berlin

Arbeit, Tänze und Visionen

Klein, aber vital – so lassen sich die meisten Gemeinden der Union progressiver Juden in Deutschland (UpJ) beschreiben. Ihr jährliches Highlight ist die Jahrestagung in Berlin‐Spandau, und hier traf man sich vergangene Woche schon zum 15. Mal. Mehr als 200 Teilnehmer lernten, stritten, tanzten, sangen und beteten gemeinsam – auf Deutsch, Russisch, Englisch und Hebräisch. Doch das »Familientreffen« der Progressiven hatte mehr zu bieten als nur den Charme eines bunten Kongresses. Hirn und Herz sollten gleichzeitig erreicht werden, was nicht zuletzt mit abwechslungsreicher Gottesdienstgestaltung durch Studenten des Abraham‐Geiger‐Kollegs Potsdam und der dort angegliederten Kantorenschule gelang. Bei den Workshops sorgten Gesa Ederberg, Elisa Klapheck und Dalia Marx für Geschlechter‐Parität unter den Rabbinern, wobei sämtliche Referenten auf mögliche Honorare verzichteten. Ein eigens für die Jahrestagung entwickelter Siddur half zudem auch den Laien, sich sicher in den jeweiligen Gottesdienst‐Liturgien zu bewegen.
Seit je geht die Standortbestimmung der Liberalen damit einher, auch das Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt zu prüfen und sinnvoll zu korrigieren. So war es wohl kein Zufall, dass der Eröffnungsvortrag des Kölner Publizisten Günther B. Ginzel »Alles Papst – oder was?« überschrieben war und sich mit aktuellen Problemen im jüdisch‐christlichen Dialog beschäftigte.

ernüchterung Ginzel, Mitglied in der liberalen Kölner Gemeinde Gescher La Massoret und Mitbegründer des Ge‐
sprächskreises Juden‐Christen‐Muslime, reflektierte ein Stück jüdisch‐christlicher Beziehungsgeschichte und zog für das ge‐
genwärtige Verhältnis zur katholischen Kirche eine ernüchternde Bilanz. Die jüngs‐
ten Sendschreiben von Papst Benedikt XVI. zur katholischen Osterliturgie und zum Umgang mit der erzkonservativen Pius‐Bruderschaft sorgten für einen »Rückfall des jüdisch‐christlichen Dialoges auf den Stand der 50er Jahre« – eine Entwick‐
lung, die unter Benedikts Vorgänger Jo‐
hannes Paul II. wohl niemand mehr erwartet hätte. Nun sei eine Denkpause im Dialog durchaus angebracht. »Für uns liberale Juden bleibt der Dialog aber existenziell wichtig«, betonte der Referent. »Ich plädiere außerdem dafür, dass wir den Weg zu den Moscheen suchen.«

Respekt Eine Vielfalt an Workshop‐Themen erwartete die Besucher am Freitag, wo unter anderem Fragen der Liturgie, Konzepte von Mizwa, Perspektiven von Sozial‐ und Kulturarbeit, aber auch internationale Themen und Visionen künftiger Gemeindearbeit auf dem Programm standen. So stellte Sozialarbeiterin Margarita Suslovich aus Hannover eine von den Soziologen Karen Körber, Doron Kiesel und Andreas Gotzmann erstellte empirische Studie Im gelobten Land? vor, die hilfreich für das Verständnis zwischen »Veteranen« und Neuzuwanderern in den Gemeinden sei. »Der Respekt vor den älteren Immigranten ist heute viel größer als noch vor Jahren«, konstatierte Suslovich, »und die Jüngeren sind stärker motiviert für Tikkun Olam und ehrenamtliche Hilfe.«
Einen nachdenklichen Vortrag über »Mythen und Realität der Zuwanderung« hielt dagegen Leonid Friedmann, ebenfalls aus Hannover. »70 Prozent der Immigranten‐Kinder sind nicht in den Gemeinden angekommen«, so Friedmann, »die meisten von ihnen entstammen sogenannten gemischten Familien.« Angesichts der kritischen Situation plädiert der Hannoveraner für eine radikale, historisch einmalige Ausnahmeregelung: Den Zuwanderern mit jüdischer Abstammung »nur« aus väterlicher Linie solle eine gleichberechtigte Gemeindemitgliedschaft angeboten werden – sofern sie tatsächlich Gemeindeanschluss suchen. »Wir ändern die Halacha nicht und streben diese Ausnahme ausschließlich zur Sicherung des künftigen Gemeindelebens in Deutschland an«, be‐
gründete Friedmann seinen heftig diskutierten Vorschlag.

umdenken Liberale Neuigkeiten aus Israel brachten Rabbiner Joel Oseran und Dalya Levy, Executive Director von arzenu (»Unser Land«), mit. Jüngere Umfrageergebnisse zeigten, dass das Interesse der israelischen Bevölkerung am progressiven Judentum wachse. Wichtig sei nun der Ausbau eines liberalen Schulsystems, damit israelische Eltern und Kinder sich nicht ausschließlich zwischen orthodox und säkular entscheiden müssten. Dalya Levy bot einen kompakten Überblick zur Arbeit von arzenu, dem weltweiten Dachverband progressiver Zionisten, der in den wachsenden liberalen Gemeinden in Deutschland einen wichtigen Verbündeten sehe.
Noch ganz frische Eindrücke aus dem Heiligen Land boten Mascha Blender (19) aus Bad Segeberg und Jaqueline Asare (20) aus Berlin. Mit Unterstützung der Bewegung »Jung und Jüdisch« hatten beide ein Jahr am israelischen Jahresprogramm »Schnat« teilgenommen, dabei für amnes‐
ty international und ein Aufnahmezentrum für afrikanische Flüchtlinge gearbeitet, in Kibbuzim ausgeholfen, Hebräischkurse belegt und schließlich eine zwei‐
monatige Reise quer durchs Land genossen. »Das Schnat‐Programm bietet so viel an Herausforderungen und Begegnungen, dass wir es dringlich weiterempfehlen«, so eine begeisterte Mascha Blender. Madrichim von »Jung und Jüdisch« waren es dann auch, die zusammen mit dem Münchner Rabbiner Tom Kucera den Kabbalat‐Schabbat‐Gottesdienst gestalteten und Freitagnacht zu Klängen der Band »Mizwa« ausgelassen Hora Medura und Hine Hi Baa tanzten.
Viel Kopfarbeit galt es wiederum bei den Schiurim und der Podiumsdiskussion am Samstagnachmittag zu leisten. Hier zeigten sich Walter Blender, Vorsitzender in Bad Segeberg, Rachel Dohme aus Ha‐
meln, UpJ‐Vorsitzender Jan Mühlstein und Leo Hepner einig darin, dass die Union als Dachverband der liberalen Juden an struktureller Bedeutung eher noch gewinne. Ebenso mache eine noch stärkere Einbindung in die »World Union for Progressive Judaism (WUPJ)« Sinn.
Rabbiner Walter Rothschild stellte seinerseits die Frage nach den »heutigen Grenzen des liberalen Judentums« – einerseits im Verhältnis zur nichtjüdischen Umgebung, andererseits in der Abgrenzung gegenüber äußerst aktiven ultra‐orthodoxen Gruppierungen. Dieses Thema konnte nur noch gestreift werden und wird ganz sicher auch die nächsten Jahrestagungen in Berlin‐Spandau beschäftigen.

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