gilad schalit

1.165 Tage Geiselhaft

Das Martyrium des 23 Jahre alten israelischen Soldaten Gilad Schalit wird so schnell wohl kein Ende finden. Premierminister Benjamin Netanjahu erteilte am vergangenen Sonntag Hoffnungen auf eine baldige Freilassung des Unteroffiziers der Zahal einen mehr als nur deutlichen Dämpfer. Ein Durchbruch im Fall Schalit sei »weder heute noch morgen zu erwarten«, erklärte Israels Premier in Jerusalem und reagierte damit auf deutsche Presseberichte. Die Meldungen erweckten den Anschein, als stünde die Freilassung unmittelbar bevor.
An diesem Donnerstag befindet sich Gilad Schalit seit 1.165 Tagen in der Geiselhaft der Terrororganisation Hamas. Am 25. Juni 2006 drang ein achtköpfiges Kommando, bestehend aus Mitgliedern der Hamas, des Volkswiderstandskomitees und der dschihadistischen »Armee des Islams« aus dem Gasastreifen durch einen selbst gebauten Tunnel auf israelisches Staatsgebiet vor und verschleppte den damals 19‐Jährigen. Zwei israelische Soldaten wurden ermordet, Schalit schwer verletzt. Seither wird der junge Mann irgendwo im Süden des Gasastreifen festgehalten.
Die Hamas versucht seit dem Beginn der Geiselaffäre, das Schicksal ihres Opfers politisch zu instrumentalisieren. Mit Erfolg. Die Islamisten verlangen für eine Freilassung nicht nur die stufenweise Entlassung von mehr als 1.000 palästinensischen Terroristen aus israelischer Haft, sondern sie stellen auch knallharte politische Forderungen an die Regierung in Jerusalem: Öffnung der Grenzübergänge zum Gasastreifen und massive Hilfe beim Wiederaufbau ihres Herrschaftsgebiets. Israel lehnt dies kategorisch ab. Ein Nachgeben würde den ohnehin geschwächten palästinensischen Rumpfpräsidenten Mahmud Abbas zudem noch weiter demontieren.

faustpfand Für die Hamas ist Gilad Schalit eine Chance, »international auf der politischen Bühne als Verhandlungspartner auf Augenhöhe ernst genommen zu werden«, sagt ein Insider des Bundesnachrichtendienstes (BND). »Deshalb wird dieses Drama so schnell kein Ende finden. Sie pokert hoch und hat bisher immer jeden möglichen Deal kurz vor einem erfolgreichen Abschluss platzen lassen.« Die Bestätigung für diese Einschätzung kommt von ganz oben: »Schalit hat für uns sehr großen politischen Wert«, sagt Mussa Abu Murzak, die Nummer zwei in der Hamas‐Hierarchie.
Mittlerweile beschäftigt sich auch die Weltpolitik mit dem Entführten. Frankreich, Norwegen, Kanada, Großbritannien und Ägypten versuchen auf unterschiedliche Weise, die Folterhaft zu beenden – und scheitern regelmäßig. Paris und Rom machten Schalit zum Ehrenbürger. Doch immer wieder hat der eigentliche Hamas‐Chef Chalid Maschal von Damaskus aus Kompromissangebote zur Freilassung Schalits platzen lassen und damit vor allem den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak politisch bloßgestellt.

pendeldiplomatie Der BND, der seit Jahrzehnten beste Verbindungen in den Nahen und Mittleren Osten hat, verhandelt seit Monaten in geheimer Pendeldiplomatie über eine Freilassung Schalits. Dies geschieht im Einverständnis und auf Bitten der Regierung in Jerusalem. Die deutschen Unterhändler genießen im nahöstlichen Polit‐Dschungel einen ausgezeichne‐ ten Ruf. Immer wieder war der BND als erfolgreicher Makler tätig.
Der Geheimdienst organisierte zum Beispiel den Austausch der Leichen zweier israelischer Soldaten gegen fünf inhaftierte libanesische Terroristen. Vermittler des deutschen Dienstes reisen ständig zwischen Berlin, Kairo, Beirut, Damaskus und Jerusalem hin und her. Dass diese Bemühungen nicht zuletzt durch »eine gezielte Indiskretion«, so ein BND‐Mitarbeiter, ausgerechnet des ägyptischen Präsidenten Mubarak öffentlich wurden, »macht die Sache nicht leichter«.
Offiziell gibt es keine Stellungnahme des BND. »Prinzipiell nicht«, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Auch nicht dazu, dass der Fall Schalit zur Chefsache erklärt wurde. Der Präsident des BND, Ernst Uhrlau, begreift die Affäre als Chance zur Stärkung der Stellung Deutschlands in der Krisenregion.
Das findet im politischen Berlin nicht nur Zuspruch. »Uhrlau will um jeden Preis als ehrlicher Makler wahrgenommen werden«, kommentiert ein langjähriger Wegbegleiter des BND‐Präsidenten. »Er läuft bei dieser Angelegenheit allerdings Gefahr, die Hamas über Gebühr politisch aufzuwerten.« Das würde aus der Terrororganisation einen allseits akzeptierten politischen Partner machen.

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