Offenbach

An historischem Ort

von Sabine Demm

Für den offiziellen Festakt zum 300‐jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde Offenbach gab es kaum einen besseren Ort: das Capitol. Die jüdische Gemeinde hatte zu ihrer offizielle Jubiläumsfeier in ihre ehemalige prächtige Synagoge eingeladen. Schon während der Nazizeit war das Capitol zweckentfremdet als Kino und nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Stadttheater genutzt worden. 1995 wurde es zum Musicaltheater umfunktioniert.
Heute ist der Rundbau mit der großen Kuppel, den dunkelblauen Wänden und roten Samtvorhängen einer der schönsten Konzert‐ und Veranstaltungsräume im Rhein‐Main‐Gebiet. Das jüdische Gemeindezentrum liegt nur einige Meter vom historischen Bau entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
»Unsere Gotteshäuser bleiben solange heilig, bis sie freiwillig aufgegeben werden. Ich stehe in einer Synagoge, die ihre Heiligkeit nicht verloren hat«, betonte der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann und überraschte damit nicht nur den Gemeindevorsitzenden Alfred Jacoby, der mit einer erneuten Synagogendiskussion zu diesem Anlass nicht gerechnet hatte, sondern auch den Zentralratsvize aus Frankfurt, Dieter Graumann.
Dass die ersten zurückkehrenden Schoaüberlebenden sich nicht in der Lage sahen, die hohen Kosten der alten Synagoge aufzubringen und das Gebäude an die Stadt übergaben, lässt Neumann offensichtlich nicht gelten. »Ich würde gerne Anspruch auf Rückerstattung erheben, wenn nur die geringste Aussicht bestünde, sie unterhalten zu können«.
»Darüber wollte ich eigentlich nicht reden, aber wir werden sehen, was daraus wird«, entgegnete der langjährige Vorsitzende der Offenbacher Gemeinde, Alfred Jacoby. Er erinnerte nur noch daran, dass sein Vater, der zu den ersten Offenbacher Juden gehörte, die nach dem Krieg in die Stadt zurückgekehrt waren und damals mitentschieden, das frühere Gotteshaus wegen der Kosten aufzugeben.
In den 50er‐Jahren lebten rund 90 Juden in Offenbach. Damals konnte auch niemand ahnen, dass die Gemeinde wieder auf 1.000 Mitglieder anwachsen würde. Doch auch die hohe Zahl der Mitglieder heute befähige die Gemeinde nicht einmal dazu, sich allein die Heizkosten der früheren Synagoge leisten zu können, stellte Jacoby unmissverständlich fest.
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, schaute über den lokalen Rahmen Offenbachs auf ganz Hessen, in dem am 27. Januar gewählt wird. Die rechtsextrenen Parteien wie die NPD drohten zur Volkspartei zu werden, sagte sie besorgt. Zutiefst sei sie darüber empört, dass per Gerichtsurteil entschieden wurde, dass der Hessische Rundfunk einen Wahlspot der NPD zu den bevorstehenden Landtagswahlen ausstrahlen muss. »Sind die Richter des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs auf dem rechten Auge blind?«, fragte Knobloch. Die Zentralratspräsidentin forderte, die rechte Gefahr nicht totzuschweigen: »Wir dürfen nicht hoffen, dass sich das NPD‐Problem von selbst löst, sondern wir müssen dagegen ankämpfen.«
Hier seien auch die jüdischen Gemeinden gefordert. Sie forderte die Anwesenden dazu auf, zu vermitteln, was Juden in Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft für Deutschland geleistet haben. »Denn das Wissen vieler Jugendlicher über Juden beschränkt sich auf den Holocaust.« Indem die Gemeinde ihr 300‐jähriges Bestehen feiere, zeige sie, dass die Gemeinde Offenbach ihre Gründung nicht erst nach 1945 ansetzt, betonte Knobloch freudig. Das zeige, dass sich deutsch‐jüdische Geschichte eben nicht allein auf die Schoa reduzieren lasse.
Der Offenbacher Bürgermeister, Horst Schneider, hob hervor, was die Juden in ihrer 300‐jährigen Geschichte für die »Stadt des Leders und der Lettern« geleistet haben. Der Aufstieg zu einer Metropole des Buchdrucks und des Lederhandels wäre ohne die jüdischen Bürger undenkbar gewesen. Schneider erinnerte an die letzte Predigt in der alten Synagoge, die der bedeutende liberale Rabbiner Max Dienemann 1938 gehalten hatte. Der Ort der Veranstaltung war immer wieder Thema der Feier – ist er doch Symbol für die Geschichte der Offenbacher Juden. Offentsichtlich ist das letzte Wort über die Nutzung der alten Synagoge noch nicht gesprochen.

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