Gasa

Außer Kontrolle

von Bruno Schirra

In der Scheich‐Ijlin‐Moschee in Gasa‐Stadt kauern an diesem Freitagmorgen die Gläubigen dicht an dicht gedrängt und lauschen verzückt ihrem Prediger. Ganz leise hat Scheich Ibrahim Mudeiras zu reden begonnen, hat im Gespräch vorher angekündigt, dass er an diesem Tag mehr als nur klare Worte finden würde. Er hält, was er versprochen hat und treibt die etwa 500 Beter verbal vor sich her: »Sie wollen uns töten. Sie sind die Feinde der Menschheit, denn sie sind Juden. Also müssen sie vernichtet werden. Idbach el Yahud! Tod allen Juden!« Die Lautsprecheranlage in der Moschee hat die leise vorgetragenen Worte des Imams übertragen. Doch nun steigert sich seine Stimme unaufhaltsam in ein donnerndes Crescendo des Hasses, wird zum Kreischen, als Scheich Ibrahim Mudeiras zu einem langen historischen Exkurs ausholt.
Mudeiras ist ein begnadeter Redner, er weiß seine Worte wohl zu setzen, weiß, wie er die Zuhörer in seinen Bann ziehen kann. Im ständigen Auf und Ab seiner Stimme inszeniert er seinen Vernichtungssermon, beschwört das »leuchtende Vorbild des Propheten«, der die jüdischen Stämme von Medina vertrieben und im Massenmord vernichtet hat. Und er beschwört Allah. »Gott plagt uns, die wahren Gläubigen, bis heute mit dem Volk, das den Gläubigen am meisten Feind ist – den Juden. Wahrlich, du wirst finden, dass die Juden und die Polytheisten den Gläubigen am meisten Feind sind! Gott warnte seinen geliebten Propheten Mohammed vor den Juden, die ihre Propheten getötet, ihre Heilige Schrift gefälscht und zu allen Zeiten Verdorbenheit und Korruption verbreitet haben.«
Die alten Männer in der Moschee lassen sich von diesen Worten ebenso gefangen nehmen wie die jungen Burschen. Sie saugen die Botschaft des Hasses in sich auf. Als sie dann hören, wie Mudeiras den jüdischen Staat als »Krebsgeschwür« bezeichnet, Juden beschuldigt, das Aidsvirus erfunden zu haben, um die Menschheit zu vernichten, da bricht sich in der Ijlin‐Moschee ein kollektiver Ausbruch des Hasses seine Bahn. Als wär’s ein Stück aus Nürnberg, vom Reichsparteitag der NSDAP. »Tod allen Juden!«, schreien die Gläubigen verzückt. Ihre Augen leuchten glückselig, als Mudeiras seine »Lösung der jüdischen Frage« mit jetzt donnernder Stimme verkündet. »Die Juden sind die Ursache für das Leiden aller Nationen. Fragt die Briten, was sie mit den Juden im frühen sechsten Jahrhundert anstellten. Was machten die Briten mit den Juden? Sie vertrieben sie, folterten sie und verhinderten für mehr als 300 Jahre, dass sie Großbritannien betraten. Fragt Frankreich, was es mit den Juden anstellte. Es quälte sie, vertrieb sie und verbrannte ihren Talmud wegen der Zwistigkeiten, die die Juden in Frankreich in den Tagen von Ludwig XIX. zu entflammen suchten.«
Vierzig Minuten lang entwirft Mudeiras nur eine einzige Vision: Tod und Vernichtung allen Juden. Seit Jahren beschwört der von der Autonomiebehörde des Palästinenser‐Präsidenten Mahmud Abbas bezahlte Prediger in wortgleichen Sätzen den »ewigen Krieg der Religionen zwischen Muslimen und Juden«. Ibrahim Mudeiras kann aber auch ein freundlicher Gastgeber sein. In seinem Haus spricht er über das, was mehr als nur eine Verschiebung im politischen Machtgefüge des Gasastreifens ist. Zwar kämpfen Hamas, Islamischer Dschihad, das Volkswiderstands‐ komitee und die Reste der Al‐Aksa‐Brigaden der Fatah noch immer gemeinsam ihren Raketenkrieg gegen israelische Städte. Mehr als 7.800 Raketen gingen seit 2001 auf israelische Dörfer und Städte nieder, abgefeuert aus dem Gasastreifen. In den Untergrundfabriken des Gasastreifens produzieren die Terrororganisationen unaufhörlich ihre Tod und Zerstörung bringenden Kassamraketen. Aber die in der Vergangenheit so oft beschworene Einheit der Palästinenser ist längst zerbrochen. Seit dem blutigen Putsch von Hamas im Sommer vergangenen Jahres tobt unter der Oberfläche ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den palästinensischen Fraktionen. Ein innerpalästinensisches Morden, das es so gut wie nie auf die Titelseiten der westlichen Medien schafft. Obwohl kein Tag vergeht, an dem nicht Mitglieder der Hamas von Fatah‐Anhängern ermordet werden, Fatah‐Kämpfer die des Islamischen Dschihad bekämpfen. Als es im Dezember 2007 in Rafah, im Süden des Gasa‐ streifens, zu stundenlangen blutigen Gefechten zwischen Hamas und Islamischem Dschihad kommt, entpuppt sich die Gemeinsamkeit der beiden vom Iran unterstützen Gruppen endgültig als Schimäre. Es ist ein Krieg aller gegen alle, Islamisten gegen Islamisten.
Darüber spricht der freundliche Imam Mudeiras während des üppigen Mahls ausführlich. Er schafft es, ohne seinen Redefluss zu unterbrechen, Suppen, Lammfleisch, Reis und Salate in sich hineinzuschaufeln. Wer ihn so beobachtet, kommt zu der Erkenntnis, dass es zumindest dem frommen Mann im Gasastreifen an nichts zu fehlen scheint. Mudeiras berichtet über die blutigen Geschehnisse der vergangenen Monate eher nüchtern. Ihn scheint das blutige Chaos, die mörderische Anarchie in Gasa nicht sonderlich umzutreiben. Im Gegenteil. Mudeiras sieht genau darin eher eine Hoffnung. Vor ein paar Jahren dachte er darüber ganz anders. »Es braucht eine neue Kraft, eine neue Bewegung in unserem Krieg gegen die Juden. All die vergangenen Jahre haben uns in unserem Kampf nicht weitergebracht.« Ibrahim Mudeiras hebt triumphierend ein Flugblatt hoch. In blutig‐blumiger Sprache grüßt da »die Organisation der Al‐Qaida des Dschihad in Palästina« die Gläubigen und ruft zum Heiligen Krieg auf. Nicht nur in Gasa, sondern in allen Orten, in denen Juden und Ungläubige leben. Und das ist genau das, was Ibrahim Mudeiras kauend fordert – eine neue Dimension der mörderischen Konflikte um den Gasastreifen. Und um die Westbank. »Wir müssen unseren Heiligen Krieg für die Freiheit des palästinensischen Volkes auf der ganzen Welt führen, wir begrüßen unsere Brüder, die heldenhaften Mudschaheddin der Al‐Qaida in unserem gemeinsamen Krieg.«
Al‐Qaida ist angekommen im Gasastreifen. Was von israelischen Sicherheitskreisen in der Vergangenheit immer wieder befürchtet, oft genug auch behauptet, aber nie überzeugend bewiesen werden konnte, ist nun in den Städten und Dörfern des Gasastreifens zu besichtigen. In den Moscheen in Gasa‐Stadt und in Rafah an der Grenze zu Ägypten tauchen seit Monaten mehr und mehr Flugblätter und Pamphlete von Al‐Qaida auf. Und es gibt den ein oder anderen Sprecher von Hamas, der im vertraulichen Gespräch offen zugibt, dass dies eine Entwicklung ist, die nicht mehr zu kontrollieren sei, auch nicht von Hamas. Da weiß zum Beispiel ein Mann, der namentlich nicht genannt werden möchte, geradezu Unglaubliches zu berichten: »In den vergangenen Monaten sind aus Ägypten Dutzende Mudschaheddin der Al‐Qaida in den Gasastreifen eingesickert. Gut ausgebildete Kämpfer. Sie lauern in Wartestellung. Und das Problem der Hamas‐Führung besteht darin, dass es bei den Izz‐al‐Din‐al‐Qassam‐Brigaden immer mehr Kämpfer gibt, die eine gemeinsame Front mit Al‐Qaida aufbauen wollen. Wir können das nicht mehr kontrollieren.«
Hamas hat seinen Terrorkrieg immer nur als einen Krieg für die palästinensische Sache angesehen und nie wie Al‐Qaida einen globalen Krieg propagiert. Sollte sich nun aus den Reihen der Hamas und des Islamischen Dschihad, getragen von den jungen Terrorkriegern der beiden islamistischen Parteien, tatsächlich eine gemeinsame Front mit Al‐Qaida herausbilden, würde dies eine neue, weitaus gefähr‐ lichere Dimension dieses Krieges bedeuten. Einem Flächenbrand gleich würde der Kampf aus dem Gasastreifen heraus global geführt werden. Ganz so, wie es Ibrahim Mudeiras an diesem Freitag im Januar verlangt und dabei seine Ziele offen ausspricht: »Die Muslime haben zuvor schon einmal die Welt beherrscht und, bei Gott, es wird der Tag kommen, an dem wir die gesamte Welt erneut beherrschen. Der Tag wird kommen, an dem wir Amerika regieren. Der Tag wird kommen, an dem wir Großbritannien und die gesamte Welt regieren, mit Ausnahme der Juden.« Denn denen, sagt der Imam, drohe nur ein Schicksal. »Die Juden werden unter unserer Herrschaft kein Leben in Frieden genießen, weil sie von Natur aus betrügerisch sind. Der Tag wird kommen, an dem alles von den Juden befreit sein wird, sogar die Steine und die Bäume, denen sie Schaden zufügten. Hört auf den Propheten Mohammed, der euch von dem bösen Ende erzählt, das auf Juden wartet! Die Steine und Bäume werden von den Muslimen verlangen, dass jeder Jude ausgeschaltet wird.«
Dass die blutige Rhetorik des frommen Scheichs die Realität des Gasastreifens widerspiegelt, haben die letzten Monate gezeigt. Der Gasastreifen war immer ein Gebiet, in dem sich westliche Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, EU, UNO und Journalisten sicher aufhalten konnten. Ausgerechnet Hamas und Islamischer Dschihad waren dafür ein Garant. Die seltenen Entführungen westlicher Bürger verliefen meist glimpflich, erweckten zuweilen einen bizarren, ja fast skurrilen Eindruck. War es noch im Frühjahr 2007 möglich, relativ ungefährdet durch den Gasastreifen zu reisen, so ist das in diesen Januartagen ein weitaus gefährlicheres Unterfangen. Das macht Hussam, der 24 Jahre alte Kampfkommandeur der Izz‐al‐Din‐al‐Qassam‐Brigaden, in brutaler Offenheit deutlich: »Für euch sind die guten Zeiten hier endgültig vorbei. Wer sich als Westler durch Gasa bewegt, riskiert es, getötet oder entführt zu werden.« Hussam hat zuvor mit Stolz in der Stimme über seinen Kampf gesprochen, in seiner schwarzen Uniform, bewaffnet mit einem neuen M16‐Sturmgewehr, immer wieder posiert, von Tod und Martyrium geschwärmt. Dass er nach dem Besuch bei Scheich Ibrahim Mudeiras an diesem Freitag nur noch elf Tage und sechs Stunden von seinem Eintritt ins Paradies entfernt ist, weiß er vermutlich nicht.
Sie haben beide, Hussam und Scheich Mudeiras, wiederholt davon erzählt, wie schön das Sterben für Allah doch sei. Ein Wunsch, der sich am 15. Januar für Hussam erfüllt: Während eines israelischen Luftangriffs auf eines der Waffenlager der Hamas wird er von einem Schrapnellsplitter getötet.
Auf dem Weg von Gasa nach Khan Yunis hatte Hussam über sich und seinen Vater gesprochen, wie der ihn zum Töten im Namen Allahs erzogen habe. Mahmoud Zahar heißt er und ist der eigentlich starke Mann des Gasastreifens. Zahar hatte den Putsch der Hamas gegen die Fatah von Abbas organisiert, die erfolgreiche Machtübernahme der Islamisten und die Etablierung eines Islamischen Gottesstaates orchestriert. »Der Weg zur Befreiung von Al‐Quds«, sagte Hussam Zahar bei dieser Fahrt, »dieser Weg führt nur über die Gräber der Märtyrer. Wir müssen und werden diesen Weg aus dem Gasastreifen heraus durch alle Länder des Westens gehen. Mit Tod und Zerstörung.«

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