Hannah Arendt

Aus dem Tagebuch einer Denkerin

von Miryam Gümbel

„Ohne Denken gibt es keine Gegenwart“ – diesem Zitat der Philosophin Hannah Arendt kam bei der Abschluß‐Matinée der Reihe „Jüdische Lebenswelten“ gleich mehrfache Bedeutung zu. Aus Anlaß des 100. Geburtstages der großen Philosophin hatten das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde, die Gasteig GmbH und die Münchner Volkshochschule zu einer Lesung der besonderen Art eingeladen: Hannah Arendt hatte hier selbst das Wort, zum einen in Filmausschnitten eines berühmt gewordenen Fernsehgesprächs mit Günther Gaus aus dem Jahr 1964 und zum anderen mit der Lesung aus ihrem soeben im Piper‐Verlag erschienen Denktagebuch. Angehende Schauspieler der Bayerischen Theaterakademie lasen die Eintragungen aus 23 Jahren vor, welche Arendt – als eine der wenigen englisch schreibenden emigrierten Autorinnen auf Deutsch – in insgesamt 28 Notizbüchern festgehalten hatte.
„Ohne Denken gibt es keine Gegenwart“ – wie sehr dies das Leben nach Auschwitz prägt, wurde in einer Filmsequenz deutlich, in der Hannah Arendt unterstrich, daß dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit für immer im Bewußtsein bleibt und das Heute beeinflußt. Daß man Feinde hat, das sei verständlich und normal. Die vorsätzliche Vernichtung der Juden durch die Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus sei jedoch, wie die Programmdirektorin der Münchner Volkshochschule, Susanne May, bei ihrer Einführung betonte, ein radikaler Zivilisationsbruch gewesen. May weiter: „Neue Orientierung gewinnt das Denken nur, wenn man gewissermaßen unter dem Schutt der Tradition gräbt und verborgene Bedeutungsschichten freilegt.“
„Ohne Denken gibt es keine Gegenwart“ – dieses Zitat hatte deshalb auch Bedeutung für die gesamte Benefizreihe, die mit dieser Matinée ihren Abschluß gefunden hat. In insgesamt neun Veranstaltungen hatten die genannten Veranstalter seit Sommer 2004 nicht nur hochkarätige Gäste eingeladen, sondern auch ein breites Spektrum jüdischen Lebens aufgezeigt und damit zum Wissen über dieses und zur Verständigung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen beigetragen. Und noch ein wichtiger Aspekt hat ihnen dabei am Herzen gelegen: Die Leiterin des IKG‐Kulturzentrum Ellen Presser erklärt: „Mit unserer Benefizreihe ‚Jüdische Lebenswelten‘ wollen wir den Bau des neuen Gemeindezentrums unterstützen.“ Am 9. November wird die Synagoge eingeweiht. In den kommenden Monaten soll das Gemeindezentrum Schritt für Schritt bezogen werden. Mehrere tausend Euro sind durch die Benefizreihe zusammengekommen, weil die Gäste bis hin zu den jungen Schauspielern der jüngsten Veranstaltungen auf Honorare zugunsten des guten Zwecks weitestgehend verzichtet haben, ebenso wie der Gasteig auf die Miete für den Veranstaltungssaal „Black Box“ oder Verlage auf die finanzielle Abgeltung ihrer Rechte.
Der Auftakt zu den „Jüdischen Lebenswelten“ galt vor zwei Jahren Isaac Bashevis Singer anläßlich seines 100. Geburtstages. Man empfinde die Rückkehr jüdischen Lebens in das Herz der Münchner Altstadt als Bereicherung, hatte Susanne May damals betont – und mit diesem Gedanken bereits inhaltlich das genannte Zitat Hannah Arendts erfaßt.
Weitere Veranstaltungen widmeten sich den Kindheitserinnerungen von Zeitzeuginnen aus Theresienstadt. Der Historiker Michael Brenner stellte „Deutsch‐jüdischen Humor von Heine bis Tucholsky“ vor. Weitere Sonntag‐Vormittage widmeten sich Albert Einstein, Georg Stefan Troller oder Otto Klemperer. Der Anklang, den diese Reihe beim Münchner Publikum fand, bestätigt dessen Bereitschaft, mit Denken und Gedenken den Weg einer neuen, gemeinsamen Zukunft zu gehen. Oder, wie es die beiden Herausgeberinnen des Denktagebuchs von Hannah Arendt, Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann, formuliert haben, „die in der totalitären Erfahrung manifest gewordene Krise des Denkens produktiv zu wenden und die philosophische Tradition in neuer Weise zu befragen“.
So wird auch mit dem Ende dieser Benefizreihe kein Schlußpunkt gesetzt. In anderer Form soll die bewährte Zusammenarbeit unter den genannten Veranstaltern weiterhin stattfinden. Und damit soll ein weiterer Wunsch von Hannah Arendt im Münchner Alltag umgesetzt werden: „Mögen diejenigen, die nach uns kommen, wenn sie unseres Jahrhunderts und seiner Menschen gedenken und ihnen die Treue zu halten versuchen, auch die verwüstenden Sandstürme nicht vergessen, die uns alle, jeden auf seine Weise, herumgetrieben haben.“

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