pop

Achtung Welt, ich komme

Aviv Geffen hat in Israel als Musiker alles erreicht. Jetzt versucht er, sich auch international Gehör zu verschaffen. Die vergangenen zwei Jahre hat der 36-Jährige in London intensiv an seinem ersten englischsprachigen Album gearbeitet, das an die-sem Freitag erscheint. »Nach so vielen Jahren dachte ich, es ist an der Zeit, der Welt zu zeigen, wer Aviv Geffen und was meine Botschaft ist«, erklärte er bei einer Pressekonferenz hoch über den Dächern Berlins vergangene Woche. »I’m here, I’m coming to you«, heißt es denn auch selbstbewusst in Black & White, dem ersten Song des neuen Albums, das, wie es sich für einen Star gehört, so heißt wie er: Aviv Geffen.

debüt Geffen pflegt keine falsche Bescheidenheit. »Ich glaube, dass ich ein begabter Musiker bin. Ich denke, es gibt nichts Vergleichbares zu meinem Album. Meine Stimme ist nicht die eines Pavarotti, sie ist ein bisschen gebrochen, und meine Texte sind voller Poesie.« Immerhin steht er mit dieser Einschätzung nicht alleine. Trevor Horn, der englische Produzent, der schon Grace Jones, Paul McCartney, Tina Turner und Seal zu Weltruhm verhalf, hat den Israeli ermutigt, den Schritt aufs internationale Parkett zu wagen. Auch David Andrew Sitek (Massive Attack und David Bowie) und Coldplay-Produzent Ken Nelson unterstützten Geffen bei der Arbeit an seiner inzwischen fünfzehnten CD. Solche Namen sind ein Gütesiegel in der Musikwelt. Das hilft bei der internationalen Vermarktung.
»Heute habe ich mich zwischen Oasis und Supergrass im Radio gehört und das ist toll für einen Typen, der aus Tel Aviv kommt«, freut sich Geffen. Für ihn ist es ist eine neue Erfahrung, nicht ständig auf der Straße angesprochen und erkannt zu werden. »Für mich wäre es natürlich sehr leicht, einfach in Israel zu bleiben«, sagt er. »Das wäre super für mein Ego, aber ich denke, wieder von vorn anzufangen ist in gewisser Weise sehr gesund. Wieder Songs zu veröffentlichen, die dann auch im Radio laufen, wieder Leute für deine Shows zu gewinnen – das ist großartig.«

berlin Dass Geffen sein Album in Berlin präsentierte, ist kein Zufall. Der Sänger, der seit einigen Jahren in London lebt, besucht die deutsche Hauptstadt regelmäßig. »Berlin erinnert mich an meine Heimatstadt Tel Aviv«, verteilt er Komplimente. »Die Stadt hat ein beeindruckendes Nachtleben, tolle Musik und eine spannende Underground-Szene.« Die Gegend rund um die Oranienburger Straße in Berlins Mitte sei für ihn »eine der tollsten Gegenden der Welt«. Er träume bereits davon, künftig auch hier zu arbeiten, vielleicht das nächste Album hier aufzunehmen. Aviv Geffen hat der Stadt an der Spree auf seinem ersten internationalen Album auch einen Song gewidmet. Berlin ist ein Liebeslied. »Ich traf ein Mädchen an einem Nachmittag hier«, erzählt der Sänger mit den dunklen Augen die Geschichte zum Song. Damals war er mit seiner britischen Band Blackfield auf Deutschlandtour. Der Vater eines kleinen Sohnes legt allerdings Wert darauf, sich »rein platonisch« in die Frau verliebt zu haben. Nach seiner Abreise mit dem Bandbus in Richtung Hamburg habe er dann den Song geschrieben. Ob PR-Gag oder wahr, die deutschen Journalisten auf der Pressekonferenz fahren auf die Geschichte ab.

düster Wie viele Titel seines englischsprachigen Debüts, ist Berlin ein eher düs-terer Song mit hymnisch anmutenden Momenten und inhaltsschweren Texten, der Rock und Elektroklänge vereint. Darunter ist Cloudy Now. Geffen hat einen seiner größten israelischen Hits für den internationalen Markt neu arrangiert. Der Song, der im Original (Achschaw Me’unan) 1993 erschien, ist so etwas wie die heimliche Na-tionalhymne der israelischen Jugend. Von einem »gewalttätigen Ort, den wir unser Land nennen«, handelt das Lied, von einem »Ort der Trauer, den wir Heimat nennen«, von einer » völlig abgefuckten Generation«. Geffen sagt, der Song sei für ihn auch sechzehn Jahre später noch aktuell. Der Wehrdienstverweigerer – »In Israel bin ich ein großer Star und vielleicht auch der einzige Friedenskämpfer« – sieht die aktuelle Lage in seinem Land eher pessimistisch. Seit der Ermordung Yitzhak Rabins 1995, die Geffen nur wenige Meter entfernt miterlebte, nach einem Friedenskonzert mit ihm als Star, habe sich nur wenig zum Positiven gewendet. »Irgendwie haben wir in Israel kein Glück im Friedensprozess«, sinniert er. »Als Ehud Barak Arafat alles anbot, war Arafat ein richtiger Idiot und bevorzugte es lieber, als Märtyrer zu sterben, statt als großer Führer. Und dann fiel Ariel Scharon ins Koma – irgendwie haben wir nur Pech.«
Für sich selbst hofft der Musiker auf mehr Glück. Da er zwar nicht an Gott glaube, aber daran, dass Musik etwas in den Menschen verändern kann, sei es ihm wichtig, dass seine Botschaft überall gehört werde. »Das Ziel sind jetzt die Radiosender in Europa, vor allem in Deutschland und Großbritannien. Ich habe ein tolles Album gemacht.« An Selbstbewusstsein mangelt es ihm wirklich nicht.

Anita Lasker-Wallfisch

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