Barbara Distel

Anwältin der Opfer

von Wolfgang Benz

An diesem 31. Juli gibt Barbara Distel die Leitung der KZ‐Gedenkstätte Dachau ab. 33 Jahre lang war sie verantwortlich für den bekanntesten und meistbesuchten Ort nationalsozialistischen Terrors in Deutschland. Barbara Distel hat in dieser Zeit Maßstäbe gesetzt. Menschen, die sie wenig kannten, die sie aber mit dem belasteten Ort, an dem sie wirkte, identifizierten, galt sie als abweisend, weil sie keine unlauteren Kompromisse schloss. Anderen galt sie als streng, weil sie so unbeirrt wie engagiert den als richtig erkannten Weg verfolgte. Wieder anderen war sie unbequem, weil ihr Verständnis von Wahrheit und Klarheit nie dehnbar war. Sie war beispiellosen Anfeindungen ausgesetzt, sie hat Enttäuschungen erlitten, wurde missverstanden: Aber mehr als dies wird sie geliebt von den Überlebenden, denen sie Anwältin, Vertraute, Freundin wurde. Wer sie kennt, weiß auch, dass Intelligenz verbunden mit ausgeprägtem Pflicht‐ und Wertebewusstsein keine Gegensätze zu Lebenslust, Humor und Herzlichkeit sind.
Im Zentrum ihrer Arbeit standen stets die Interessen der Opfer. Deren Partei hat sie ein für alle Mal ergriffen. Für Unzählige in aller Welt wurde Barbara Distel zum Kristallisationspunkt der Erinnerung an ihre Leidenszeit in Dachau. Damit wurde der Ort selbst zum Trost, an den zurückzukehren vielen ein Bedürfnis war, weil dort Verständnis herrschte, ohne dass etwas erklärt werden musste, ohne dass man in die Rolle des demütigen Bittstellers gedrängt wurde. Das ist Barbara Distels eigentliche Lebensleistung.
KZ‐Gedenkstätten sind in mehrfacher Hinsicht Orte gespaltenen Bewusstseins, schmerzhafter Auseinandersetzung oder negierender Verweigerung zwischen Opfern und Angehörigen der früheren Tätergesellschaft, schließlich auch Angriffsziel rechtsextremer Leugner historischer Realität. Entsprechend groß ist die Herausforderung, der sich Barbara Distel gegenübersah. Charakteristisch für alle Gedenkstät‐ tenarbeit war lange Zeit auch die Dichotomie zwischen den Opfern und der akademischen Geschichtswissenschaft. Daraus resultierte die gespaltene Wahrnehmung eines wesentlichen Aspekts der Geschichte des Dritten Reiches: Ein beträchtlicher Teil der Öffentlichkeit befand sich im Zustand der Amnesie, während eine Minderheit in Abwehr dieser Haltung ausschließlich emotionale Betroffenheit als Herangehensweise der Auseinandersetzung kultivierte.
Es ist Barbara Distel gelungen, die Gedenkstätte in Dachau in erster Linie als Ort kognitiver Auseinandersetzung zu gestalten, dessen Konzeption nicht auf Betroffenheit und emotionaler Empörung basiert, sondern auf Erkenntnis – und das ohne Ausgrenzung der Opfer. Die 1985 gegründeten, von ihr seither mitverantworteten »Dachauer Hefte – Studien und Dokumente zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager« haben sich rasch zum zentralen Organ der KZ‐Forschung und zu einem wichtigen wissenschaftlichen Periodikum der Geschichte des Nationalsozialismus entwickelt. Barbara Distel ist auch Mitherausgeberin der Geschichte der NS‐Konzentrationslager, die unter dem Titel Der Ort des Terrors in neun Bänden bei C. H. Beck seit 2005 erscheint. In diesen Publikationen ist der Gegensatz zwischen Opfern und Historikern überwunden.
Im Umgang mit dem Holocaust sehen sich die Nachgeborenen bis zum heutigen Tag einem Dilemma gegenüber: Zu entscheiden ist immer wieder die Frage, ob es sich um einen geschichtlichen Prozess handelt, der historischer Erkenntnis zugänglich und dementsprechend rational vermittelbar ist, oder ob der Holocaust als eine sich der Ratio verweigernde Katastrophe (Schoa) aufgefasst werden muss, die mithin unverstanden und unvermittelbar für alle bleibt, die sie nicht am eigenen Leibe erfahren haben. Hat die Auffassung vom Unvermögen, die Schoa zu begreifen, die Dämonisierung der Täter zur Folge, so sucht die »kognitive« Herangehensweise die Ursprünge in menschlichen Motiven sowie politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen. Soll also fachlich aufgeklärt werden, oder besteht das Ziel darin, Betroffenheit auszulösen und Identifikationsbereitschaft mit den Opfern herzustellen? Also »Denken« oder »Gedenken«?
In der Gedenkstätte Dachau ist es gelungen, diese Gegensätze auszugleichen und ohne Preisgabe rationaler Erkenntnis den emotionalen Aspekten Genüge zu tun. Dies ist eine Leistung, deren Ausstrahlung, weit über den engen Expertenkreis hinaus, eine breite Öffentlichkeit und insbesondere Jugendliche erreicht. Damit hat sich Barbara Distel in erheblicher Weise um die Geschichtskultur in Deutschland verdient gemacht.

Der Autor ist Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

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