NS-Vergangenheit

Auf dem Abstellgleis

von Uta von Schrenk

Die erste Bahnfahrt. Was bleibt als Erinnerung? Die Aufregung auf der Fahrt zum Bahnhof? Das „Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten“ und das Knacken der Lautsprecher? Oder die Nase an der feuchten, kalten Fensterscheibe mit den verrückt spielenden Straßen, Wäldern und Häusern dahinter? Man muß schon ausgesprochener Bahn‐Fan sein, um sich die ersten Eindrücke zu bewahren. In der Regel bleibt wohl nichts. Alltägliches ist nicht der Erinnerungsspur wert.
Edith Erbrich kann sich sehr wohl an ihre erste Bahnfahrt erinnern. „Es war wie ein Trauerzug, keiner war laut, manche weinten leise vor sich hin.“ An die rotbraun beplankten Waggons mit Holzbohlen anstatt Sitzen, mit Luftschlitzen anstatt Fenstern. „Heute käme der Tierschutzverband – für uns war das gut genug.“ An den SS‐Mann, der befahl, Edith und ihre Schwester vor der Ladeluke hochzuheben, die Mutter wolle sie noch einmal sehen. „Mein Vater hatte uns gesagt, die Mutti dürfe nicht mit, sie müsse auf die Wohnung aufpassen.“
Edith Erbrich war sieben Jahre alt, als sie das erste Mal Bahn fuhr, und es war nicht der Hauptbahnhof von Frankfurt am Main, dieser stolze, eiserne Industriepalast, von dem sie, ihre vier Jahre ältere Schwester und ihr Vater abfuhren. Noch heute, 61 Jahre später, hat Edith Erbrich Schwierigkeiten, an der einstigen Großmarkthalle, dem Güterbahnhof, vorbeizugehen. Zum Glück wurde der Bahnhof vor einem Jahr abgerissen, außer einer Gedenktafel, daß von hier die Deportationen der Frankfurter Juden per Reichsbahn in die Vernichtungslager abgingen, steht nur noch der wuchtige Kuppelbau, die Gleise sind weg.
Edith Erbrich, 68 Jahre, eine Frau mit weichem hessischen Dialekt, in den letzten Monaten des „Dritten Reiches“ Gefangene in Theresienstadt und nach dem Krieg kaufmännische Angestellte bei der Frankfurter Rundschau und später bei den Stadtwerken, würde den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG gern an ihre erste Bahnfahrt erinnern. Im vergangenen Sommer bereits schrieb sie einen Brief an den „Sehr geehrten Herrn Mehdorn“. Nicht, daß sie allein sich aufgerafft hätte, dazu ist Edith Erbrich sicher viel zu zurückhaltend und vielleicht auch zu leicht einzuschüchtern. Aber sie hatte in dieser Sache schließlich Mitautoren, die öffentliche Auseinandersetzungen gewohnt waren, Männer, die auch der Konzernspitze der DB AG bekannt sein dürften: Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Arno Lustiger, Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Gastprofessor am Fritz‐Bauer‐Institut. Serge Klarsfeld, Rechtsanwalt und Vorsitzender der Organisation „Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs“. Stefan Körzell, DGB‐Vorsitzender in Hessen und Thüringen. Aber für Hartmut Mehdorn waren diese Namen wohl nicht bekannt genug. Wie läßt es sich sonst erklären, daß er zwanzig Tage, nachdem die fünf ihn um ein persönliches Gespräch gebeten hatten, seinen Pressesprecher eine Absage schreiben läßt: Die DB AG sehe „keine Möglichkeit der vertrauensvollen Zusammenarbeit“?
„Wie der Mehdorn das abgekanzelt hat.“ Edith Erbrich schüttelt den Kopf, noch über ein halbes Jahr nach dem Briefwechsel ist das Erstaunen geblieben. Außer ihrer Erinnerung würde Edith Erbrich inzwischen gern noch etwas anderes bei der Konzernspitze der Deutschen Bahn loswerden. „Ich würde ihn fragen, ob er es nicht einmal für nötig gefunden habe, selbst zu antworten.“ Immerhin gehe es um einen nicht geringen Teil der mindestens 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die von den Nationalsozialisten ermordet und zum großen Teil mit dem Vorläuferunternehmen der Deutschen Bahn in den Tod gefahren wurden. Genau genommen um 11.000 jüdische Kinder, die zwischen 1942 und 1944 von den nationalsozialistischen Besatzern in Frankreich aufgegriffen und deportiert wurden. Kinder, die nicht wie Edith Erbrich das Glück hatten, zu überleben.
Zum Gedenken an diese 11.000 Kinder, unter ihnen etwa 500 deutsche und österreichische Kinder, die zusammen mit ihren Eltern in Frankreich Exil gesucht hatten, konzipierten Beate und Serge Klarsfeld eine Ausstellung. Diese wurde von Sommer 2000 bis Ende 2004 bereits in 18 französischen Reisebahnhöfen, den einstigen Abfahrtsorten der Deportationszüge, gezeigt.
Als Beate Klarsfeld vor zwei Jahren mit Vertretern ihrer Organisation in Berlin war, kam ihr die Idee, die Ausstellung auch in deutschen Bahnhöfen zu zeigen. Immerhin existieren 150 Fotos deutscher Kinder, die mit der Bahn in den Tod geschickt wurden. Zum Beispiel von Marion Abraham aus Freiburg im Breisgau, die 1942 nach Auschwitz kam. Sie wurde mit 17 Jahren ermordet. Oder von Renate Falk aus Karlsruhe. Sie wurde 10 Jahre alt. Oder von Fritz Löbmann aus Mannheim, 15 Jahre. „Wenn man diese Fotos in Frankreich zeigen kann, obwohl die französische Bahn sich viel weniger zuschulden hat kommen lassen als die deutsche, warum sollte das nicht erst recht in Deutschland gehen?“ fragte sich Beate Klarsfeld und wandte sich an die Unternehmenshistorikerin Susanne Kill. Schließlich hatte diese gesagt, daß die Reichsbahn der „Logistiker des Holocaust“ war. Was Beate Klarsfeld zu hören bekam, waren Worte wie „Sicherheitsprobleme“ und „nicht geeignete Räume“. Beate Klarsfeld erwiderte, daß es während der ganzen Zeit der französischen Bahnausstellung keinerlei Zwischenfall gegeben habe. Die Bahnhistorikerin hielt Rücksprache mit ihrem Haus. Die Deutsche Bahn bot Beate Klarsfeld daraufhin an, die Ausstellung im DB Museum Nürnberg zu zeigen. Klarsfeld wiederum wollte die Kinder nicht in einem Spezialmuseum „verschwinden“ sehen. Nachdem auch die Bahn bei ihrer Haltung blieb, tat die deutsch‐französische Journalistin das, was medienerfahrene Leute in einem solchen Falle tun: Sie wandte sich an die Presse. „Nun heißt es, ich hätte keinen Dialog mit der Bahn gewollt“, sagt Klarsfeld. Bei der Deutschen Bahn heißt es, man habe nach der Veröffentlichung von Deportationsplakaten im Stil der DB kein Interesse mehr an einer Zusammenarbeit.
Inzwischen hat sich ein bundesweites Netzwerk gegründet, die Inititave „Elftausend Kinder“, die über reichlich Demonstrationen und Briefe an Politiker versuchte, Aufmerksamkeit auf den Konflikt um die Klarsfeld‐Ausstellung zu lenken. Bislang vergeblich. Ein Brief an das Verkehrsministerium wurde erst am 6. März dieses Jahres von dem Ministerialdirektor Thomas Kohl abwehrend beantwortet. „Die Deutsche Bahn AG ist eine selbständige Aktiengesellschaft“, heißt es dort. Und daher ein „direktes Einwirken auf die Entscheidungen der Deutschen Bahn AG hinsichtlich der vorgeschlagenen Ausstellung nicht möglich“. Dem Brief beigelegt ist eine Pressemitteilung der DB AG, in dem sie ihre „kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus“ auflistet. Eine Art Blaupause der DB‐Reaktionen sei dieser Brief gewesen, sagt der Sprecher der Initiative, Hans Rüdiger Minow irritiert.
„Die Bahn ist kein normales privates Unternehmen“, sagt Arno Lustiger. „Vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, daß sie sich so schäbig benimmt, während alle anderen privaten Unternehmen ihre Firmengeschichte nach und nach öffentlich aufarbeiten.“ Auf Anfrage der Jüdischen Allge‐ meinen, warum das Verkehrsministerium die Hartleibigkeit der DB AG nicht als Politikum betrachte, sondern sich sogar an die Seite des Unternehmens stelle, hat nun Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sich der Sache erneut angenommen. Vergangene Woche formulierte er einen persönlichen Brief an den Vorstand der DB AG, in dem er Hartmut Mehdorn bittet, seine Haltung zu überdenken. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland hat jetzt in einem Brief an alle Bundestagsabgeordneten seinen „Unmut über die Haltung der DB“ niedergeschrieben. In dem Brief bittet er die Parlamentarier, „mitzuhelfen, daß die Deutsche Bahn AG ihrer Verantwortung für die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord, über die Teilnahme an der Zwangsarbeiterstiftung hinaus, gerecht wird.“
Beate Klarsfeld ist sicher alles andere als eine devote Gesprächspartnerin. Das Foto von der Ohrfeige, die Klarsfeld 1968 dem damaligen Bundeskanzler und Ex‐Nazi Kurt Georg Kiesinger auf dem Parteitag der CDU verpasste, wurde zur Ikone der Achtundsechziger. Doch diese Frau als Vertreterin einer politisch so heiklen Sache auflaufen lassen? Auch Hartmut Mehdorn dürfte die unselige Rolle seines Vorläuferunternehmens bewußt sein. Nicht ohne Grund hat die Bahn der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ einen zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt. „Ohne die deutsche Bahn hätte es keinen Holocaust gegeben“, sagt der Historiker Arno Lustiger, der zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz die Gedenkrede im Deutschen Bundestag hielt. „Zu Fuß hätte man so viele Juden wohl nicht in die Vernichtungslager schaffen können.“
Vor etwa vier Jahren sprach eine Frau vom „Studienkreis deutscher Widerstand“ Edith Erbrich an, ob sie ihre Geschichte nicht aufschreiben könne. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Schwestern über die Geschichte der Familie zwischen 1933 und 1945 nie öffentlich gesprochen. Für die Eltern war das Thema ohnehin tabu. „Schon während der NS‐Zeit versuchten unsere Eltern, uns zu schützen, sie sagten nichts davon, daß wir für die Nazis Mischlinge ersten Grades waren. Sie sagten nur, daß wir vorsichtig sein sollten, mit niemanden mitgehen sollten.“ Doch mit der Zeit merkten Edith und ihre Schwester auch so, daß sie dem deutschen Staat nichts wert waren. „Wir durften nicht in die Schule, bei Fliegeralarm nicht in die Bunker, und weniger Lebensmittelkarten gab es für uns auch.“ Und nach dem Krieg? Mühten sich die Eltern schnell um ein normales Leben. „Laß es ruhen“, war die Antwort, die Edith bekam, wenn sie nach Einzelheiten fragte.
Warum Edith Erbrich sich noch heute panisch umdreht, wenn jemand hinter ihr läuft, oder die Tunnelfahrten der U‐Bahn für sie kaum auszuhalten sind, wurde ihr erst bewußt, als sie Ende der neunziger Jahre mit ihrer Schwester nach Theresienstadt fuhr. Hier mußte ihre Schwester als Elfjährige Leichen aus den Waggons laden. „Hier hab’ ich meine Kindheit verloren, meine Freunde und meinen Großvater“, dachte Edith Erbrich, als sie die Baracken wiedersah, in denen sie die letzten Monate des NS‐Regimes verbrachte. Drei Monate genügten. Drei Monate, in denen das sieben‐ jährige Kind „das Weinen verlernte“. Den Holzboden mit der Zahnbürste zu schrubben, die Drohung, Lesen und Schreiben in einer Nacht zu lernen oder die Schwester nicht wiederzusehen, die Wassersuppe und die Trennung vom Vater genügten: „Ich wurde schwer krank, apathisch.“ Am 8. Mai wurde das Konzentrationslager von der Sowjetischen Armee befreit, für den 9. Mai standen Edith und ihre Schwester auf den Transportlisten für Auschwitz.
Es ist keineswegs so, daß niemand Edith Erbrich zuhört. Sie geht in Schulklassen, spricht auf Veranstaltungen, saß auf dem Podium im Frankfurter Gewerkschaftshaus mit Beate Klarsfeld und Arno Lustiger, als dort nochmals für die Ausstellung in Deutschland geworben wurde. Vielleicht ist sie deswegen so erstaunt, daß ihr Gesprächsangebot derart kühl von dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn ausgeschlagen wurde. „Es hängt soviel Werbung in den Bahnhöfen herum, warum sollen da solche Plakate eine Gefahr sein?«
Eine Antwort Hartmut Mehdorns auf den Brief des Bundesverkehrsministers steht aus. Aber vielleicht nutzt der DB‐Chef ja die Gelegenheit und begibt sich auf die Erinnerungsspur der Edith Erbrich. „Wenn ein Gespräch zustande kommen würde, ich wäre auch jetzt noch dabei“, sagt sie. Gewissermaßen bereit, sich auch ein zweites Mal abservieren zu lassen, falls es soweit kommen sollte. Mit fast siebzig Jahren scheint man aus dem Alter raus zu sein, so etwas persönlich zu nehmen. „Ich mach’ das für die, die es nicht mehr können.“

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