Monotheismus

Alles nur geklaut?

von Sylke Tempel

Der Jubel über »unseren Papst« mag sich auch im Jahr 2006 kaum gelegt haben. Doch was kümmert den »Spiegel« Papst oder Christentum. Die Titelgeschichte seiner Ausgabe vom 22. Dezember widmet das Magazin aus Hamburg der altisraelitischen und -ägyptischen Geschichte: Unter dem Titel »Das Testament des Pharao« fragt sich Autor Matthias Schulz, wie denn der Monotheismus wirklich entstanden sei und ob »der Glaube an einen einzigen Gott zwangsläufig zu einer gewalttätigen Religion führt«. Archäologen, behauptet Schulz, hätten eine »verblüffende Entdeckung gemacht. Die Juden kupferten ab. Ihre Idee vom einen Gott stammt in Wahrheit aus – Ägypten.« Bereits im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung habe Pharao Echnaton den Vielgötterglauben der Ägypter verdammt und die Anbetung des Sonnengottes Aton befohlen. Diese Glaubensrevolution wurde nach dem Tod Echnatons von ägyptischen Priestern revidiert. Erst mit der Redaktion der Bibel, die laut Schulz nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil »zwischen 500 und 400 vor Christus« erfolgt sei, habe sich der Monotheismus durchgesetzt. Und das nur mit der kräftigen Nachhilfe der »Jahwe-Priester vom großen Tempel in Jerusalem. In diesem dunklen Kultbau auf dem Zionsberg (...) liefen einst alle Fäden zusammen«, schreibt Schulz. Dabei hätten es die »bigotten Anhänger des Ewigen« mit der »Wahrheit nicht so genau« genommen. Mit dem Monotheismus der »Jahwe-Priester« sei auch »eine neue Form von Hass« in die Welt gekommen.
Schulz beruft sich in weiten Zügen auf den renommierten Ägyptologen Jan Assmann. Der emeritierte Professor der Universität Heidelberg hatte in seinem Buch »Moses der Ägypter« die These vertreten, dass sich eine »Gedächtnisspur« vom Aton-Kult des Pharaos Echnaton in die Überlieferungen der Bibel zieht. Eine der größten zivilisatorischen Leistungen aber sei die »mosaische Unterscheidung«: Die ungeheure zivilisatorische Errungenschaft des Monotheismus mosaischer Prägung habe zur Definition einer religiösen Wahrheit geführt, die mit heidnischen Religionen nicht mehr vereinbar war. Die Religion des Einen Gottes konnte keine Götzen neben sich mehr dulden – sie führte zur Intoleranz gegen jegliche Form von Häresie.
Mit dem Tenor und den meisten der Thesen des Artikels will Assmann aber »nichts zu tun haben. Die Unterstellung, die Juden hätten ›abgekupfert’ ist mir in Ausdruck und Aussage ebenso zutiefst zuwider wie die Idee eines Priesterbetrugs, der Annahme, die Bibel ginge auf die Machenschaften einer Priesterkaste zurück«, sagt Assmann auf Nachfrage. Der Artikel sei nicht nur »ahistorisch«, wenn von »Juden« oder gar »Urjuden« ansstelle von Hebräern oder Israeliten die Rede sei. »Er widerspricht auch allem, was ich je geschrieben habe. Ich distanziere mich in aller Form von dieser Vereinnahmung.«
Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik geht noch weiter: »Im Wesentlichen wird hier wiederholt, was nationalsozialistische Wissenschafler propagiert haben, nämlich die Unwahrheit des Judentums nachzuweisen.« Besonders empörend aber sei, so Brumlik, dass »der Chefredakteur eines bislang angesehenen Magazins der Republik ausgerechnet zu Weihnachten die bislang antisemitischste Titelgeschichte beschert hat.«
Dass Tenor oder Aussage antisemitisch seien, bestreitet Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur des »Spiegel«. Es ginge um einem »Ausdruck einer religions- und mythenkritischen Haltung«. Der Vorwurf des Antisemitismus lässt Doerry »ratlos«. »Antisemitismus ist doch Rassismus. Was aber ist an der These dieses Artikels rassistisch? Kann man in der Vermutung, dass die jüdische Religion ihre Ursprünge auch im Monotheismus des Pharaos Echnaton hat, einen rassistischen Kern erkennen? Dann müsste sich dieser Rassismus auch gegen sämtliche Christen und Muslime richten. (...) Das aber wäre doch unsinnig.«

Finale

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