nichtjüdische Umwelt

Aufeinander zu

von Alexander Krimhand

Im Mittelpunkt des Wochenabschnitts Jitro steht das bedeutendste Ereignis der jüdischen Geschichte: der Empfang der Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Doch warum enthält der Name des Abschnitts keinen Hinweis auf diese wichtige Begebenheit?
Jitro wird uns in der Tora als Opferpriester von Median und als Mosches Schwiegervater vorgestellt. An drei Stellen begegnet man ihm in der Tora: Mosche trifft ihn zunächst auf seinem Weg aus Ägypten im Wochenabschnitt Schemot (2. Buch Moses 1,1 – 6,1) und heiratet seine Tochter. Dann stößt Jitro zu Beginn unseres Wochenabschnitts mit seiner Tochter, Mosches Ehefrau Zippora, und ihren beiden Kindern zum Volk Israel, das sich nach dem Auszug aus Ägypten und dem Kampf gegen Amalek am Fuße des Bergs Sinai niedergelassen hat. Ein letztes Mal spricht die Tora über ihn erst wieder im Wochenabschnitt Beha’alotcha (4. Buch Moses 8,1 – 12,16), wo er sich nach zweijährigem Aufenthalt beim Volk Israel von Mosche verabschiedet.
Viele Kommentatoren haben versucht, die Verbindung zwischen der Gabe der Tora und Jitro, dem Namensgeber des Abschnitts, herzustellen. Das kabbalistische Buch Sohar erklärt beispielsweise, dass Jitros Ankunft beim Volk Israel und seine Anerkennung von der göttlichen Lehre eine Vorausetzung für den Weg zur Tora war. Seine Proklamation »Nun weiß ich, dass der Ewige größer ist als alle Götter« (2. Buch Moses 18,11) bewirkte grandiose Aufregung der Welten und führte zur Übergabe der Tora.
Abraham ben Meir ibn Esra (1089–1164), einer der wichtigsten mittelalterlichen Bibelexegeten, war jedoch der Meinung, Jitro habe zu dem Zeitpunkt, als die Tora übergeben wurde, noch nicht beim Volk Israel gewesen sein können, er sei erst im Wochenabschnitt Beha’alotcha eingetroffen. In seinem Kommentar zum 2. Buch Moses, Kapitel 18 schreibt er: »Der Gaon (Rav Saadia) sagte, dass Jitro vor der Gabe der Tora in die Wüste Sinai gekommen sei. Gemäß meiner Meinung (verhält es sich aber so), dass er erst im zweiten Jahr, nachdem das (Zelt-)Heiligtum aufgerichtet wurde, kam. Es steht in (diesem) Kapitel nämlich geschrieben: Brand‐ und Schlachtopfer für Gott (18,12), ohne (dass zuvor) erwähnt wird, dass er einen neuen Altar baute, (um auf ihm diese Opfer darzubringen). Fernerhin steht geschrieben: ›Und ich verkünde die Satzungen Gottes und seine Torot‹ (18,16). Siehe, (all) dies ist (erst) nach (der) Gabe (der) Tora (möglich).«
Wenn Jitro erst nach Übergabe der Tora zum Volk Israel kam, warum unterbricht die Tora den chronologischen Ablauf und erzählt uns an dieser Stelle von Jitro?
Abraham ben Meir ibn Esra schrieb: »… weil (die Schrift) oben das Böse erwähnte, das Amalek Israel tat, erwähnt sie ihm [Amalek] gegenüber (nun) das Gute, das Jitro Israel tat.« Der Grund für diese Einfügung war demnach der kurz davor in Kapitel 17 beschriebene hinterlistige Angriff Amaleks auf das Volk Israel. Die Tora möchte ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt dem Verhalten Amaleks Jitros Ansichten gegenüberstellen. Jitro soll ein markanter Gegensatz zu den grausamen Taten von Amalek darstellen.
Das beispiellose Vorgehen der Ägypter beim Auszug und die Auseinandersetzung mit den Amalekitern sollen beim Leser keinesfalls den Eindruck erwecken, alle Nichtjuden würden das Volk Israel hassen und verachten. Um das zu verdeutlichen, wird uns an dieser Stelle der gutmütige Nichtjude Jitro vorgeführt.
Die Lehre, die wir nach Abraham ben Meir ibn Esra aus dieser Begebenheit ziehen können, ist die Einsicht, dass es unter Nichtjuden sowohl Bösewichte wie Amalek und Pharao als auch gute, gottgerechte Menschen gibt wie Jitro. Gegen die einen soll das Volk sich wehren, die anderen soll es stets achten und respektvoll behandeln.
Die Tatsache, dass die Tora an einer scheinbar unpassenden Stelle darüber nachdenkt, wie das Volk Israel sich gegenüber der nichtjüdischen Welt verhalten soll, unterstreicht die Bedeutung dieser Botschaft.
Die Prinzipien der zwischenmenschlichen Beziehungen sind fest in der jüdischen Tradition verankert. Die Gebote »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« und »Wie ein Volksgeborener von euch soll euch der Fremdling sein« nehmen eine grundlegende Rolle im jüdischen Recht ein, indem sie das Verhältnis zwischen allen Menschen regeln. Deshalb trägt dieser wichtige Wochenabschnitt den Namen Jitros.

Der Autor unterrichtet Jüdische Religionslehre in Dortmund, Gelsenkirchen und Bielefeld.

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