Synagoge

Auf altem Fundament

von Axel Seitz

Die Dunkelheit bricht herein, der Davidstern im Fenster über dem Toraschrank hat seine hellblaue Farbe in einen fast schwarzen Ton verändert. Gedämpftes Licht sorgt für eine beruhigende Stimmung – da spielen die vier jungen Musiker leichter und beschwingter auf und einige Gäste hält es nicht mehr in den Sitzreihen. Sie tanzen aus Freude über diesen Tag, über dieses Haus, dieses Glück.
Glück – das ist das wohl häufigste Wort, das in diesen Tagen in Schwerin zu hören ist, denn nach 70 Jahren haben Juden in der Stadt wieder eine Synagoge. „Ich bin einfach nur glücklich und ich hoffe, meine Gemeinde auch“, erzählt Valerij Bunimov vom Gemeindevorstand und lacht über das ganze Gesicht. „Ich würde mich sehr freuen, wenn in dieses neue Haus nicht nur ältere Mitglieder kommen. Ich möchte eine lebendige Synagoge für eine lebendige Gemeinde“, sagte Bunimov in seiner kurzen Rede auf Russisch vor den Mitgliedern, die an diesem Sonntag den ersten Gottesdienst im neuen Gotteshaus feiern. Es ist ihr Tag, nachdem am vergangenen Mittwoch nur Offizielle die Einweihung miterleben konnten.
Russisch ist am Schweriner Schlachtermarkt die dominierende Sprache. Schließlich waren es die Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die 1994 in der Lan‐ deshauptstadt eine neue jüdische Gemeinde gründeten. Mit den Jahren wuchs sie auf mehr als 1.000 Mitglieder an, so dass der vorhandene Betraum aus DDR‐Zeiten mit seinen rund 40 Plätzen schon länger nicht mehr genügend Raum bot.
Erste Überlegungen für den Bau einer neuen Synagoge gab es bereits 2002 – Nichtjuden hatten im selben Jahr gemeinsam mit der Gemeinde einen Förderverein gegründet, um ihr bei der Umsetzung entsprechender Pläne zu helfen. Doch lange fehlte das Geld und erst im April dieses Jahres konnte mit dem Bau eines neuen Gotteshauses begonnen werden.
Jetzt, im Dezember, steht auf dem Hof der Schweriner Schlachterstrasse 3 und 5 wieder ein jüdisches Gotteshaus – mitten in der Stadt und auf historischem Grund. Darauf nahm auch die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in ihrem Grußwort bei der feierlichen Eröffnung am Mittwoch Bezug: „Im Herzen Schwerins, in der Mitte der Gesellschaft gibt es wieder jüdisches Leben, nicht versteckt oder am Rande der Stadt. Möge dies eine Einladung an die nichtjüdischen Schweriner sein, sich mit der jüdischen Geschichte ihrer Stadt auseinanderzusetzen.“ Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) nannte die Eröffnung der Synagoge einen Freudentag für ganz Mecklenburg‐Vorpommern. Das Gebäude sei ein sichtbares Zeichen dafür, dass mehr als 60 Jahre nach dem Holocaust jüdisches Leben in diesem Bundesland wieder eine Heimat gefunden habe.
Einer, der die Schoa überlebt hatte, ist Oljean Ingster. Als 17‐Jähriger endete für den in Krakau Geborenen der Todesmarsch vor den Toren Schwerins. Bis 1960 gehörte er der damaligen Jüdischen Gemeinde an. Was ihm in der Nachkriegszeit nicht vergönnt war, durfte er nun als 80‐Jähriger erleben: die Einweihung einer Synagoge. „Ich hätte mir das nie vorgestellt, dass hier wieder eine Gemeinde entsteht und dass eine Synagoge gebaut wird“, sagt Ingster. Seit Jahrzehnten arbeitet Oljean Ingster als Kantor in der Synagoge Rykestrasse in Berlin. Während des Eröffnungsgottesdienstes jetzt in Schwerin begleitet er Landesrabbiner William Wolff. Erstmals dürfen Gemeindemitglieder die drei Torarollen aus dem neuen Toraschrein heben und durch die Synagoge tragen, dazu spricht Rabbiner Wolff die Gebete für den Nachmittagsgottesdienst.
Sowohl während des Festaktes in der vergangenen Woche als auch beim Eröffnungsgottesdienst für die Gemeinde am Sonntag drängen mehr als 150 Gäste in das neue Haus. Auf dem Weg durch das Vorderhaus gehen die Besucher über die Fundamente der alten Synagogen. 1773 hatten die Schweriner Juden erstmals eine Synagoge errichtet. 1819 wurde eine zweite an derselben Stelle gebaut – diese stand bis zum Novemberpogrom 1938. Nach ihrer Zerstörung mussten die Juden für ihren Abriss selbst bezahlen.
Im vergangenen Frühjahr kamen bei den Bauvorbereitungen die alten Fundamente zutage – zum Teil sind diese nunmehr direkt vor dem Eingang zum Gotteshaus unter einer dicken Glasscheibe eben‐ so sichtbar wie außerhalb an der Ostwand, die leicht geneigt in den Himmel ragt. Sie ist die höchste Wand des würfelähnlichen verklinkerten Baus. Das nach Westen abfallende Dach wird bestimmt durch ein an drei Seiten entlanglaufendes Oberlicht, „so dass diese Wand gegen den Himmel wächst“, wie es Architekt Joachim Brenncke beschreibt.
Im Inneren der Ostwand scheint es, als gäbe der Toraschrank der geneigten Wand ihren Halt. Der Aron Hakodesch selbst wird bestimmt durch zwei senkrechte Stelen, die sich, so Innenarchitekt Gottreich Albrecht, „in ihrem Duktus auf den historischen Tempel in Jerusalem beziehen“. Toraschrank, Bima und Pult sowie die insgesamt 25 Sitzbänke wurden alle aus dem‐ selben Buchenholz gefertigt und strahlen eine beruhigende Wärme aus. Der Fußboden ist aus weißrötlichem Terrakotta. Er nimmt den Farbton jener historischen Fußbodenfliesen auf, die jahrzehntelang im Garten unter Grassoden und Erde verborgen waren. Einige wenige Fliesen sind in den neuen Fußboden integriert worden, so dass jeder Besucher über „Altes“ in „Neues“ hinweggeht.
Die gesamte Inneneinrichtung konnte durch Spenden finanziert werden, die der Förderverein in den vergangenen Jahren gesammelt hat. Für die Baukosten in Höhe von rund 660.000 Euro kam das Land Mecklenburg‐Vorpommern auf.
Schon lang ist der Himmel über Schwerin an diesem Sonntag dunkel geworden, als das Rostocker Ensemble „Halb und Halb“ mit seiner Klesmer‐Musik die Gemeindemitglieder immer noch begeistert. „Masel tov“ rufen die jungen Musiker den Zuhörern symbolisch zu und „viel Glück“ wünschen sich in diesen Tagen auch die Juden Schwerins in ihrer Synagoge, dem nunmehr dritten Gotteshaus auf historischem Grund in der Schlachterstrasse 3 und 5.

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