Umkehr

Bekenntnis

von Rabbiner Netanel Wurmser

Eigentlich ist nach der Weisheit unserer Lehrer der Homo sapiens ein »Holech«, einer, der durchs Leben wandelt. Auch hat er die Wahl, sich für seine eigenen Fort- und Rückschritte selbst zu entscheiden. In unserem Wochenabschnitt »geht« Mosche Rabbenu seinem Jom Kippur, seinem endgültigen Versöhnungstag, der nicht etwa am 10. Tischri stattgefunden hat, entgegen. Mosche geht. Er geht für immer, denn sein Lebensmaß, seine Lebensjahre, sind voll geworden, und so ist sein Geburtstag gleichzeitig sein Jahrzeitstag.
Die Bewältigung des Abgangs großer, in der allgemeinen Öffentlichkeit stehender Persönlichkeiten spiegelt sich in den unterschiedlichsten Facetten wider. Die einen gehen freiwillig, andere werden oder müssen gegangen werden, und wieder andere scheiden aus gesundheitlichen oder privaten Gründen aus ihren Ämtern.
Am Tag des Todes findet jegliches Herrscherdenken sein natürliches Ende, und die Zeit der Regentschaft ist endgültig abgelaufen. So bemerkt der mittelalterliche Kommentator Alschich Hakadosch, dass Mosche nicht die Priester, die Ältesten oder das Volk zusammengerufen hat, sondern sich selbst auf den Weg machte. Mosche verlässt die Stätte seines Wirkens, sein vertrautes Ohel Mo’ed, das Zelt der Schechina. Er begibt sich zu jedem Stamm, damit sich ja keiner zurückgesetzt fühlt, und verkündet allen seinen eigenen Abgang, seinen Tod. Es ist eine Besonderheit, dass Gerechte, Zadikim, wissen, wann ihre Aufgabe auf dieser Welt erfüllt ist. Mosche ermutigt ein letztes Mal sein ganzes Volk, dass es sich ja nicht fürchte, sondern innerlich gefestigt weiter seinen Weg gehe.
Auch Mosches Nachfolge ist längst geregelt. Sein bester Schüler, Jehoschua, tritt in Mosches Fußstapfen, und Mosche nimmt das Volk in die Pflicht, die Autorität Jehoschuas zu akzeptieren. Damit finden wir auch bestätigt, was der klassische Kommentator Kli Jakar aus dem 16. Jahrhundert bei Mosches persönlichen Qualitäten herausragend fand, wie flink doch Mosche als Manhig, als geistiger Leiter unseres Volkes, in allen Lebenslagen Entscheidungen fällen konnte. Kli Jakar betont auch die bescheidene, aber nicht weniger entschiedene Gangart als Vorbild und Lehrer der Tora und Halacha.
Mosche »kann nicht mehr«, bedeutet keinesfalls, dass er ausgepowert oder gezeichnet sei von den vielen Zores und Lasten seiner Lebensaufgabe. Nein. Er steht da mit voller geistiger Kraft und hilft jedem Stamm mit seinem Segen, stärkt und ermutigt jeden Einzelnen. Kli Jakar berührt auch die Frage, wie denn die Nachwelt Mosche nachhaltig in Erinnerung behalten wird, werden doch den letzten Worten oder dem letzten Willen eines Sterbenden im Kreise seiner Freunde und Bekannten besondere Wertschätzung eingeräumt.
Mosche ging von Zelt zu Zelt. Er versuchte, zu den Herzen seiner Brüder und Schwestern zu sprechen, um sie zu innerer Rückkehr zu G’tt zu bewegen, den Bund vom Sinai nicht zu tranchieren oder gar zu brechen.
»Denn sehr nahe steht dir das Wort deines Mundes« (5. Buch Moses 30,14). In den Asseret Jemei Teschuwa, den zehn Bußtagen, wird es jedem leicht gemacht, sich G’tt zuzuwenden, ihm sich – mit Worten – zu nähern. Echte Rückkehr erfordert Worte. Das Gebot der Tora, sich neu zu orientieren, zur Quelle zurückzukehren, ist nicht nur mit introspektivem Suchen nach dem eigenen Ich und Sein sowie dem Erkennen seiner Fehler und Verfehlungen, oder dem aufrichtigen Bedauern und der Reue verbunden. Diese Mizwa, die zur Teschuwa, zur Umkehr, ruft, fordert uns heraus, die Dinge an die Oberfläche zu bringen und sie als Vidui, als Sündenbekenntnis, auszusprechen. Dies soll jedoch nicht öffentlich erfolgen. Die Ungereimtheiten sollen direkt zwischen Schöpfer und Mensch ausgemacht werden und den Einzelnen keinesfalls bloßstellen.
Der Talmud (Rosch HaSchana 17a) bringt das aktuelle Thema des Schabbats Schuwa wie folgt auf den Punkt: Wessen Vergehen vergibt denn der Ewige, gelobt sei Er? – Er vergibt denen die Sünden, die bereit sind, anderen die an einem selbst verübten Sünden zu verzeihen.
Mögen unsere Seelen zu Beginn eines neuen Jahres aus neuen Energiequellen gespeist werden und neuen Mut zum Weitergehen schöpfen. Mögen uns die Gebete der Jamim Noraim, der ehrfurchtbaren Tage, unser innerstes Wesen aufs Neue motivieren, G’tt zu dienen und auf Seinen Wegen zu wandeln. Und mögen wir alle zu einem guten Jahr und gutem Leben besiegelt werden. Chatima Towa!

Der Autor ist Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs.

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026