Rita Goutkin

»Abends bin ich völlig fertig«

Ich stehe jeden Morgen um 7 Uhr auf und gehe zur Arbeit. Kinder habe ich jetzt nicht mehr zu versorgen. Mein großer Sohn ist 29 Jahre alt und Arzt. Mein jüngster ist gerade für ein Jahr nach England abgereist, wo ich ihn im Internat angemeldet habe. Ich hoffe, dass er dadurch ein bisschen selbstständiger wird. Ein Jahr weg von Mama wird ihm gut tun. Ich verspreche mir viel davon. Im Februar war ich mit ihm in drei Internaten in England und hatte da wirklich den Eindruck, dass sie es mit der Disziplin ernst nehmen.
Gegen 9 Uhr bin ich schon in der Praxis. Ich habe sie 1985 übernommen, vier Jahre, nachdem ich mit meinen Eltern aus Lettland hierherkam. Damals war ich 22 Jahre alt und hatte gerade das Studium abgeschlossen. Ich bin Zahnärztin.
Sobald ich die Praxis betrete, geht es rund. Den letzten Patienten verabschiede ich oft erst gegen 19 Uhr, und danach habe ich noch ein bisschen Papierkram zu erledigen. So gegen 20 Uhr bin ich fertig. Auch mit den Nerven! Was macht ein Zahnarzt? Zähne! Füllungen, Prothetik, Zahnfleischbehandlungen – alles Mögliche. Seit einiger Zeit lassen wir Zahnersatz im Ausland fertigen, das spricht sich langsam herum. Drei Viertel meiner Patienten sind russische Einwanderer, vor allem Juden. Die meisten sind ältere Leute, sie brauchen Zahnersatz und suchen jemanden, der Russisch spricht. Ich kann das, und ich habe auch zwei russischsprachige Helferinnen. Das erleichtert die Kommunikation. Viele Leute aus der ehemaligen Sowjetunion sind etwas ängstlich. Ich kann mir vorstellen, dass es besonders für Ältere nicht einfach ist, mit deutschen Ärzten zu tun zu haben.
Richtige Angstpatienten gibt es aber wenige. Ich spreche mit ihnen, unterhalte mich nett, auch zu dritt mit der Arzthelferin. Oft erzähle ich auch Kleinigkeiten aus meinem Privatleben, von den Kindern zum Beispiel. Dann verlieren die Leute ihre Angst. Kleine oder schwierige Kinder überweise ich an eine spezialisierte Kollegin.
Mit Kindern ab fünf Jahren komme ich aber meistens zurecht. Ich halte sie niemals fest, das habe ich mir abgewöhnt. In Russland arbeitete ich eine Weile in einer Kinderpoliklinik. Dort war es üblich, die kleinen Patienten festzuhalten. Aber hier mache ich das nicht. Man kann dem Kind dadurch viel Schaden zufügen: Manche gehen dann nie mehr zum Zahnarzt. Vor Jahren hatte ich ein sechsjähriges Mädchen. Sie hatte Angst und weinte, aber sie ließ sich behandeln, und ich habe ihr jedes Mal zwei Euro gegeben. Sie hatte sehr schlechte Zähne. Irgendwann waren wir mit der Behandlung fertig. Sie kam nach einem halben Jahr zur Kontrolle und erzählte, sie hätte für das Geld ein Meerschweinchen gekauft. Dann hatten die Mutter und sie es gebadet, und das Tierchen war ertrunken. Aber sie beatmeten es, und es wurde wieder wach.
Diese Woche war wirklich sehr, sehr gut. Am Montag hatte ich einen Patienten, dem ich zwei Implantate einsetzte. Ich habe sie Südwestimplantate genannt, weil sie in unterschiedliche Richtungen standen. Ich hatte mir große Sorgen gemacht, weil man eine Brücke schlecht einsetzen kann, wenn die Zähne in unterschiedliche Richtungen gucken. Aber alles hat einwandfrei gepasst. Da war die Woche schon so gut wie gelaufen! Ich war fast euphorisch.
Eigentlich wollte ich Frauenärztin werden, aber mein Vater bestand auf Zahnmedizin. Ich bin ihm heute sehr dankbar, weil es genau das Richtige für mich ist! Mir ist es wichtig, das Ergebnis meiner Arbeit sofort zu sehen. Oft kommen Patienten, die mich noch mit Goldzähnen anlächeln. Wenn sie dann nach einer hochwertigen Sanierung hier herausgehen, sind sie glücklich, und ich bin es auch. Denn ich habe etwas getan, was mich befriedigt. Ich liebe diese Arbeit, und ich arbeite sehr viel. Ich bin 49, vielleicht sollte ich bald etwas kürzer treten.
Manchmal beneide ich meine Freundinnen. Die meisten sind nicht berufstätig und können sich Zeit nehmen für verschiedene Dinge. Ich hingegen bin immer angespannt. Aber das sind nur kurzzeitige Gefühle. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, ohne Arbeit zu leben, ganz ehrlich nicht. Ich denke, das ist es, was mein Leben ausfüllt und ihm auch Sinn gibt. Meine Kinder sind groß. Ich wüsste nicht, womit ich mich sonst beschäftigen sollte. Dennoch habe ich auch Hobbys. Ich gehe, wenn ich es körperlich schaffe und mir zeitlich erlauben kann, zum Sport. Und ich habe zwei Hunde. Mein Leben findet zwar auch außerhalb der Praxis statt, aber der Mittelpunkt ist mein Beruf.
Nach der Arbeit mache ich meistens nichts, weil ich für große Sprünge danach keine Kraft mehr habe. Mein Freund und ich gehen öfter essen, aber in der Regel bin ich abends zu Hause. Mittwochs habe ich den Nachmittag frei, freitags meistens auch. Diese zwei Nachmittage gehen für häusliche Besorgungen weg, Bankgänge und alles, was liegen geblieben ist. Zwar gehe ich nicht in die Synagoge, aber am Schabbat zünde ich die Kerzen an. Ich bezeichne mich selbst als eher traditionell als orthodox. Ich bin eigentlich gläubig und auch Mitglied der Gemeinde, so wie es sich gehört.
Ärzte dürfen auch am Schabbat arbeiten. Aber das tue ich selten. Wenn ich besondere Fälle habe, lege ich sie gern auf Sonntag. In der Sprechstunde hat man nicht immer Zeit für sehr aufwändige Behandlungen. Eine der Helferinnen kommt dann mit, und wir arbeiten gemeinsam. Es ist mir lieber so, als die anderen Patienten warten zu lassen. Das macht mich nur nervös. Diesen Sonntag habe ich keinen Termin, denn da wird mein ältester Sohn mit dem Enkel zu mir nach Köln kommen. Das ist eine sehr große Freude, weil ich das Kind nicht oft sehe. Ich merke dann, wie viele Veränderungen sich seit dem letzten Mal ergeben haben.
Am Wochenende besuche ich häufig meine Eltern. Und ich reise sehr viel. Wenn ich spüre, dass ich körperlich angespannt bin und geistig auch, mache ich ein verlängertes Wochenende. Ich nehme mir ein oder zwei Tage frei und verreise. Ich kann mich sehr gut in dieser Zeit erholen. Und danach mache ich weiter. Vor zwei Wochen haben wir mit der Praxis einen Betriebsausflug gemacht. Wir waren drei Tage in Venedig. Das habe ich den Mädchen spendiert, weil wir im letzten halben Jahr sehr viel zu tun hatten. Es war schön – so ohne Männer, ohne Anhang, nur wir. Wir hatten riesigen Spaß. Das wollen wir jetzt jedes Jahr machen. Im Praxisalltag haben wir viel zu wenig Zeit, uns richtig zu unterhalten.
Im letzten Herbst habe ich ein bisschen mit Anti-Aging-Medizin angefangen: Falten unterspritzen, Fett weg und solche Sachen. Ich war deswegen auf zwei Kongressen und drei Kursen, und das neben den sonstigen Fortbildungen. Als Zahnärztin habe ich mich ständig fortzubilden. Wir müssen der Zahnärztekammer Fortbildungspunkte nachweisen. Wenn man nicht eingefahren arbeiten möchte, gilt es, ständig dazuzulernen.
Gern würde ich auch Hebräisch lernen, aber ich glaube, dafür geht man am besten nach Israel. Meine Schwester lebt in Tel Aviv, wir stehen uns sehr nah. Wenn ich in Rente gehe, dann möchte ich nach Israel übersiedeln. Vielleicht nicht ganz, aber ein halbes Jahr dort, ein halbes Jahr hier. Das ist mein Traum.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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