Ausstellung

Anno 1907

In Berlin fand 1907 eine damals viel beachtete »Ausstellung jüdischer Künstler« statt. Gezeigt wurden dort Werke von damaligen Größen der Kunstlandschaft wie Lesser Ury, Jozef Israëls, Camille Pissarro, Maurycy Gottlieb, Samuel Hirszenberg und vielen anderen. 102 Jahre später hat das Tel Aviver Kunstmuseum die Schau jetzt unter dem Titel »Fragmented Mirror« – zerbrochener Spiegel – nachgestellt. Ausstellungskuratorin Batsheva Goldman Ida rekonstruiert aber nicht nur das Berliner Original, sondern fügt in dekonstruktivistischer Manier neue Aspekte hinzu, die in der Ausstellung von 1907 ausgeblendet wurden. Die Bilder, die damals zu sehen waren, sind markiert, daneben zeigt die Schau Werke, die den vor hundert Jahren präsentierten Arbeiten ähnlich sind. Dazu kommen in Wandtexten Zitate aus Briefen der Künstler an das Berliner Ausstellungskuratorium, Pressestimmen und andere Reaktionen von damals, etliche unvermeidlich antisemitischer Natur.
bauernidyll Unter den Künstlerbriefen ist auch einer von Jozef Israëls (1827-1911), dem der Gedanke an eine »jüdische Kunstausstellung« zu widerstreben schien. In seinem Schreiben vom 9. Juli 1907 an die Veranstalter verneinte der angesehene niederländische Maler vehement die Annahme, dass so etwas wie eine »jüdische Kunst« überhaupt existiere. »Es gibt jüdische Künstler, dass will sagen, Künstler, die von Geburt jüdischer Abkunft sind, aber das ist noch keine jüdische Kunst.«
Tatsächlich lässt sich in der Kunstgeschichte kein »jüdischer« Stil festmachen. Zu allen Zeiten und in allen Ländern haben jüdische Künstler in den Stilrichtungen der Zeit und ihrer Umgebung gearbeitet. Man kann jüdische Themen künst- lerisch verarbeiten, eine jüdische Ästhetik an sich aber existiert nicht.
Israëls verweigerte sich dennoch nicht dem Wunsch, seine Werke in der Berliner Ausstellung zu zeigen: »Ich will gerne meine Zustimmung geben, wenn Sie Bilder von mir irgendwo auszustellen beabsichtigen.« Allerdings mit einer Einschränkung: Obwohl in den Gemälden des Niederländers häufig jüdische Motive vorkommen, stellte er gerade diese Bilder bewusst nicht zur Verfügung, sondern präsentierte in Berlin Werke, die nicht typisch jüdische Themen verarbeiteten, etwa Mutter und Kind. Das Bild zeigt eine Bäuerin, die mit Kind auf dem Arm und Korb an der Hand über die Felder geht. Das Motiv aus dem Landleben entsprach so gar nicht den Klischees über jüdische Lebenswelten.

bibelmotive Ganz anders Israëls’ Malerkollege Lesser Ury (1861-1931). Der Berliner Künstler drängte die Mitglieder des Auswahlkomitees geradezu, seine Bilder mit biblischen Motiven auszustellen, wie Moses auf dem Berge Sinai, das er im Jahr der Schau fertiggestellt hatte. In der Tel Aviver Ausstellung ist das Gemälde zu sehen; dazu als Kontrast gestellt hat man »nichtbiblische« Arbeiten Urys, Straßen-szenen des urbanen Lebens im Berlin der vorigen Jahrhundertwende. So wird die thematische Spannweite des Schaffens dieses Malers deutlich.
Ein großer Name fehlte 1907 in Berlin: Max Liebermann. Auch in Tel Aviv ist er nicht vertreten, und das gleich doppelt. Nicht nur in der Schau ist von Liebermann nichts zu sehen. Auch seine Bilder aus der Dauersammlung des Museums wurden eigens abgehängt, um Platz für die aktuelle Wechselausstellung zu machen. Dabei hätte Liebermann, ein stolzer Jude, 1907 gerne auch ausgestellt. Dass keine Arbeiten des Berliner Malerfürsten gezeigt wurden, lag nicht an ihm. Die Veranstalter wollten ihn nicht. Kuratorin Batsheva Goldman Ida: »Ich denke, dass sein Status als Vorstand der Berliner Secession zu antithetisch war. Die Kommission bestand ja aus Vertretern der akademischen Malerei, die den konservativ eingestellten Kaiser nicht provozieren wollten.«

assimilation Dessen ungeachtet zeigte die 1907er Ausstellung, wie man in Tel Aviv jetzt nachvollziehen kann, nicht Beispiele einer naiven Vorstellung von »jüdischer Kunst«, wie Jozef Israëls befürchtet hatte. Die Ausstellungsmacher präsentierten eine breite Palette von Werken und Stilrichtungen jüdischer Größen der damaligen Kunstwelt. Ganz im Geist der bürgerlichen Assimilation wollte man darstellen, welch großen Beitrag jüdische Künstler in der vielfältigen europäischen Kunstlandschaft leisteten. Der Anteil rein jüdischer Motive – etwa Synagogen oder Pogrome – wurde deshalb bewusst gering gehalten. Diese Darstellungen machten nur rund ein Viertel der gezeigten Werke aus. In ihrer Vielfalt und besonders in ihrer Widersprüchlichkeit, die sich auch in dem Schrift verkehr mit den einzelnen Künstlern deutlich widerspiegeln, war die Berliner Schau am Ende auf ihre Art vielleicht doch typisch jüdisch.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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