Anmerkungen

Ausgelacht

von Hannes Stein

Kennen Sie den? Parade zum 1. Mai auf dem Roten Platz in Moskau, circa 1937. Die zufriedenen und fröhlichen Arbeiter und Bauern ziehen in Blöcken an der Tribüne vorbei, wo die führenden Vertreter der Sowjetmacht stehen und ihnen zuwinken. Plötzlich niest jemand. »Wer hat da geniest?« fragt Genosse Stalin. Niemand meldet sich. Stalin befiehlt: »Den ersten Block erschießen!« Der erste Block wird von Kalaschnikows niedergemäht. Stalin fragt wieder: »Wer hat da geniest?« Zitterndes Schweigen. Stalin ordnet an: »Den zweiten Block erschießen!« Maschinengewehrfeuer, Stille. Stalin fragt: »Wer hat da
geniest?« Der Mann, der geniest hat, steht im dritten Block. Er denkt: Jetzt ist es sowieso schon egal, gleich werde ich auf alle Fälle erschossen – also tritt er vor, reißt sich zum Denkmal zusammen und meldet gehorsamst: »Ich, Genosse Stalin!« Darauf Stalin, leutselig: »Gesundheit, Genosse!«
Dies ist nur einer aus einer Myriade von Stalin-Witzen, die auf dem Mist der Sowjetunion blühten. Und damit sind wir gleich beim ersten Grund, warum es nicht nur erlaubt, sondern moralisch geboten ist, sich über Hitler lustig zu machen: Wieso sollte ausgerechnet der Dreckskerl aus Braunau ungeschoren davonkommen? Wenn die Leute sich über den Tyrannen im Kreml schieflachen, dann doch bitteschön mindestens ebensosehr über den Kretin in der Reichskanzlei. Insofern ist es völlig in Ordnung, wenn Dani Levy in diesen Tagen Statisten in SS-Uniform für seine Hitlerparodie in Berlin aufmarschieren ließ. Daß das Lachen über die Diktatoren niemals ihre Opfer meint, versteht sich dabei von selbst. Wer den zitierten Witz komisch findet, der verhöhnt nicht die Abertausenden von Unschuldigen, die im Wäldchen von Kuropaty erschossen wurden. Wer Hitler im Rückblick komisch findet, der vergißt ja nicht die mehr als eine Million Kinder, die von Hitlers willigen Henkern ermordet wurden, nur weil sie Juden waren.
Ein zweiter Grund, warum es völlig in Ordnung ist, wenn man über Hitler lacht: Es ist eine ehrwürdige jüdische Tradition, sich über Antisemiten lustig zu machen. Das Buch Esther berichtet bekanntlich von einem Bösewicht, der den Plan hegte, »alle Juden im persischen Reich – jung und alt, Frauen und Kinder – an einem einzigen Tag, dem 13. Tag des Monats Adar, zu vertilgen, zu vernichten, sie auszurotten und ihr Hab und Gut zu plündern« (Esther 3,13). Dieser Genozid wurde von der wunderschönklugen Königin Esther hintertrieben, die den bösen Haman in eine Falle lockte. Sie lud ihn und den König zum Essen ein und deckte ohne Vorwarnung seine mörderischen Intrigen auf. Daraufhin stürzt der König wütend in den Schloßgarten hinaus, und es kommt zu folgender hochkomischen Szene: »Haman blieb, um bei der Königin Esther für sein Leben zu bitten, denn er sah, daß der König das Unheil über ihn beschlossen hatte. Der König kehrte aus dem Schloßgarten in den Saal des Gastmahls zurück, und Haman war auf das Sofa hingesunken, wo Esther saß. Da sprach der König: Will er jetzt in meinem Palast auch noch die Königin vergewaltigen?« (Esther, 6,7-8) Es ist unvorstellbar, daß die Juden in Susa und Baktra über die tiefexistentielle Doofheit ihrer Feinde nicht Tränen gelacht haben, wenn diese Szene in der Synagoge vorgelesen wurde. Was aber im Falle Hamans recht ist, sollte uns bei Hitler billig sein: Auch der Oberantisemit aus Braunau hat es verdient, daß er sein Fett abkriegt.
Es gibt noch einen dritten Grund, warum es beinahe unmöglich ist, sich über Hitler und die Nazis nicht lustig zu machen. Das Dritte Reich mit seinen Aufmärschen und Fackelzügen war eine riesenhaft-aufwendige Inszenierung, blieb aber im Kern immer Schmierentheater. Aus diesem Aspekt nehmen die beiden wichtigsten Filmkomödien über Hitlerdeutschland ihren Witz: Charlie Chaplins Der große Diktator und Sein oder Nichtsein von Ernst Lubitsch. Bei Chaplin übt Hynkel wie ein Charakterdarsteller vor dem Spiegel seine Diktatorenposen; bei Lubitsch schafft es eine miese polnische Schauspielertruppe mühelos, mit der Gestapo verwechselt zu werden. Manche Witze drängen sich dermaßen auf, daß es eine glatte Sünde wäre, sie nicht zu machen. Zweifellos wird man uns im nächsten Leben für jede Pointe zur Verantwortung ziehen, die wir auf Erden platzen ließen.
Wenn also jetzt der Jude Dani Levy mit Helge Schneider in der Hauptrolle einen Hitlerfilm dreht (Mein Führer – Die Wirklich Wahrste Wahrheit Über Adolf Hitler) und mit Mel Brooks’ The Producers gleich noch eine Hitlerposse aus Amerika in die Kinos kommt (vgl. S. 10), soll uns das überhaupt nicht ärgern. Ganz im Gegenteil. Die Frage ist nicht, ob man über Hitler Witze machen darf, sondern wie gut diese Witze sind.

Hannes Stein ist Redakteur der Tageszeitung »Die Welt«.

Vereinte Nationen

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