Ofir Naveh

„Bald sind wir zu dritt“

Mein Tagespensum besteht aus dem Besuch der Sprachschule am Vormittag und der Arbeit in einem Supermarkt am Nachmittag. Die Liebe war der Grund, warum ich nach Deutschland gegangen bin. Vor fünf Jahren besuchte eine Gruppe junger Leute den Kibbuz En Harod, wo ich arbeitete. Zu dieser Gruppe gehörte auch Friederike aus Bad Salzuflen. Sie war für die Organisation „Dienste in Israel“ in einem Elternhaus in Kfar Saba. Von da an sahen wir uns öfter, und als sie nach Deutschland zurückging, hielten wir die Beziehung über die Distanz aufrecht. Auf Dauer war es doch sehr schwer, getrennt zu sein, so kam ich nach Deutschland.
Im Moschaw Moledet, wo ich aufwuchs, sind nicht alle begeistert von meinem Schritt, aber es ging nicht anders. Mein Deutsch war passabel, bis heute gehe ich hier in Bonn in die Sprachschule. Inzwischen komme ich immer besser zurecht. Vor zweieinhalb Jahren haben Friederike und ich geheiratet, jetzt erwarten wir unser erstes Kind, im Juli soll es zur Welt kommen. Für uns ist es gerade eine schöne Zeit mit all den Vorbereitungen und der Vorfreude.
Zu Hause in Israel habe ich im benachbarten Kibbuz eine Zeit lang in der Schreinerei gearbeitet. Seither mag ich die Arbeit mit Holz. An unserem Haus in Moledet hängen bis heute viele Stücke, die ich gebaut habe. Hier in Bonn habe ich einen kleinen Hobbykeller. Dort entstehen kleine und große Dinge, und gemeinsam mit Friederike habe ich eine Wickelkommode gebaut. Unser Nachbar sagt immer, ich solle bloß nicht vergessen, das Licht auszumachen. Mittlerweile muss ich darüber lachen, es ist typisch deutsch.
Deutschland war mir von Anfang an nicht fremd, denn ich bin in Israel in einer von Jeckes gegründeten Siedlung aufgewachsen. Als Kind war ich von alten deutschen Einwanderern umgeben, die wie die Eltern meines Vaters nach 1933 Deutschland verlassen hatten, um in Palästina ein neues Leben zu beginnen. Diese Umgebung hat Spuren in mir hinterlassen, die ich erst hier in Deutschland erkenne.
In den Supermarkt, in dem ich arbeite, kommen viele ältere Kunden manchmal drei‐ bis viermal am Tag. Ich weiß, dass sie nicht vergesslich sind, sondern sie sind einsam, haben keine Freunde oder Familien, sie wollen unter Menschen sein. Wir kennen uns mittlerweile, und ich sage oft aus Scherz zu ihnen, dass sie in einen Kibbuz gehen sollten. Sie fragen mich dann, was das denn sei. Wenn ich ihnen erkläre, wie unsere alten Menschen in der Gemeinschaft leben, sagen sie, dass ihnen diese Idee sehr gefällt.
Manchmal arbeite ich in einem Bonner Elternhaus, wie wir im Hebräischen sagen. Leider heißen sie hier ja Altenheim. Seit die Bewohner wissen, dass ich aus Israel komme, fragen sie mich über mein Heimatland aus. Im Gegenzug interessiert mich auch ihr Leben, und ich betone oft, dass mein Opa Walter Hanau auch Deutscher war. Sie sagen dann, dass sie damals als Jugendliche uninformiert gewesen seien oder dass sie Feindlichkeiten gegen Juden nicht erlebt hätten. Einer der Heimbewohner, Herr Schmidt, ist allerdings zurückhaltend. In seinem Zimmer hängt eine große Schwarz‐Weiß‐Fotografie, die ihn als Frontsoldat zeigt. Als er von anderen erfuhr, dass ich Jude bin, sagte er nur: „Oh, oh, oh.“ Er ging mir tagelang aus dem Weg, und auch heute werden wir nicht warm.
Solche Dinge sind mir bei meinem ersten Besuch in Deutschland nicht aufgefallen. Es war 2001, als meine Schwester bei einem Bombenanschlag im Einkaufscenter von Afula nur knapp dem Tode entkam. Nach der Explosion rannte sie ziellos umher, spürte nichts, auch nicht, dass ein großer Teil ihres Gesichts verbrannt war und Bombensplitter tiefe Löcher in ihren Körper gerissen hatten. Sigal überlebte und ist bis heute in Therapie. Eines Tages bekam sie eine Einladung aus Deutschland, und ich begleitete sie nach Plauen im Vogtland. Die Menschen, die uns aufnahmen, waren Christen und ausgesprochen herzlich. Während dieser Zeit erkannten Sigal und ich viele Verhaltensmerkmale und Regeln, die uns auch aus Moledet vertraut waren. Wir sagten oft zueinander: „Mensch, das ist hier ja wie bei Oma und Opa!“
Von unserem Großvater lernten wir auch, alles für die Gemeinschaft zu geben und unseren Beitrag zu leisten. Der Preis innerhalb unserer Familie war hoch. Mein Onkel Ethan Naveh fiel im Sechstagekrieg 1967 bei den Kämpfen um Jerusalem. In Israel gibt es sogar eine Ballade über ihn. Wenn ich überlege, wie oft ich schon mit dem Tod konfrontiert war, und wie oft ich schon an den Gräbern meiner Freunde stand, fühle ich, dass Gott mir eine große Gnade gegeben hat. Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch. Im Konfliktfall leide ich auch fern der Heimat und denke an meine Familie und Freunde, wie im Sommer 2006, als die Kämpfe im Norden zwischen dem Libanon und Israel ausbrachen. Ich kenne hier ein paar Israelis, die das Land aus Angst vor der ständigen Bedrohung verlassen haben.
Durch den 60. Jahrestag der Staatsgründung sieht man jetzt auch in Deutschland viele Beiträge über Israel, die mal nicht mit Krieg zu tun haben. Das freut mich sehr. Ich hoffe auf eine weitere Annäherung, im Kleinen findet sie doch ohnehin schon statt. Ich kenne viele Juden und Christen, die sich gemeinsam zum Schabbat treffen. Jeden Freitag höre ich auch die Toralesung im Radio, wo der Wochenabschnitt auf Deutsch zu hören ist. Ich habe viele christliche Freunde, die sehr am Judentum interessiert sind. Letztens war ich mit einem Freund in der Synagoge. Und als wir uns zu einer Gruppe von Menschen stellten, die erst kürzlich aus Osteuropa eingewandert waren, merkten wir, wie wenig sie vom Judentum wissen. Mein Freund wandte sich lachend ab, aber ich glaube, das ist nicht der richtige Weg. Ich finde, man muss Kontakt suchen zu diesen Leuten und ihnen helfen.
In der Sprachschule sitze ich zur Zeit neben einem jungen Nordafrikaner, und wir fragen uns die ganze Zeit, warum unsere Länder bis heute keine diplomatischen Beziehungen zueinander haben. Jetzt, wo ich besser Deutsch spreche, hat man mir angeboten, einen Hebräischkurs zu organisieren. Bis jetzt habe ich zwei Schüler, einer davon ist ein Muslim.
Friederike und ich haben beschlossen, später wieder nach Israel zu gehen. Wann das sein wird, wissen wir aber noch nicht. Wir werden ohnehin immer hin und her pendeln, denn die Familie meiner Frau lebt ja in Deutschland. Bei unserem letzten Israelbesuch im April hat uns Friederikes Tante begleitet. Es war ihr erster Israelbesuch, sie hatte es sich schon lange gewünscht. Leider haben viele Angst. Ich höre oft, dass sie gern mal dorthin möchten, aber es sei ihnen zu gefährlich. Ich würde mich freuen, wenn mehr Deutsche nach Israel kämen.
Vor ein paar Tagen rief mich meine Mutter aus Moledet an, sie habe in der Bibliothek ein etwa 15 Jahre altes Interview meiner Großeltern gefunden. Jetzt weiß ich, dass mein Opa eine landwirtschaftliche Schule in Köln besuchte, bevor er nach Palästina kam. Bis heute war dies in unserer Familie keinem bekannt. Es ist wirklich verrückt, ich lebe nur eine halbe Stunde von Köln entfernt, ohne zu wissen, was meine Vorfahren in dieser Gegend erlebt haben. Und jetzt wird unser Kind hier geboren. Was Opa wohl dazu gesagt hätte?

Aufgezeichnet von Frank Rothert

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