Salomon Korn

»Aus Tätern dürfen keine Opfer werden«

Herr Korn, seit Schoa und Nationalsozialismus sind mehr als 60 Jahre vergangen. Verblasst die Erinnerung daran?
korn: Nach 60 Jahren bewegt ein solches Ereignis die individuelle Gefühlswelt der Men- schen anders als früher. Wie Heinrich Heine sagt: Nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Träne. So kann der heutige Schmerz, wenn der zeitliche Abstand zu groß wird, nicht mehr unmittelbar verwandt sein mit dem einst empfundenen. Ein solcher ist von der nächsten und übernächsten Generation allenfalls intellektuell zu erfassen. Die Emotionalität mag dann zwar verblassen, doch das darf nicht für den rationalen Anteil der Erinnerung gelten.

Es gibt zig Bücher, Fernsehserien, Diskussionen, die sich mit der Nazizeit beschäftigen. Dennoch hat man den Eindruck, dass das nicht bis ins öffentliche Bewusstsein vordringt. Was läuft in Deutschland schief beim Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung?
korn: Man muss zwischen der öffentlichen Beschäftigung mit dem Thema – das Wort »Aufarbeitung« mag ich nicht – und der privaten Ebene unterscheiden. Was die öffentliche Auseinandersetzung damit betrifft, kann man den verantwortlichen Institutionen keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil. Da wurde in den vergangenen Jahrzehnten Beachtliches geleistet. Nur: Was in der einzelnen Familie häufig geschah und nach wie vor geschieht, bleibt davon weitgehend unberührt.

Warum?
korn: Erinnerung wird dauerhaft gestützt, wenn sie emotional unterfüttert ist. Doch die Mehrzahl der vom nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen betroffenen deutschen Familien hat zahlreiche Schutzwälle aufgebaut, um diesen Teil der deutschen Geschichte nicht auf ihre individuelle und nationale Identität einwirken zu lassen. Denn das würde sich für den Einzelnen destruktiv auf dessen Persönlichkeit auswirken. Mit anderen Worten: Es ist nahezu unmöglich, sich mit Negativem zu identifizieren. Das hieße, Zerstörerisches zum Teil der eigenen Persönlichkeit zu machen. In diesem Abwehrprozess sind zahlreiche Legitimationsstrategien entwickelt worden, sich nicht mit dem dunkelsten Teil der deutschen Geschichte und deren Folgen auseinandersetzen zu müssen. Hier bewegen wir uns bereits auf dem Gebiet des Revisionismus. Dennoch darf man neben gesell- schaftlichen und historischen Ursachen die psychologischen nicht außer Acht lassen bei der Fra- ge, warum die Beschäftigung mit der NS-Zeit auf der öffentlichen Ebene so ganz anders verlaufen ist als auf der privat-familiären.

Muss man diesen Entlastungsbemühungen etwas entgegensetzen?
korn: Notwendig wäre zunächst, dass solche Einstellungen erkannt werden, um das Phänomen begreifen zu können. Dadurch wird möglicherweise erklärbar, warum der quantitative Aspekt der Aufklärung keinen entsprechenden qualitativen Erfolg hatte. Eine zum Selbstschutz der Persönlichkeit errichtete Barriere hat das oft verhindert. Aber die ernsthafte Auseinandersetzung mit Nazizeit und Schoa ist nicht schon zwangsläufig eine Versicherung gegen einen labilen Erinnerungszustand.

Wieso nicht?
korn: Ich kann mich als Betroffener auf der einen Seite dem Thema sehr wohl intellektuell nähern, ja, es bis zu einem gewissen Grad versuchen zu begreifen. Auf der anderen Seite aber muss ich es aus emotionalen Gründen, aus solchen des Selbstschutzes, abwehren oder zumindest in der Schwebe halten. Daraus resultiert ein labiler, ambivalenter Erinnerungszustand. Und in dem befin- den sich viele Deutsche.

Aber besteht da nicht die große Gefahr, dass Täter sich als Opfer stilisieren?
korn: Ja, als Versuch der unmittelbar Beteiligten, das Geschehene aus Legitimationsgründen umzudeuten. Deshalb muss man im Sinne der Aufklärung dagegenhalten: Aus Tätern, Zuschauern, Mitläufern, Profiteuren und selbst Unbeteiligten dürfen keine Opfer werden. Viele versuchen zwar, in diese Rolle zu schlüpfen, aber eben das müssen wir verhindern. Denn es wäre sonst eine Umdeutung und damit eine Verfälschung der Geschichte.

Täter und Opfer gab es auch während der SED-Diktatur. Die Erforschung und Aufarbeitung des DDR-Unrechts rückt immer mehr in den Vordergrund.
korn: Was auch legitim ist.
Wie aber kann vermieden werden, dass Nazi- und SED-Regime zu Konkurrenten werden, wenn es um die Gunst der öffentlichen Aufmerksamkeit geht?
korn: Das ist kaum zu vermeiden, denn die Opfer der jeweiligen Diktatur halten ihr persönlich empfundenes Leid immer für das größte. Sie haben es ja am eigenen Leib erfahren. Und weil jedem das eigene Leid am nächsten ist, scheint auch das jeweils erlittene Unrecht das größte zu sein. Eine solche Reaktion ist menschlich. Und jedes Opfer hat das Recht auf Würdigung seines erlittenen Leids, gleichgültig, unter welcher Diktatur es ihm zugefügt wurde. Aber bei rationaler Betrachtung historischer Ereignisse und Dimensionen zählt die Kühle des kontrollierenden Verstandes, nicht individuelles Empfinden. Die Addition von persönlichen Biografien ergibt noch keine Geschichte. Ich muss, um Geschichte begreifen zu können, von subjektiver Emotionalität weitgehend absehen. Das geschieht zwar unter Einschränkung der Gewichtung von Einzelschicksalen, aber mit Gewinn für die Gesamtsicht.

Klingt nach einem schwierigen Unterfangen.
korn: Ist es auch. Ideal wäre nämlich eine Geschichtsbetrachtung, die sowohl die Gesamtschau enthielte als auch das individuelle Schicksal nicht vernachlässigte. Einen solchen Ansatz verfolgt zum Beispiel der Holo- caustforscher Saul Friedländer. Aber eines steht fest: Wir erhalten niemals eine wirklich objektive Sicht darauf, wie es tatsächlich war, wir können uns ihr nur annähern.
Verstehen wir Sie richtig: Es ist von Vorteil, wenn Ereignisse historisiert werden?
korn: Die Historisierung hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil: Ich gewinne einen größeren und neutralen Überblick. Der Nachteil: Das Moment der Empathie droht zunehmend verloren zu gehen, wenn ich die emotionale und individuelle Ebene weniger gewichte und einen eher systemischen Ansatz wähle. Mir ist auch nicht klar, wie diese Antinomie letztlich aufzulösen ist.

Geht Historisierung nicht automatisch mit Vergleichen einher?
korn: Nein. Historisierung ist nichts anderes als der wachsende Überblick, den man durch größeren zeitlichen Abstand zu geschichtlichen Ereignissen erhält. Zum Thema Vergleichen: Das Wort hat zwei Bedeutungen, »abgleichen« und »gleichsetzen«. Abgleichen müs- sen wir immer. Kein historisches Ereignis steht ohne Bezug zu anderen geschichtlichen Vorgängen. Ich kann Dinge nur beurteilen, wenn ich sie im Kontext betrachte. Es bedarf unabdingbar des Abgleiches, um beurteilen zu können: A ist schlimmer oder weniger schlimm als B. Gleichsetzen ist etwas anderes.

Und zwar?
korn: Ich kann nicht einfach Kommunismus mit Nationalsozialismus und diesen wiederum mit den Killing Fields in Kambodscha gleichsetzen. Es sind unterschiedliche Ereignisse in unterschiedlichen Kulturkreisen unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Das waren alles verabscheuungswürdige Verbrechen. Aber ich muss mir die Mühe machen, die qualitativen, historischen, sozialen und ideologischen Unterschiede herauszufinden. Das verlangt nun mal wissenschaftliche Redlichkeit.

Trügt der Eindruck, dass im Gedenkstättenkonzept des Bundes das nationalsozialistische Regime in den Windschatten des kommunistischen Regimes gerät?
korn: Das ist in der Tat die Schwäche dieses Konzepts. Weitere Probleme sind zum Beispiel gleichmachende Oberbegriffe wie »Totalitarismus« oder »beide deutschen Diktaturen«, weil sie suggerieren, dass sich dahinter dasselbe verbirgt. Es sollte geprüft werden, wo in diesem Gedenkstättenkonzept solche sprachlichen Gleichsetzungen vorhanden sind und wie sie ausgeräumt werden können – und sie können ausgeräumt werden.

Wie müsste eine inhaltliche Aufarbeitung der kommunistischen Diktaturen aussehen, die den Nationalsozialismus nicht relativiert?
korn: Sie müsste vom aufrichtigen Bemühen gekennzeichnet sein, zunächst die Tatsachen zusammenzutragen, ohne auf andere Diktaturformen zu schielen. Um der wissenschaftlichen Redlichkeit willen, sollte solches Forschen frei von jeder Waagschalenmentalität und damit frei von jeder Form der Aufrechnung sein. Keinesfalls darf es sich von zielgerichteten Absichten leiten lassen, Verbrechen unter kommunistischer Herrschaft auf der »Skala der Gräueltaten« so weit oben zu platzieren, dass sie sich am Ende den »Spitzenplatz« mit dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen teilen oder es gar »übertreffen«. Auch hier ist der Abgleich zur Erforschung des historischen Kontextes erlaubt, ja, notwendig, aber jede Gleichsetzung unredlich und revisionistisch.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Ingo Way.

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