Regina Steinitz

„Alles brannte“

von Sophie Neuberg

Obwohl sie erst acht Jahre alt war, kann sich Regina Steinitz immer noch sehr gut an den 9. November 1938 erinnern. Da‐
mals lebte sie mit ihrer schwer kranken Mutter, ihren Brüdern Benno und Theo und ihrer Zwillingsschwester Ruth in der Kleinen Auguststraße in Berlin. „Eine Nachbarin stürmte in unsere Wohnung und rief ‚die zünden die Synagogen an‘“, erzählt sie. Zusammen mit ihren Geschwistern rannte das Mädchen auf die Straße. Geschäfte wa‐
ren aufgebrochen, Menschen plünderten, doch die vier Kinder hatten ganz anderes im Sinn: Sie wollten die Torarolle aus der nahe gelegenen Synagoge retten, erzählt Regina Steinitz mit größter Selbstverständlichkeit. Glücklicherweise hatte je‐
mand anderes bereits die Torarolle aus der brennenden Synagoge entfernt und die Kinder machten sich daran, brennende Bücher zu löschen und nach Hause zu tragen. „Mein Vater fotografierte und hatte deshalb zu Hause eine Dunkelkammer. Dort stapelten wir die heiligen Bücher, um sie später zu begraben“. Doch nach einer Weile beorderte ihr älterer Bruder alle wieder nach Hause. „Er spürte, wir könnten überfallen werden,“ erzählt Regina Steinitz, „alles brannte, es war ein furchtbarer Anblick – man ahnte, dass es nur noch schlimmer werden würde.“
Kurze Zeit später konnte der jüngere Bruder Theo mit einem Kindertransport nach England emigrieren. Regina und ihre Schwester wurden nach dem Tod ihrer Mutter ab 1940 im Kinderheim in der Fehrbelliner Straße 92 untergebracht. 1942 musste das Heim schließen, aber eine Tante und die Oma schafften es, die beiden Mädchen zu verstecken. Benno wurde nach Auschwitz deportiert, konnte aber überleben.
Zum Vergnügen komme sie nicht nach Berlin, sagt Regina Steinitz, die heute wie ihre Schwester in Israel lebt. Aber sie will an diejenigen erinnern, die nicht überlebten – insbesondere ihre Freundinnen und Freunde aus dem Kinderheim. Fast alle wurden deportiert und starben, mit Ausnahme Sylvia Wagenbergs, die in Auschwitz im Mädchenorchester Flöte spielte und so überleben konnte. Regina Steinitz möchte heute möglichst sachlich über ihre Erinnerungen sprechen, wird aber immer wieder von den Emotionen überwältigt, wenn sie von ihren besten Freundinnen und den geliebten Erzieherinnen im Kinderheim erzählt.
Das jüdische Kinderheim in der Fehrbelliner Straße 92 in Berlin Prenzlauer Berg war kein reines Waisenhaus, sondern beinhaltete auch Kindergarten, Hort und Lesestube. In der „Unterkunft“ waren zunächst vor allem Kinder, deren Eltern sich wegen Krankheit vorübergehend nicht um sie kümmern konnten. Doch „Hitler machte die Kinder zu Waisen“, wie Regina Steinitz es formuliert: Durch die Verhaftungen und Deportationen verloren immer mehr Kinder ihre Eltern und mussten dauerhaft im Heim bleiben. Dort wurde eine für die damalige Zeit sehr moderne Art der Erziehung mit reformpädagogischem Ansatz praktiziert. So war die Prügelstrafe tabu, die Kinder wurden mit viel Liebe aufgenommen und die Erzieherinnen bemühten sich, ihnen in der feindseligen Umgebung ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. Jeden Freitagabend wurden die Tische mit weißen Tüchern bedeckt, das Essen war besser als unter der Woche, es wurde gesungen und auf Hebräisch gebetet. Nach dem Essen wurden die Tische abgeräumt und die Kinder verteilten sich in zwei Gruppen: Eine Erzieherin spielte mit ihnen Gesellschaftsspiele, die andere las Geschichten vor. Die ganze Woche freute sie sich auf die Fortsetzung der Geschichte, erzählt Regina Steinitz. Auch jüdische Feiertage wurden im Kinderheim begangen und Regina Steinitz kann sich besonders gut an das Chanukkafest 1941 erinnern. Die Kinder hatten für ihre Erzieherinnen Geschenke gebastelt, Kerzen wurden angezündet und Chanukkalieder gesungen. „Für jedes Kind lag ein Geschenk auf dem Tisch“, erzählt sie, „ich erinnere mich bis heute, dass ich eine Pfeife bekam, mit der ich Seifenblasen machen konnte.“
Als die Erzieherinnen den Kindern erklären mussten, dass sie von nun an den gelben Stern zu tragen hatten, sagten sie ihnen auch, sie sollten sich nicht schämen, sondern könnten als Juden stolz sein – und erinnerten die Kinder an berühmte jüdische Persönlichkeiten. Um sich Mut zu machen, sangen die Kinder das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ und rezitierten feierlich den Spruch: „Schäme dich nicht, ein Jude zu sein! Gräme dich nicht, ein Jude zu sein! Dein Stolz und dein Ruhm – sei Kämpfer für das Judentum!“
Bei ihrer Erinnerungsarbeit hat Regina Steinitz in Inge Franken eine Verbündete gefunden, die mit großem Engagement seit Jahren versucht, die Spuren der Kinder ausfindig zu machen und die Geschichte des Kinderheims zu erzählen. Inge Franken stammt aus einer nazitreuen Familie, und es ist ihr ein besonderes Anliegen, seitdem sie zufällig auf die Geschichte des Hauses in der Fehrbelliner Straße gestoßen ist, den Kindern Namen und Geschichte zurückzugeben.
Zunächst suchte sie im Archiv der Jüdischen Gemeinde. Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv studierte sie Deportationslisten und fand zu ihrem Entsetzen immer mehr Namen von Kindern aus dem Heim, die deportiert worden waren. Sie setzte auch Suchanzeigen in Zeitungen. Nach und nach trug sie Informationen zusammen und nahm Kontakt mit Überlebenden auf, die zum Teil bereit waren, ihre Erinnerungen aufzuschreiben oder zu erzählen. So zum Beispiel Regina Steinitz, ihre Schwester Ruth und ihre Freundin Sylvia Wagenberg. Das daraus entstandene Buch ist konsequenterweise „Gegen das Vergessen“ betitelt. Inge Franken setzte sich auch für die Schaffung einer Gedenktafel am Gebäude des ehemaligen Kinderheims in der Fehrbelliner Straße ein. Im Haus erinnert heute eine kleine Ausstellung an die Zeit bis 1942. „Dieses Heim sollte eine Ehrung bekommen und ein Haus gegen das Vergessen werden“, findet Regina Steinitz, „das sind wir den ermordeten Kindern schuldig.“

inge franken: gegen das vergessen. erinnerungen an das jüdische
kinderheim, fehrbelliner strasse 92, berlin‐prenzlauer‐berg
textpunkt verlag, Berlin 2005, 192 Seiten, 14,90 Euro

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