Diamantengeschäft

Abgeschliffen

von Tobias Kühn

Nirgendwo in Europa scheint es so viele moderne Väter zu geben wie im Antwerpener Judenviertel. Wer durch die Straßen am Hauptbahnhof geht, dem begegnen sie auf Schritt und Tritt: streng orthodoxe jüdische Männer, die morgens ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten bringen und am Nachmittag wieder abholen. Zwischendurch sieht man sie Einkäufe erledigen, mit dem Moped, dem Fahrrad oder zu Fuß. Die Frauen verdienen derweil den Lebensunterhalt: Sie sitzen im Büro oder stehen als Lehrerinnen vor ihren Klassen. Doch was wie ein feministisches Idyll anmutet, ist für viele nur eine Notlösung. »Die Männer versorgen die Kinder nicht wirklich«, sagt Vivian Liska, Judaistin an der Universität Antwerpen, »sie geben ihnen zu essen und bringen sie weg.« Die 49‐jährige Professorin blickt von ihrem Institut im obersten Stock eines Bürogebäudes aus wissenschaftlicher Distanz auf die Chassiden ihrer Gemeinde. Viele Väter in diesen Familien sind seit Jahren arbeitslos. Globale Veränderungen haben sich in ihre isolierte Welt hineingefressen. Viel würden sie darum geben, dass alles wieder so wäre wie vor zehn, 15 Jahren, bevor die Diamantenkrise ihr Leben veränderte.
Damals bestritten mehr als 90 Prozent der Antwerpener Juden ihren Lebensunterhalt mit den glitzernden Steinen – und das gar nicht schlecht. Sie arbeiteten als Schleifer, Händler oder Makler. »Doch die Zeiten haben sich geändert«, klagt Wolf Ollech. Der Diamantenschleifer beschäftigte vor zehn Jahren 40 Männer, heute sind es gerade mal drei. »Chinesen und Inder haben es gelernt, Diamanten so gut zu bearbeiten, wie man es früher allein in Antwerpen konnte«, sagt Ollech, »und sie tun es billiger.« Ollechs Kollegen in Asien geben ihren Angestellten einen Bruchteil dessen, was er seinen Männern zahlt – ein klarer Wettbewerbsvorteil. Und weil die niedrigen Preise auch Antwerpener Diamantenhändler beeindrucken, lassen immer mehr von ihnen in China schleifen. Das ist die Realität des globalisierten Marktes. Seit vor zwei Jahrzehnten indische Unternehmer den lukrativen Handel mit Edelsteinen entdeckt haben, wird es immer enger auf dem Antwerpener Diamantenmarkt, der früher zum größten Teil eine jüdische Domäne war.
»Die meisten jüdischen Männer in Antwerpen waren Makler«, sagt Jackie Morsel, Inhaber eines Diamantengeschäfts. Ihre Aufgabe war es, Käufer zu finden. »Wollte jemand einen Diamanten kaufen, so rief er einen Makler an. Der half ihm, den gesuchten Stein zu finden«, so Morsel. Er sei mit dem potenziellen Kunden von Geschäft zu Geschäft gegangen. »Er wusste Bescheid, kannte die richtigen Leute.« Wer heute einen Diamanten kaufen möchte, informiert sich im Internet, knüpft direkt Kontakt mit dem Verkäufer – und spart sich die Provision für den Mittelsmann. »Betrugen früher die Gewinnspannen beim Diamantenverkauf um die zehn Prozent, sind es heute nur noch vier bis fünf«, sagt Morsel. Da falle es den Verkäufern schwer, vom ohnehin niedrigen Gewinn noch knapp ein Prozent an den Vermittler abzugeben. Die meisten Antwerpener Makler sind inzwischen arbeitslos. Ihr Beruf ist überflüssig geworden – zum Leidwesen der vielen orthodoxen und chassidischen Männer, die bis dahin in der Stadt an der Schelde ideale Bedingungen für ihren Lebensstil vorfanden: »Es war wie im Himmel«, sagt Jackie Morsel, »wer zwei Stunden am Tag arbeitete, hatte genug zum Leben und lernte den Rest des Tages Tora und Talmud. Wer mehr arbeitete, konnte etwas zurücklegen.«
Doch die fetten Jahre sind vorbei. Jackie Wenger, seit 15 Jahren Direktor der Jüdischen Gemeinde Antwerpen, beobachtet mit Sorge, wie die orthodoxen und chassidischen Gemeindemitglieder verarmen. Er schätzt, dass heute rund die Hälfte von ihnen Sozialleistungen des Staates und der Gemeinde bezieht. Zwar suchen die früheren Makler inzwischen nach neuen Berufen, doch der Erfolg ist mäßig. Einige haben eine Anstellung in einer nichtjüdi‐ schen Firma gefunden. Ein paar wurden Elektriker oder Klempner, andere eröffneten Lebensmittel‐ und Buchläden. Doch etliche mussten inzwischen wieder schließen. Der Wandel ist nicht einfach, und er braucht Zeit. »Die Chassiden haben es schwer, eine berufliche Alternative zum Diamantengeschäft zu finden«, sagt Judaistin Liska. »Sie haben sehr großes religiöses Wissen, aber nur eine geringe allgemeine Schulbildung.«
Die meisten früheren Mittelsmänner haben weder einen Beruf gelernt noch Abitur gemacht. »Das war alles nicht nötig«, sagt Jackie Morsel, »um Diamantenhändler zu sein, braucht man keinen akademischen Hintergrund.« Viele sind in diesen Beruf hineingewachsen. Ein Junge, der in dieser Umgebung geboren wurde, hatte von Kind auf damit zu tun. Er ging häufig mit, begleitete den Vater bei der Arbeit, irgendwann vertrat er ihn, dann bekam er selbst kleine Aufträge, und allmählich war er gut genug, um selbstständig als Makler zu arbeiten. Über mehrere Generationen war der berufliche Werdegang chassidischer und orthodoxer Antwerpener Jungen vorgezeichnet. Diese Sicherheit gibt es heute nicht mehr.
Um jungen Menschen zu helfen, die nicht mehr in der Diamantenbranche unterkommen, hat sich vor zwei Jahren das von der belgischen Regierung unterstützte Bildungswerk SPT gegründet, »Sharei Parnasa Tova«, auf Deutsch: »Tore zum guten Einkommen«. Es bereitet junge Männer auf den Einstieg ins Berufsleben vor. »Ihr weltliches Wissen ist sehr begrenzt«, weiß auch Geschäftsführer Sam Friedman. »Wir vermitteln ihnen Computergrundkenntnisse und Basiswissen in Sprachen und Mathematik. Erst dann haben sie überhaupt eine Chance, einen Job zu bekommen.«
Friedmans Schüler sind 150 Männer zwischen 18 und 25, die alle eine Jeschiwa besucht haben. Sie kommen jeden Tag für zwei Stunden zu ihm. »Doch das reicht nicht«, klagt Friedman. Er möchte gern Ganztagsunterricht anbieten, denn sonst dauert es Jahre, bis seine Schüler sich bewerben können. Der 30‐Jährige, der selbst eine Jeschiwa besucht hat, versucht, auch Älteren zu helfen. Aber das sei schwer, denn sie hätten in ihrem Berufsleben in der Diamantenbranche nur in Jiddisch und Hebräisch kommuniziert. Es brauche lange, um ihr schriftliches Niederländisch in Form zu bringen, sagt Friedman. »Sie haben Familien und eigentlich keine Zeit dafür, weltliche Bildung nachzuholen.«
Für die Jungen hingegen zeichnet sich am Horizont bereits eine berufliche Zukunft ab, wenn auch vage und noch in schwachen Konturen. Aber immerhin. Es sind Jobs im Antwerpener Hafen, dem zweitgrößten in Europa. Spedition, Lagerung und Kommunikation sind die Schlagworte, bei denen Sam Friedman ins Schwärmen kommt: »Den Gütertransport zu organisieren – das könnte für uns die Zukunft für Generationen sein.« In dem Bereich gebe es viele Jobs, die für Juden interessant seien. Einige seiner Schüler haben vor ein paar Wochen an Einstellungstests im Hafen teilgenommen, aber ohne Erfolg, »die Basisfertigkeiten reichten nicht«, sagt Friedman. Aber er gibt nicht auf: »Wir hoffen, dass es die Ersten nächstes Jahr schaffen werden. Denn im Hafen brauchen sie Leute wie uns – mit Fremdsprachenkenntnissen und internationalen Verbindungen.«
Doch bis die Ersten wirtschaftlich unabhängig sind, wird noch viel Wasser die Schelde hinabfließen. Damit der berufliche Erfolg überhaupt gelingt, empfiehlt manch jüdischer Antwerpener den Chassidim, ihre Berührungsängste gegenüber der nichtjüdischen Umgebung abzubauen. Judaistin Vivian Liska glaubt, »dass die unbewusste oder halbbewusste Einstellung auch jüngerer Juden in Antwerpen von einer Feindseligkeit der Außenwelt ausgeht, ohne dass sie die konkret erfahren haben, sondern es ist ihnen von den Großeltern mitgegeben worden«. Die meisten Juden in Antwerpen sind Schoa‐Überlebende und Kinder von Überlebenden. In einer geschlossenen Gemeinde, die sich kaum der nichtjüdischen Umgebung öffne, wuchere die Erinnerung wie in einem Glashaus weiter und bleibe in einer problematischen Art lebendig, warnt Liska.
Dass viele Familien auch trotz wirtschaftlicher Not nicht den Schritt wagen, sich der nichtjüdischen Umgebung zu öffnen und ihre Kinder auf höhere Schulen schicken, beobachtet auch Gemeindedirektor Jackie Wenger mit Sorge. »Sie wollen ihre Kinder schützen vor dem Schlechten der Außenwelt, doch sie zahlen einen hohen Preis dafür: Ihre Kinder verlassen die Schule ohne anerkannten Abschluss. Da ist es schwer, Arbeit zu finden.«
Wenn diese Einstellung bleibt, ist zu befürchten, dass der nächsten Generation neben der Angst vor der Außenwelt auch die wirtschaftliche Not weitergegeben wird. Schon heute drehen viele chassidische Familien jeden Cent zweimal um. Die Verarmung, sagt Vivian Liska, werde durch eine sehr vergeistigte und überzeugte Lebensform kompensiert, die inzwischen auch die nichtchassidische bürgerlich‐orthodoxe Mittelschicht in Ant‐ werpen erfasst hat: Weil sie in der Diamantenbranche nicht mehr unterkommen, gehen immer mehr junge Männer auf die Jeschiwa. Auf berufliche Herausforderungen werden sie dort allerdings nicht vorbereitet.

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