Likrat

Auf Augenhöhe

von Tobias Kaufmann

Entweder mit Schläfenlocken oder mit Gewehr. So stellen sich viele Jugendliche in Deutschland einen Juden vor. „Zwischen Ultra‐Orthodoxen und israelischen Soldaten gibt es nichts“, sagt Susanne Benizri, und die muß es wissen. Als Lehrerin für jüdische Religion in mehreren süddeutschen Gemeinden erfährt die 37jährige viel über die Vorurteile, die ihre Schüler täglich begleiten. Deshalb versucht Benizri, mit nichtjüdischen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, vor allem in Schulen. „Der Eindruck, den man bei solchen Gelegenheiten hinterläßt, ist enorm wichtig, denn viele der Schüler haben zuvor noch nie einen Juden gesehen“, sagt Benizri. Deshalb sei der persönliche Dialog eine riesige Chance. Eine Chance, die die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS) nun nutzen will: mit „Likrat“ (Hebräisch für „in Begegnung). Das Jugend‐Dialog‐Projekt wird seit Jahren erfolgreich vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund angewendet, angestoßen vom Basler Universitätsprofessor Alfred Bodenheimer. Als neuer Leiter der HfJS hat Bodenheimer Likrat nach Deutschland „mitgebracht.“
Die Idee klingt zunächst ganz einfach: Jüdische Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren besuchen im nächsten Schuljahr in Zweierteams deutsche Schulen, um ihr Judentum vorzustellen. Doch damit sie sich kompetent in den Dialog begeben können, brauchen die „Likratinos“, wie sie sich in der Schweiz nennen, eine gute Vorbereitung. Kurse zu jüdischer Geschichte, jüdischer Tradition, Israel und interreligiösen Themen sowie eine zusätzliche Ausbildung in Rhetorik und Diskussionsführung sollen die Teilnehmer fit machen fürs Gespräch. So wird die jüdische Identität der „Likratinos“ gestärkt. „Dieser Aspekt ist uns sehr wichtig. Die Jugendlichen sollen im Juli in einem intensiven Seminar mit Dozenten der HfJS viel mitnehmen“, betont Benizri. Sie leitet das Projekt an der HfJS und sagt: „Ich hätte mir als Jugendliche so ein Projekt gewünscht. Das hätte mir für meine Identitätsbildung unheimlich geholfen. Und die Fragen, die den Jugendlichen in den Schulen gestellt werden, bekommt man als Jude ohnhehin früher oder später zu hören.“
Obwohl die Teilnehmer möglichst umfassend vorbereitet werden sollen, sind auch kleine Wissenslücken erlaubt. „Wenn ein Jugendlicher im Gespräch in der Schule mal auf eine religiöse Frage keine Antwort weiß, dann kann das sehr wertvoll sein, weil die Schüler zum Beispiel merken: Der ist ja genauso säkular wie ich“, sagt Benizri. Gewünscht ist ein Gespräch auf Augenhöhe, kein belehrender Vortrag. Gerade die Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen offen auszutauschen, gemeinsame Interessen zu entdecken, mache die Chancen des Projekts aus. „Die Schüler sollen merken, daß Judentum nichts altes ist, sondern etwas lebendiges“, erklärt Benizri.
Doch nicht nur die „Likratinos“ sollen etwas lernen. Auch in den Schulen, in die sie gehen, sollen die Besuche mehr hinterlassen als einen guten Eindruck. Deshalb ist vorgesehen, daß Klassen oder Klassenstufen, die sich für das Projekt interessieren, sich auf das Gespräch vorbereiten und es hinterher im Unterricht auswerten – beispielsweise während einer Projektwoche oder eines Projekttags. Auch Likrat selbst wird wissenschaftlich begleitet. An der Universität Basel soll anhand der Erfahrungen aus dem Programm erforscht werden, ob und wieweit verbessertes Wissen über Juden und Judentum Antisemitismus verringern kann – eine Frage, die sich Pädagogen seit Jahrzehnten stellen.
Gespannt ist Benizri, inwiefern sich die Schweizer Erfahrungen auf Deutschland übertragen lassen. „Ich nehme an, daß bestimmte Themen hier wichtiger sein werden als in der Schweiz. Den sogenannten Antisemitismus aus Schuldabwehr, also Judenhaß wegen des Holocaust, gibt es in der Schweiz nicht so sehr. Dafür ist man in Deutschland etwas weniger fromm“, vermutet Benizri. Bis 10. Juli können sich Jugendliche für Likrat bewerben. 25 Teilnehmer sind vorgesehen, aber jeder, der teil‐ nehmen möchte, soll das auch können. Notfalls wird eine zweite Gruppe aufgemacht.

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