Frieden

Anlaß zur Skepsis

von Sylke Tempel

Man darf sich eine weitere Zahl merken: UN-Resolution 1701, die den Rückzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon, die Entwaffnung der Hisbollah und die Aufstockung einer UN-Truppe um 15.000 Soldaten vorsieht. Noch handelt es sich bei dieser Resolution nur um Mindest-
empfehlungen, die nicht genau regeln, welche Länder sich beteiligen oder welcher Art ihr Mandat sein soll. Aber fix wird festgelegt, wer aus diesem Konflikt als Gewinner oder Verlierer hervorging. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah spricht von einem »historischen Sieg« für seine Terrororganisation, US-Präsident George W. Bush hingegen bescheinigt ihr eine schallende Niederlage. Auch die aufgeregten Diskussio-
nen um die »Unverhältnismäßigkeit« der israelischen Militäraktionen machen einer noch vorsichtigen Erleichterung Platz, daß ja nun die UN die Führung übernimmt. Als ob das nicht eher Anlaß zur Sorge wäre.
An Oberlehrertum hat es in diesen Debatten nicht gefehlt. Klar wurde auch, daß Israels Gegner geradezu Schätzchen sind im Vergleich zu den selbsternannten Freunden des jüdischen Staates, die sich Gedanken machen, ob das zionistische Experiment nicht vielleicht doch gescheitert sei. Und ob man die Juden Israels nicht wieder heimholen soll ins Reich. (Darf etwa die Hälfte der Bewohner Israels dann auch wieder nach Bagdad, Teheran, Rabat, Tripoli oder Algier »zurückkehren«?) Es ist eben allemal einfacher, starke Meinungen zum Nahostkonflikt zum Besten zu geben, als mit fundierten Analysen aufzuwarten.
Der Krieg zwischen Israel und Hisbollah aber geht weit über die Frage hinaus, wie der jüdische Staat in dieser Situation handelt, oder ob »uns Deutschen« aus der Geschichte bestimmte Verpflichtungen entstehen oder nicht. Es geht um eine Grundstruktur, die sich auch im Irak, in Afghanistan, in der Bekämpfung totalitärer Terrororganisationen generell stellt: Wie können die bewaffneten Verbände demokratischer Staaten Milizen bekämpfen, die sich an keinerlei Völkerrecht halten? Die sich unter Zivilisten verschanzen und deren Leben bewußt aufs Spiel setzen? Die, wie im Irak, alle zum Gegner erklären, die vernünftig handeln, nämlich sich am Wiederaufbau ihres Landes und einem stabilen, rechenschaftspflichtigen politischen System beteiligen. Oder, wie in Afghanistan, lieber ihren mafiösen Drogen- und Waffenschieberaktivitäten nachgehen, als sich ebenso langwierigen wie langweiligen Prozeduren wie Wahlkämpfen und dem Aufbau einer funktionierenden Müllversorgung zu widmen. Und mit denen nur bedingt zu verhandeln ist, weil die Grundforderungen nicht erfüllbar sind: Al-Kaida will ein »Ende der Arroganz des Westens«, im Grunde also das Ende der liberalen Demokratie und einer offenen Gesellschaft, in der das erklärte Ziel einer Chancengleichheit erst die Grundlagen auch für den materiellen Wohlstand legte. Hamas und Hisbollah fordern nichts weniger als die Selbstauflösung eines Staates, dessen Existenzrecht sich wahrlich nicht allein auf den Holocaust gründet, sondern auf der schlichten Tatsache, daß er genauso anerkannt ist wie alle anderen 196 Staaten dieser Welt auch.
Deshalb stellt sich für einen möglichen Einsatz der Bundeswehr im Libanon auch nicht so sehr die Frage, ob die Lehren aus der Vergangenheit einen Einsatz auch deutscher Soldaten erfordern, oder ob genau die gleichen Lehren eine Situation von selbst verbieten, in der sie auf jüdische Soldaten schießen müßten. Daß dies eintritt, ist eher unwahrscheinlich. Käme es zu einer erneuten Eskalation, in der sich eine israelische Regierung zu einem militärischen Einsatz gezwungen sähe, würden sich die UN-Truppen aller historischen Erfahrung nach vermutlich ver-
drücken. Viel eher schon geriete eine UN-Truppe in einen Konflikt mit den Hisbollah-Milizen, die sich nicht so einfach aus dem Südlibanon vertreiben lassen werden – und die man schon davon abhalten muß, sich allzu engagiert um den Wiederaufbau des Südlibanon zu kümmern. Das tat sie nämlich schon nach dem Rückzug der Israelis im Jahr 2000, was ihr treffliche Gelegenheit bot, ihre Abschußbasen, Waffen und Kämpfer strategisch geschickt, nämlich in Wohnhäusern, zu positionieren. Wäre eine Einsatztruppe dann bereit, Hisbollah-Kämpfer auch mit Waffengewalt von Provokationen abzuhalten? Häuser zu durchsuchen, um versteckte Abschußbasen zu zerstören? Opfer in Kauf zu nehmen, weil die Hisbollah gewiß versuchen wird, die Truppe aus dem Libanon herauszubomben, wie sie das bereits mit amerikanischen und französischen Verbänden tat? Und wie wird sie dann reagieren? Unverhältnismäßig? Oder strikt nach Lehrbuch?
Wem es um eine Befriedung des Nahen Ostens geht, der sollte sich von solchen Herausforderungen nicht abhalten lassen. Sondern sich diesen Fragen in einer offenen Debatte stellen. Und auf Oberlehrertum eher verzichten.

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Interview

»Ich bin für die klare Haltung Deutschlands dankbar«

Israels Botschafter Ron Prosor zu deutschen Reaktionen nach den Angriffen auf den Iran, zur Sicherheitslage israelischer und jüdischer Einrichtungen sowie zu einer Nachricht zu Purim

von Detlef David Kauschke  02.03.2026

Nahost

Iran greift erstmals europäisches Ziel an: Drohne trifft britischen Stützpunkt auf Zypern

Nach Ausrufung einer Sicherheitswarnung erschütterten Explosionen die Basis. Kampfjets der Royal Air Force hoben nach Angaben von Flugbeobachtern ab, um den Luftraum zu sichern

 02.03.2026