Wadim Lewinson

»Bei uns findet jeder was«

Manche fragen: Wann bekommen Sie ein schickes Kostüm? – Vielleicht in einer Stunde, vielleicht erst im nächsten Jahr. Es hängen jede Menge Sachen an den Bügeln, alles tragbar, fast wie neu. Aber es ist natürlich kein Kaufhaus, wo man ein bestimmtes Sortiment erwarten kann. Ich kann nur empfehlen, öfter vorbeizuschauen. Unsere Kleiderkammer bei der Kölner Synagogengemeinde ist dienstags und donnerstags von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Aber meine Kollegin Galina Berova und ich, wir sind natürlich länger da. Wenn wir zum Beispiel eine größere Spende entgegennehmen sollen, kommen wir früher, um Ordnung zu schaffen. Manchmal hole ich Sperriges mit dem Auto ab. Die Spender bekommen ein Dankschreiben von der Gemeinde. Doch viele Leute wollen anonym bleiben und legen ihre Säcke und Kartons einfach vor der Tür ab. So wie heute.
Meine Kollegin und ich arbeiten ehrenamtlich. Wir haben in den vier Jahren, seitdem wir die Kleiderkammer betreuen, fast 4.000 Kunden gehabt. Das sind vor allem unsere Gemeindemitglieder. Viele haben keine Arbeit, doch Kleidung und Spielzeug sind teuer. Hier bekommen sie gute Sachen kostenlos. Wir sehen alles durch: Ob sie von hoher Qualität und in einwandfreiem Zustand sind, aber auch der Mode entsprechen. Was nicht geeignet ist, wird weggeworfen. Wir haben eine so große Auswahl, dass es sich nicht lohnt, schlecht erhaltene oder altmodische Dinge aufzubewahren oder gar auszubessern. Für kleine Reparaturen haben wir eine Nähmaschine. Manchmal bekommen wir etwas Schönes, aber da fehlt ein Knopf. Da lassen wir uns etwas einfallen, um einen ähnlichen Knopf zu organisieren.
Die Verschlüsse an Damentaschen kann ich selbst reparieren. Ich bin vom Beruf Elektrotechniker und Diplom‐Ökonom, hier in Deutschland arbeite ich als Hausmeister. Solche Reparaturen sind eine Kleinigkeit für mich. Wir ehemaligen Sowjetbürger sind in Sachen Dienstleistungen nicht gerade verwöhnt worden. Deshalb kann jeder fast alles selbst machen: nähen, stopfen, zusammenschrauben, den Wasserhahn auswechseln und vieles mehr.
Die Kleiderkammer nenne ich »unsere Boutique«. Wir wollen alles so organisieren wie in einem guten Geschäft und ein Maximum an Service bieten. Die Kunden möchten wissen, aus welchem Stoff ein Kleidungsstück besteht und bei wie viel Grad man es wäscht – ich muss die Antwort wissen. Wer etwas Bestimmtes sucht, kann sich von uns beraten lassen: Steht die Farbe gut, passt die Größe? Wir haben einen Ankleideraum abgetrennt, da kann jeder die Sachen in Ruhe anprobieren. Aber im Spiegel sieht man sich nur von vorn und von der Seite. Von hinten nicht: Da ist Rat gefragt. Oft sage ich: Nehmen Sie lieber das andere Kleid, die andere Hose, das ist Ihr Modell, Ihr Stil! Ich habe mittlerweile den richtigen Blick dafür. Besonders bei den Größen ab 48 neigen die Damen dazu, zu kleine Klamotten mitzunehmen. Das hatte der russische Modemacher Wjatscheslaw Sajzev seinerzeit erkannt: Bei ihm gab es statt 48, 50, 52 nur Größe 48/1, 48/2, 48/3, und die Sachen gingen weg wie warme Semmeln.
Neulich suchte eine Frau etwas Festliches zu Omas 90. Geburtstag: Ich habe ein paar Varianten demonstriert, eine hat ihr dann zugesagt. Bei uns ist noch keiner mit leeren Händen weggegangen. Jeder nimmt etwas mit: Selbst wenn es nicht das ist, was er ursprünglich wollte. Unsere Kunden kommen aus allen Ecken der ehemaligen UdSSR, und ich merke, wie unterschiedlich doch die Geschmäcker sind. Moskauerinnen stehen auf dunkle Töne und strenge Eleganz, während die Leute aus dem Süden grelle satte Farben bevorzugen. Andere ziehen nichts an, was nicht glänzt.
Ich selbst komme aus Lwiw im Westen der Ukraine, dem früheren Lemberg. Seit zehn Jahren bin ich in Deutschland. Da ich in der Heimat Wirtschaftswissenschaften studiert habe und zudem schon 50 Jahre alt bin, finde ich keine Stelle in meinem Beruf. Die Chance, als Hausmeister zu arbeiten, ist weitaus realistischer. Einige Jahre habe ich das getan. Inzwischen habe ich keinen festen Job mehr, übernehme aber gelegentlich Aufträge auf Abruf. Ich suche nach einer Stelle, doch ob es jetzt in Zeiten der Wirtschaftskrise klappt? Es werden viele Leute entlassen. Bestimmt haben wir bald in der Kleiderkammer noch mehr Kunden.
Zu Hause zu sitzen, ist langweilig, außerdem will ich den Menschen helfen. So ist mein Ehrenamt hier mehr als Zeitvertreib. Es ist sinnvolle Arbeit. Mir wird warm ums Herz, wenn ich hierherkomme. Manche unserer Kunden sagen zehnmal »Danke«. Andere sagen kein Wort, aber man merkt ihnen an, dass sie froh und zufrieden sind, etwas gefunden zu haben. Es ist schön, den Menschen Gutes zu tun.
Viele kommen wegen der Kindersachen, weil Kinder ja besonders schnell aus ihren Kleidern herauswachsen oder sie beim Spielen kaputt machen. Wenn man von Hartz IV lebt, kann man sich nicht oft Neues leisten. Bei uns schon. Wir haben auch Bettwäsche, Lampen und Geschirr, das ist vor allem für Neuzuwanderer interessant. Sie leben im Übergangsheim, für sie ist jeder Hauhaltsgegenstand wichtig, denn was haben sie schon mitnehmen können? Aber zur Zeit kommen kaum neue Zuwanderer.
Wenn die Sachen zwar gut sind, aber monatelang im Regal liegen und keiner sie haben will, muss ich aussortieren. Dann geben wir sie ans Rote Kreuz weiter, sie gehen in die Katastrophengebiete. Wir haben nur begrenzt Platz hier. Ordnung muss sein, aber zu viel Ordnung bedeutet, dass es nichts zu tun gibt. Es liegen noch unausgepackte Säcke auf dem Boden, weil die Leute so viel spenden. Und die Besucher wühlen sich durch die Regale.
Gleich nach der Ankunft in Köln hatte ich den An‐trag auf Mitgliedschaft in der Synagogengemeinde gestellt. Mir gefällt es, wie die Leute hier arbeiten und miteinander umgehen. Hier habe ich nach dem Sprachkurs auch mein Praktikum im Sozialbereich gemacht. Daher kenne ich viele Mitglieder schon seit vielen Jahren: Es ist schwer, eine Grenze zu ziehen, wer ein guter Bekannter ist und wer »nur« ein Kunde aus der Kleiderkammer. Ich habe viele Freunde in der Gemeinde, wir sehen uns so gut wie jeden Tag. Wir feiern gemeinsam Geburtstage, Hochzeiten und andere Feste. Manchmal gibt es auch traurige Ereignisse, so ist das im Leben, aber wir stehen sie gemeinsam durch.
Natürlich gibt es auch ein Leben außerhalb der Kleiderkammer. Ich wohne allein und mache meinen Haushalt selbst, schreibe Bewerbungen und gehe am Rhein spazieren und im Sommer mit den Freunden grillen. Hin und wieder besuche ich eine Ausstellung. Mein Hobby ist Töpfern, daher gucke ich mir gern Arbeiten aus Keramik an. Besonders die Trödel‐ und Antikmärkte ziehen mich an: Da finden sich manchmal die schönsten Sammlungen, besser als im Museum.
Ich arbeite mit Ton und Gips. Das habe ich mir selbst beigebracht. Ich mache kleine Statuen, auch an Porträts habe ich mich schon versucht. Allerdings sind meine Figuren recht fragil, denn ich kann sie zu Hause nicht brennen. Ein professioneller Ofen ist sehr teuer. Daher sind die Sachen nicht zum Verkauf bestimmt. Wenn Freunde bei mir etwas bewundern, schenke ich es ihnen. Von einigen Arbeiten würde ich mich allerdings nie trennen.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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