Medien

Aus dem Herzen gesprochen

von Jonathan Rosenblum

Entscheidend für stabile zwischenmenschliche Beziehungen ist die Fähigkeit zu kommunizieren. In unserer technologisierten Gesellschaft gibt es viele Formen der Kommunikation, die frühere Generationen nicht kannten. Es fällt schwer, sich zu vergegenwärtigen, dass das Wort »E-Mail« noch vor 20 Jahren unbekannt und die damit verbundene Technologie unerprobt war. Mobiltelefon, Computer, SMS, Faxe und so weiter sind alle neue Methoden, um miteinander zu kommunizieren. Das Paradebeispiel wirksamer Verständigung bleibt aber weiterhin das gesprochene Wort.
Obschon die Tora auf Stein und Pergament niedergeschrieben wurde, damit das jüdische Volk sie lesen und studieren soll, schildert die Tora selbst, dass Moses von Gott häufig aufgetragen wird: Daber el Bnei Jisrael – sprich mit dem jüdischen Volk. Die Vorstellung von einem mündlichen Gesetz, das für das jüdische religiöse Denken maßgeblich ist, basiert auf der Tatsache, dass Menschen miteinander sprechen. Was das Sprechen zur wichtigsten Kommunikationsweise macht, ist die sehr persönliche Form.
Tonfall und stimmliche Nuancen, die sich nur beim Sprechen mitteilen, können in einem Schreiben nicht nachgeahmt werden. Gut zu schreiben ist ebenso eine Fähigkeit wie gut zu reden, doch beide sind nicht unbedingt austauschbar. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Rabbiner Israels immer der Meinung waren, die Tora, insbesondere die mündliche Gesetzesüberlieferung, müsse in einem Umfeld von gesprochenem Wort und zwischenmenschlicher Kommunikation gelehrt werden. Wir sind das Volk des Buches, aber mehr noch sind wir das Volk des Ohres und des Mundes.
In der jüdischen Überlieferung wird das Lernen der Tora von einer Melodie begleitet. Jeder, der das Glück hatte, eine gewisse Zeit – und sei es nur kurz – im Studiensaal einer Jeschiwa zu verbringen, wird sich sein Leben lang an die Melodien erinnern, die während des Talmudstudiums gesungen werden. Die Melodie selbst ist eine Kommunikationsmethode im Torastudium. Das öffentliche Lesen der Tora am Schabbat erfolgt immer getreu den klangvollen Noten, die ihre heiligen Worte begleiten. Im Idealfall ist es zu wenig, die Parascha für sich allein zu lesen. Es ist das öffentliche Lesen der Tora, nicht das gelesene Wort allein, sondern das gesprochene Wort, das uns leitet und belehrt.
Die Tora wurde uns durch eine menschliche Stimme, die Stimme Moses, gewährt. Das jüdische Volk selbst flehte Moses an, es zu belehren, denn es konnte Gott nicht »hören«. Seither wird die Tora stets durch die menschliche Stimme und durch persönliche, ja individuelle Methoden der Kommunikation von Generation zu Generation weitervermittelt. Der Midrasch lehrt uns, dass Gott, als er aus dem brennenden Dornbusch auf dem Sinai zum ersten Mal mit Moses sprach, die menschliche Stimme von Amram, dem Vater Moses, annahm. So ist Gott sozusagen das beste Beispiel dafür, dass eine erfolgreiche Kommunikation mit Menschen durch eine menschliche Stimme erfolgt. Diese Vorstellung ist die Grundlage für die Tora-Erziehung und das Reifen an der Tora. Daher sind Lehrer, Vorträge, Schiurim, sogar Audiokassetten und CDs die notwendigen Komponenten einer erfolgreichen Tora-Kommunikation.
Ich habe bereits öfter die Geschichte meines verstorbenen Schwiegervaters sel. A., Rabbiner Leizer Levin, erzählt. Zu ihm sagte der Gelehrte Chafetz Chajim zum Abschied: »Geh’ und sprich mit dem jüdischen Volk.« Nach diesem Motto hat er sein ganzes Leben gelebt. Noch zwei Wochen vor seinem Heimgang im Alter von 96 Jahren sprach er auf einem Bankett einer Jeschiwa in Detroit. Die Rabbiner der jüdischen Tradition erweiterten die Vorstellung von der Bedeutung der direkten Kommunikation um den Gedanken, dass das aufrichtige, aus dem Herzen kommende Wort auch in die Herzen der Zuhörer eindringt. Dies ist ein Aspekt und eine Gabe, die dem gesprochenen Wort eigentümlich sind.
Geschriebene Worte, so gewaltig und zwingend sie sein mögen, haben diese Eigenschaft nicht. Geschriebene Worte erreichen das Herz erst, nachdem sie durch das Gehirn und den Intellekt eines Menschen gefiltert wurden. Gesprochene Worte können sofort und direkt in das Herz des Zuhörers eindringen. Im Zweiten Weltkrieg trugen die öffentlichen Reden Winston Churchills mehr zum Sieg über Nazideutschland bei als sein Geschick in Regierungs- und Verwaltungsfragen.
Der Herr fordert von uns, Herz und Verstand für edle und heilige Zwecke und für die Bewahrung der Tora und Israels zu mobilisieren. Doch ebenso gebietet der Herr, dass wir unsere Zungen und Münder mobilisieren, um diese Ziele zu erreichen. Aus diesem Grund wird schlechte Rede im jüdischen Gesetz und in der jüdischen Tradition so geschmäht und gute Rede so gelobt und gefeiert.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Jewish Media Resources, Jerusalem

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