Sommercamp

„Am besten gefällt mir alles“

von Christine Schmitt

Plumps. Der Aufprall auf den weichen Sand ist sanft. Doch der achtjährige Junge verzieht schmerzverzerrt sein Gesicht und fängt an zu weinen. Aber Orit ist sofort zur Stelle. Sie hat seinen Sturz von der Kletterspinne beobachtet. „Wo hast du dir wehgetan?“, will die 18‐jährige Madricha von ihm wissen und nimmt ihn tröstend in den Arm. Sekunden später ist alles wieder beim Alten: Die 80 Kinder des Tagesferiencamps Gan Israel von Chabad Lubawitsch laufen über den Spielplatz, spielen Fangen und toben auf den Geräten. Einige Mädchen sind aufs Tor geklettert, sitzen auf der obersten Stange und schauen vergnügt umher. In Berlin ist Ferienzeit – aber die 14 Madrichims des Camps leisten Höchstarbeit. Nun erschallen deren Stimmen energisch über den Spielplatz: „Alle herkommen, wir gehen zum Mittagessen zurück.“
Munter redend kommen die Kinder am Ausgang zusammen. Jeder Gruppenleiter zählt seine Kinder, dann geht es schließlich zurück an die Münstersche Straße ins Bildungszentrum von Chabad. Das Schlusslicht bilden Orit Daus, Elia und Jakob, die Hand in Hand gehen. Während sich die anderen in lautem Ton verständigen, ist es bei den Dreien ruhig. „Elia konnte noch gar nicht richtig Deutsch sprechen, da war er schon bei uns im Sommercamp“, sagt Orit. Doch Elia denkt nicht an die vergangenen Ferienlager, sondern schaut in die Zukunft. „Ich freu’ mich schon aufs Imax“, meint er. Wann es denn endlich losgehen werde, will Jakob wissen. „Am Nachmittag“, antwortet Orit.
Mit großem Lärm stürmen die Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren die Treppe hinauf in den Speisesaal, wo gerade die Tische von den Madrichims mit Plastikgeschirr gedeckt werden. Die Jungs und das Mädchen aus Orits Gruppe sitzen bereits leicht erschöpft auf ihrer Bank und lassen sich bedienen. Viel geredet wird hier nicht – denn man müsste schon schreien, um sich zu verständigen, so laut ist es.
Elia fasst an seine Hosentasche. „Ich habe heute bereits 17 Dollar verdient“, sagt er zu Jakob. Die beiden besuchen dieselbe Schule und sind befreundet. Jakob hat ebenfalls bereits die ersten Geldscheine in seiner Tasche. Wer immer engagiert beim Singen, Beten, Spielen und bei den Ausflügen dabei ist, bekommt als Belohnung die „Gan Israel Dollar“ und darf sich am Ende der Woche Süßigkeiten von dem Spielgeld kaufen. Heute Morgen haben die Kinder schon gesungen, gebetet und gelernt. Jakob hat draußen aus der Siddur gelesen – „das war schön“, meint er. Und Orit lobt ihre Gruppe, dass alle sehr gut mitmachen. Mit 17 Dollar könne man schon einige Schokoriegel kaufen, glaubt Elia und schaut in Richtung Glasschrank, wo die koscheren Süßigkeiten ausgestellt sind. „Das gefällt mir ein bisschen“, meint er. Einerseits mag er sie gerne essen, andererseits kriegt man davon Karies, wägt der Achtjährige ab.
Orit teilt das Gemüse aus. Schon als kleineres Kind war sie im Gan‐Israel‐Sommercamp – damals noch als Teilnehmerin. „Es war immer toll“, meint sie. Seit vier oder fünf Jahren ist sie nun als Madricha dabei. „Und das mache ich sehr gerne“, sagt sie. Denn sie arbeitet gerne mit Kindern zusammen und verbringt die Freizeit mit ihnen.
Orit selber findet kaum Zeit zum Essen, weil die Kids sie so beanspruchen. Die sind nun längst nicht mehr so erschöpft, sondern werden wieder munter und kennen nur noch ein Thema: „Wann geht es ins Imax?“ Orit lässt sich einfach nicht aus der Ruhe bringen und gibt in ihrer ruhigen Art immer wieder dieselbe Antwort. Nun hat sie doch noch etwas Zeit, rasch etwas zu essen. Seit der siebten Klasse lebt Orit in einem jüdischen Mädcheninternat in Frankreich. Nur noch in den Ferien fliegt sie nach Berlin zu ihren Eltern und Geschwistern. Wenn sie vom Sommercamp am späten Nachmittag nach Hause kommt, lernt sie oft noch mit ihrem Bruder oder hilft ihrer Mutter beim Einkaufen. Aber sie genießt dann die Ruhe oder telefoniert leidenschaftlich gern mit ihren Freundinnen.
Die Eltern von Jakob und Elia haben in den Ferien nur wenig Zeit, weil sie arbeiten müssen. Deshalb stand für die beiden Jungs fest, dass sie jedes Sommercamp mitmachen – die ganzen drei Wochen.
Das Mittagessen ist zu Ende. Es wird noch ein gemeinsames Lied gesungen. Während Orit das Geschirr in einen blauen Müllsack steckt, springen die Kinder schon auf und zählen auf, was ihnen bisher gut gefallen hat am Sommercamp. „Bowling fand ich super“, meint Elia. „Aber am besten gefällt mir alles.“

Chabad Ferienlager bis zum 3. August.
Das Jugendzentrum Olam bietet Sommercamps vom 6. bis 10. und vom 13. bis 17. August an. Infos unter Telefon: 030–880280.

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