Zwischenruf

Achtet die Tradition

von Rabbiner Yitshak Ehrenberg

Brauchen wir heutzutage noch jüdische Gemeinden? Diese Frage stellen sich viele Juden. Nicht nur, aber ganz besonders auch in Berlin, wo die größte jüdische Gemeinde Deutschlands zu Hause ist. Sie gibt leider in letzter Zeit in der Öffentlichkeit ein nicht immer positives Bild ab, zudem machen Austritte prominenter Gemeindemitglieder und Vorschläge, von der Einheitsgemeinde abzurücken und stattdessen meh-
rere kleine Synagogenvereine zu gründen, Schlagzeilen. Also: Braucht man die Gemeinden, und wenn ja, wofür?
Die erste jüdische Gemeinde überhaupt entstand in der Zeit der ersten Diaspora. Als Yaakow mit seiner Familie nach Ägypten ging – 70 Seelen waren es damals – berichtet uns die Tora: »Weet Yehuda schalach le-fanaw«, er schickte seinen Sohn Yehuda voraus. Der Talmud sagt, dass Yehuda von seinem Vater Yaakow gesandt wurde, eine Synagoge beziehungsweise eine jüdische Gemeinde aufzubauen. Damals in Ägypten ging es – wie heute in Berlin und anderswo – darum, als Juden zu überleben und nicht verloren zu gehen. Dafür muss es einen jüdischen Treffpunkt geben, wo Juden zusammenkommen und ihre Identität bewahren können, wo sie die Tradition pflegen und an ihre Kinder weitergeben können. Bei Yaakow Awinu ist das gelungen. Als er auf dem Sterbebett lag, ließ er die ganze Familie zu sich rufen, alle 12 Söhne. Und er wollte von ihnen wissen, ob sie noch auf dem Weg des Judentums sind. Er fragte: »Seid ihr noch Juden?« Und sie antworteten: »Schma Israel, Haschem Elokejnu, Haschem Echad. Vater, wir sind auf Deinem Weg.«
Aus meiner Sicht ist auch heute das Ziel einer jüdischen Gemeinde, gegen die Assimilation zu wirken, die Tradition von der einen an die nächste Generation weiterzu- geben. Und eine Gemeinde sollte natürlich auch soziale und gesellschaftliche Angebote machen. Sie sollte die Möglichkeit bieten, dass Juden zusammenkommen und einer den anderen unterstützt. So wie es im 133. Psalm heißt: »Hine matow umanajim«, seht wie gut und lieblich, wenn Brüder auch zusammen sind. Das ist wichtig.
Wichtig ist aber auch, Frieden in der Gemeinde zu haben, sich mit Respekt und Toleranz zu begegnen. Und es ist von großer Bedeutung, wie sich eine Gemeinde nach außen präsentiert. Wir leiden in Berlin in letzter Zeit schrecklich unter dem schlechten Ruf, den unsere Gemeinde mittlerweile hat. Das muss nicht sein. Das muss besser werden.
Über allem aber steht die Bedeutung der Gemeinde für die jüdische Identität, jüdische Erziehung, Stärkung der Synagogen und Schulen. Denn das ist unsere Zukunft. Wir brauchen mehr Tradition, mehr Jüdischkeit.
Unsere Weisen sagen, dass unsere Vorfahren im ägyptischen Exil drei Dinge bewahrt haben: ihre Sprache, die Namen und die Kleidung. Das ist Identität. Aber wir haben heute noch etwas, dass es zu bewahren gilt: die Tora. Wir sollen unsere Tradition hüten und beschützen, und das erwarte ich von einem Parlament und der Führung einer jüdischen Gemeinde. Unser Ziel muss es sein, die Gemeinde friedlich zu gestalten. Und dadurch schaffen wir auch eine Tradition, die wir an unsere Kinder und die nächste Generation weitergeben können. Wenn wir nichts dafür tun, geht das Judentum verloren.
Im Wort Jüdischkeit ist alles enthalten. Da steckt auch der Begriff Menschlichkeit mit drin. Im 1. Buch Moses schon wird davon gesprochen, ob jemand ein Zaddik ist oder nicht. Was ist ein Zaddik, ein Gerechter? Damals gab es noch kein Schabbat, kein Kaschrut, also keine Gesetze, deren sorgfältige Einhaltung einen vielleicht zum Zaddik machen. Es ging also in erster Linie um etwas anderes: um Menschlichkeit, Respekt und Toleranz. Das ist das Hauptanliegen des Judentums. Und darum geht es auch heute. Natürlich haben wir mittlerweile die Mizwot von Kaschrut, Schabbat und so weiter – unsere Tradition, die be-
wahrt und weitergegeben werden muss. Diejenigen, die eine Gemeinde vertreten wollen, müssen diese Ziele haben. Nicht sich selbst zu vertreten, in der Gemeinde nicht für die eigenen Vorteile zu wirken. Schon im Talmud wird erzählt von einem, der ein hohes Amt anstrebte. Dort heißt es sinngemäß: Ich gebe dir kein Königreich, ich gebe dir eine Knechtschaft. Viele große Rabbiner haben das auch auf sich bezogen, sich als »Ewed LeAm Haschem« beschrieben, als Knecht des Volkes Gottes.
Wer in eine Gemeindeführung gewählt werden will, sollte verstehen, dass er einen Dienst leistet, der jüdischen Gemeinde, der jüdischen Gemeinschaft, dem jüdischen Volk. Wer solch ein Motiv hat, sollte gewählt werden. Friedfertigkeit, Menschlichkeit, Moral, Respekt und Würde sollten vorherrschen, nicht Hass und Streitsucht. Meinungsverschiedenheiten sollen ausgetragen werden. Keine Frage. Der Talmud ist voll von Machleukes. Doch das bedeutet nicht Hass. Im Gegenteil. Es ist nicht gut, wenn ein Mensch allein das Sagen hat. Es geht darum, gemeinsam die Führung zu übernehmen. Mit verschiedenen Meinungen soll man zur Wahrheit kommen. In einem Beit Din, einem Rabbinatsgericht, darf auch nicht nur ein Richter sitzen. Es sollen mehrere Meinungen gehört werden. Erst dann kommt man zu einem gemeinsamen Urteil, denn man verfolgt ein Ziel. In der Mischna wird vom Beit Hillel und Beit Schammai berichtet. Dort wurden »Machlokes LeSchem Schamajim«, Meinungsverschiedenheiten im Sinne des Ewigen ausgetragen. Das ist gesunder Streit, weil beide ein Ziel verfolgen: die Wahrheit. Und dafür sind sie zu-
sammengekommen und können sich mit Respekt gegenübersitzen. Aber wenn man nur sich selbst vertritt oder fremde Motive und Interessen verfolgt, dann geht es schief. Ich glaube, die Leute, die für einen Posten in der Gemeindevertretung kandidieren, sollen hundertprozentig davon überzeugt sein, der jüdischen Gemeinschaft dienen zu wollen. Das ist nicht leicht. Auch Mosche Rabbenu hat es nicht immer leicht gehabt. Wer eine Gemeinde führen will, ob als Rabbiner oder Vorsitzender, soll Geduld haben mit jedem Menschen. Egal ob reich ob arm, ob Alteingesessener oder Zuwanderer. Man soll jeden ernst nehmen und probieren, ihm zu helfen und zu dienen. Wir sind alle Brüder und Schwestern. Ich bete zu Gott und wünsche, dass diejenigen, die diese Motive haben, viel Erfolg haben werden. Denn deren Erfolg ist unser Erfolg.
Bleibt die Frage: Braucht man eine große Einheitsgemeinde oder reicht es, sich in kleinen Synagogenvereinen zu organisieren? Ich meine, wir haben in Deutschland über Jahrzehnte hinweg mit dieser Struktur der Einheitsgemeinde gelebt, und es gibt keinen Grund, dies zu ändern. Trotz der verschiedenen Strömungen soll man weiter unter einem Dach bleiben. Das ist doch auch unsere Stärke. Ein kleiner Synagogenverein kann wenig bewirken, eine starke große Gemeinschaft hingegen viel. Unsere Stärke war immer der Zusammenhalt. Nicht das Gegeneinander. Mit einem Motiv und einem Ziel: Das Judentum zu retten.
Die Sowjets wollten das Judentum kulturell beseitigen. Die Nazis wollten es auch physisch vernichten. Es ist unsere Verpflichtung, heute etwas dagegen zu setzen: eine lebendige Gemeinschaft, die sich durch Jüdischkeit, Zusammenhalt und Respekt auszeichnet. Es ist unsere Pflicht, uns um das Leben in den Synagogen und um die jüdische Erziehung in den Schulen zu kümmern. Das ist die beste Antwort an unsere Feinde. Wenn wir schweigen, wenn wir nichts tun, dann haben unsere Feinde gewonnen. Wir wollen zeigen, dass wir da sind. Auch hier in Deutschland, wo man versucht hat, das europäische Judentum auszulöschen. Auch mit vielen russischsprachigen Juden aus der ehemaligen Sowjet-union, denen man damals die Kultur und Religion verboten hat. Wir sollen zeigen, dass wir Juden bleiben. Wir wollen unsere Tradition behalten. Und ich bin davon überzeugt, dass die meisten unserer Gemeindemitglieder diesen Wunsch teilen.

Der Autor ist Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender der ORD, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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