Abtreibung

Auf Leben und Tod

von Wladimir Struminski

Nurit B. (Name geändert) steht vor einem Dilemma: Soll sie ihr Baby austragen oder abtreiben? Die unverheiratete Mittzwanzigerin ist unter enormem Druck. Auf der einen Seite weiß sie: »Ich trage neues Leben in mir. Ich bin nicht fromm. Aber die Heiligkeit des Lebens ist mir ein Begriff.« Auf der anderen Seite hat sie Angst: »Jetzt ein Kind, und die Karriere ist hin. Das ganze Leben verbaut.« Der zukünftige Vater ist in Panik. So hat er sich seine lockere Beziehung nicht vorgestellt. Für ihn ist die Sache klar: Der Fötus muss weg. Nurit gibt nach: Sie geht ins nächstgelegene Krankenhaus zur Kommission für Schwangerschaftsabbrüche. Dort ist alles ganz problemlos: Bei einer Schwangerschaft außerhalb der Ehe erfolgt die Bewilligung automatisch. Nurit legt lediglich ihren Personalausweis mit dem Eintrag »Rawaka«, ledig, vor und kurze Zeit später ist alles vorbei.
Wie Nurit geht es in Israel Jahr für Jahr schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Frauen: Sie entscheiden sich gegen das ungeborene Leben. Nach dem Gesetz darf eine Abtreibung nur in die Wege geleitet werden, wenn die zuständige Kommission sie bewilligt hat. In der Praxis aber kann jede Frau nach eigenem Gutdünken entscheiden: Die Kommissionen legen den Frauen keine Hürden in den Weg. Laut einer Amtsstatistik wurden im Jahre 2005, das sind die jüngsten verfügbaren Angaben, nicht einmal 300 der insgesamt 19.000 Anträge auf eine Abtreibung abgelehnt. In 55 von 100 Fällen heißt der häufigste Grund »außereheliche Schwangerschaft«.
Andere Gründe sind schwangerschaftsbezogene Probleme wie Missbildungen des Fötus, das Alter der Antragstellerin, das von unter 17 bis über 40 reicht, Schwangerschaften infolge von Inzest, Vergewaltigung sowie die Gesundheit der Frau. Der letztere Paragraf wird etwas großzügig ausgelegt und umfasst auch seelische Schäden. Er ersetzt damit die inzwischen abgeschaffte Sozialindikation. Wem die offizielle Prozedur zu lästig ist oder wer die Schwangerschaft erst gar nicht aktenkundig machen will, lässt den Eingriff für umgerechnet bis zu 1.000 Euro ohne Formalitäten und damit illegal durchführen. Schätzungen zufolge tun dies jährlich rund 20.000 bis 30.000 Frauen. Da sieht auch die israelische Frauenlobby das Recht auf freie Abtreibung als faktisch gegeben an. »Nach unserer Auffassung darf die Frau allein über ihren Körper entscheiden. Eine offizielle Freigabe der Entscheidung über eine Schwangerschaftsunterbrechung erscheint uns aber nicht nötig. Wir wollen niemanden provozieren«, sagt die Vorsitzende der Frauenlobby, Rina Bar-Tal, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Trotz solcher Freiheit nimmt der Wunsch nach Abtreibungen ab. Seit 1977 ging die landesweite Zahl der Schwangerschaftsabbrüche um schätzungsweise ein Sechstel zurück, obwohl sich die Bevölkerungszahl in den letzten drei Jahrzehnten verdoppelt hat. Abtreibungsgegnern reicht das aber nicht. Wenn die Schätzungen stimmen, wird in Israel noch immer jede fünfte Schwangerschaft abgebrochen. Inakzeptabel für Abtreibungsgegner und mit dem Wert des menschlichen Lebens unvereinbar. Aus religiöser Sicht sind die meisten Abtreibungen ohnehin illegal. Zum einen genießt das ungeborene Leben halachischen Schutz und darf nur bei akuter Gefahr für die Mutter beendet werden. Zum anderen verstößt ein Schwangerschaftsabbruch gegen das Gebot »Seid fruchtbar und mehret euch«. Deshalb haben Israels Oberrabbiner, Jona Metzger und Schlomo Amar, jetzt beschlossen, auf eine deutliche Senkung der Abtreibungszahl hinzuwirken. Unter anderem fordern die Rabbiner bessere finanzielle Hilfen für arme Mütter, um Abtreibungen, die aus ökonomischen Erwägungen erfolgen, zu verhindern. In Wirklichkeit dürfte Armut der häufigste Abtreibungsgrund sein, auch wenn er in keiner Statistik auftaucht. Zudem fordert das Oberrabbinat ein energischeres Eintreten der Behörden gegen illegale Schwangerschaftsabbrüche. Ein umfassendes Verbot steht jedoch nicht zur Debatte: Solche Regelungen, das wissen auch die Oberrabbiner, bleiben weitgehend wirkungslos.
Auf Aufklärung setzt EFRAT, eine gemeinnützige Organisation, die versucht, Frauen von Abtreibungen abzubringen, »Durch Vorschriften allein«, erklärt EFRAT-Vorsitzender Eli Schussheim, »kann man Abtreibungen nicht in ausreichendem Maße verhindern.« Auch vom erhobenen Zeigefinger hält der Chirurg Schussheim, selbst religiöser Jude, nichts. »Natürlich spielt der Schutz des ungeborenen Kindes aus meiner Sicht eine entscheidende Rolle. Leben zu retten ist mein Hauptanliegen, auch und gerade als Arzt. Wenn Schwangere mich um Rat bitten, spreche ich mit ihnen aber weder über das Gesetz noch über Religion. Ich rate ihnen, falls kein wirklich zwingender Grund für eine Schwangerschaftsunterbrechung vorliegt, die Schwangerschaft fortzusetzen. Mir ist noch nie passiert, dass eine von uns beratene Frau, die das Kind zur Welt bringt, das bereut hätte. Dagegen verfallen Frauen, die sich für die Abtreibung entscheiden, oft in Depressionen.«
Um den Frauen, die noch unsicher sind, die Entscheidung für das Kind zu erleichtern, bietet ihnen EFRAT für das erste Jahr des neuen Erdenbürgers Sachspenden an, von Babynahrung und Windeln bis hin zu Kleidung und Kinderbett. Nicht ohne Erfolg: Pro Jahr werden mehr als 3.000 von EFRAT betreute Frauen Mütter.

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