Kindertransporte

Am Ende des Gleises

von Alice Lanzke

Die fünf Kinder haben jeder einen Koffer bei sich, ein wenig müde, aber hoffnungs‐voll blicken sie drein. Sie stehen am Ende eines Gleisstücks, das ebenso aus Bronze gefertigt ist wie die kleine Gruppe selbst: Mit der Skulptur wird an der Londoner Li‐
verpool Street Station an die „Kindertrans‐
porte“ 1938/39 erinnert, an den Schlusspunkt der glücklichen Rettung 10.000 überwiegend jüdischer Kinder.
Nun soll auch am anderen Ende der Gleise in Berlin eine ähnliche Skulptur entstehen, zumindest wenn es nach dem Willen von Lisa Schäfer geht. Die Journalistin und PR‐Managerin setzt sich für ein Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße ein. Hier startete am 1. Dezember 1938, drei Wochen nach der Progromnacht, der erste Zug gen Großbritannien. Wie die Plastik in London soll auch die in Berlin vom Künstler Frank Meisler gefertigt werden – selbst ein Kind der Kindertransporte. Doch während die Schienen in London enden, wird die Kindergruppe in Berlin sie noch vor sich haben: „Hier werden sie die Angst vor den Nazis im Gesicht haben“, erklärt Lisa Schäfer.
2000 stieß sie im Rahmen einer Recherche über das Londoner Denkmal auf das ihr damals vollkommen neue Thema: „Von den Kindertransporten hatte ich nichts gewusst. Ich dachte, das ist deutsche Geschichte, die ich wieder nach Deutschland bringen muss.“
Seither sieht es die ehemalige Lehrerin als ihre persönliche Verantwortung, die Kindertransporte bekannter zu machen. Es ist die Geschichte einer einmaligen Rettungsaktion: Kurz nach der „Reichskris‐
tallnacht“ 1938 beschloss die britische Re‐
gierung, Kinder aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen aufzunehmen. Eine breite Allianz englischer und holländischer, religiöser und nichtreligiöser Organisationen unterstützte die Ausreise der bedrohten Kinder. Sie kümmerten sich um Pflegeeltern und die Sicher‐
heit von 50 Pfund pro Kind, für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Dennoch ge‐
lang es innerhalb kürzester Zeit, die ersten Züge bereitzustellen. Durch die Kindertransporte, die alle über Aachen in die Nie‐
derlande und von dort mit der Fähre zum britischen Küstenort Harwich führten, wurden bis zum Ausbruch des Krieges 10.000 Kinder gerettet, 8.000 von ihnen waren Juden.
Doch obwohl der Transport Rettung be‐deutete, traumatisierte er die minderjährigen Flüchtlinge, von denen die jüngsten gerade ein paar Monate, die ältesten 16 Jahre alt waren: In der „Oscar“-prämierten Dokumentation „Into the Arms of Strangers“ erinnern sich einige der „Kinder“, wie sie sich heute selbst noch nennen, dass sie ihren Eltern die jähe Trennung übel nahmen. Andere hatten den Auftrag bekommen, Arbeit für die Verwandten zu suchen – nur so war eine Einreise nach Großbritannien möglich. „Da gingen dann Zehnjährige ohne Englischkenntnisse Klin‐ken putzen, um ihre Familien zu retten“, sagt Lisa Schäfer. Nur wenigen gelang das auch: 90 Prozent der Kinder sahen ihre Eltern nie wieder.
Bertha Leverton gehört nicht zu ihnen. „Ich hatte Schuldgefühle, weil ich meine Eltern wiederbekommen hatte“, erzählt die 84‐jährige gebürtige Münchnerin, die heute in London lebt. Sie war fast 16, als sie gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern einen der rettenden Züge bestieg. „Es war das befreiendste Gefühl, als wir die deutsche Grenze passierten“, erinnert sie sich in perfektem Deutsch.
In Harwich kam sie wie alle anderen Kinder, für die noch keine Pflegefamilie gefunden worden war, in ein umfunktioniertes Sommerlager. Jedes Wochenende wurden die besten Kleider angezogen: Britische Paare kamen, um sich ein Kind auszusuchen. „Wir fühlten uns wie die Affen im Zoo, und die meisten Paare wollten kleine hübsche Mädchen“, sagt Leverton. Schließlich wurde sie doch noch vermittelt: Als Dienstmädchen kam sie in eine Familie. Über die damaligen Erfahrungen spricht sie mit einem bitteren Un‐
terton: „Der britischen Regierung bin ich für die Rettung unserer Leben sehr dankbar, bei den Familien aber war alles dabei: ganz tolle Menschen, ganz normale Menschen und solche, die uns ausgebeutet haben.“ Zu ihren damaligen Pflegeeltern habe sie keinen Kontakt, im Gegensatz zu vielen anderen Kindern.
Fünf Jahre nach der Trennung sahen Bertha Leverton und ihre Geschwister die Eltern in England wieder, „der glücklichste Tag in meinem Leben“, betont sie. Danach wurde nicht mehr über das Erlebte gesprochen. Bis die alte Dame ein Bild eines ihrer 13 Enkel an der Wand betrachtete und sich dachte: „Sie ist fast 16 und weiß nichts da‐rüber, was ich in ihrem Alter erlebt habe.“ Bertha Leverton beschloss, ein Buch zu schreiben, unter dem Titel „I came alone“ versammelte sie ihre und die Erinnerungen vieler anderer Kinder. Und sie fing 1988 an, ein Wiedersehen zu organisieren. Ein Jahr später war es soweit: 1.000 der Kinder traf sich in den ehemaligen Sommerlagern. „Es war unbeschreiblich, ein sehr emotionales Treffen“, sagt sie über die drei Tage.
Leverton begann, mit Schäfer deutsche Schulen zu besuchen, um von ihrer Ge‐
schichte zu erzählen. Auch zur Benefizveranstaltung zugunsten der Berliner Skulptur der Kindertransporte wird sie kommen und als Zeitzeugin sprechen. Noch steht die Entscheidung für das Denkmal durch den Bezirk noch aus, doch Schäfer ist zuversichtlich: Seien doch die Kindertransporte „das deutlichste Zeichen von Menschlichkeit und Courage im Zweiten Weltkrieg“.

Benefizveranstaltung: Dienstag, 4. März, 18 Uhr, Kino CineStar im Sony‐Center, Potsdamer Platz. Eintritt mindestens 3 Euro, weitere Spenden sind erwünscht. Voranmeldung bei Lisa Schäfer, Tel. 030/6040 1021, E‐Mail: lisa.schaefer@berlin.de

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