnahme.“ Viele amtierende Rabbiner in Deutschland sind jung oder kommen aus dem Ausland, kennen die hiesigen Probleme nicht, fährt Ruza fort. „Umso wichtiger sind solche Treffen, in denen man von den Erfahrungen des anderen lernen kann.“
Kurze Pause vor der letzten Runde vor dem Mittagessen. Auf dem Tisch mehren sich die geleerten Mineralwasserflaschen und die beschriebenen Blätter, es sieht nach Arbeit aus. Auf dem Programm steht ein weiterer Vortrag. Shlomo Appel ordnet seine Kopien und Blätter. Das Thema Chewra Kaddischa liegt ihm am Herzen. „Man steht oft unter Druck“, meint er seufzend. Er ist Rabbiner in Niederbayern, einer Gemeinde mit rund 3.000 Mitgliedern – verteilt auf vier Städte. Für die Chewra Kaddischa stehen ihm fünf Gemeindemitglie‐ der, er sowie seine Ehefrau mit eingerechnet, zur Verfügung. Nicht viel, wie er findet, denn die Waschung erfolgt natürlich nach Geschlecht getrennt. „Irgendwie klappt es jedoch immer“, aber er würde sich mehr Interessierte wünschen, sagt Appel.
Ein Wunsch, den viele Rabbiner teilen, bestätigt auch Gastgeber Engelmayer. „Es ist die heiligste Aufgabe, die ein Jude in dieser Welt erfüllen kann“, sagt er über die schwere Arbeit der Vorbereitung des Leichnams. Wie man dies vermitteln kann, wird und kann diesmal nur am Rande besprochen werden. Vielleicht könnte Erziehung oder Vermittlung von jüdischen Werten in den Gemeinden ein großer Themenkomplex für ein kommendes Treffen sein, regt er an. Wo das nächste Seminar dann stattfinden wird, wisse man noch nicht, sagt er achselzuckend. „Aber bestimmt nicht in Aachen“, sagt er. „Leider“.

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