Jerusalem

Tanz die Tatsachen

Besucherwarnungen, Sirenengeheul und Sicherheitskontrollen – dennoch wird nachts in der Stadt gefeiert. Nicht so wild wie im Partyzentrum Tel Aviv, aber dafür näher an der Realität

29.07.2010 – von Lea HampelLea Hampel


Maytal schüttelt den Kopf, sie will es einfach nicht glauben. »Diese Stadt macht mich verrückt«, sagt sie. Gerade hat die junge Frau festgestellt, dass hier, vor einer ihrer Lieblingsbars, dem »Sira« in Jerusalem, ein Sicherheitsmann sitzt. Mit geübtem Blick mustert er die Gäste kurz von oben bis unten, dann tastet er mit gelangweilter Handbewegung ihre Taschen ab. Bisher hat Maytal ihn übersehen. Vielleicht wollte sie ihn einfach nicht sehen. Normalerweise geht Maytal nicht in Läden, wo man glaubt, die Gäste beschützen zu müssen. In Restaurants weigert sich die 24-Jährige, die »Sicherheitsausgaben«, die oft auf der Rechnung stehen, zu zahlen. Nach fast vier Jahren in Tel Aviv ist sie vergangenes Jahr zum Studium in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. »Ich habe die Stadt vermisst, ihre Realität.«

Es ist eine eigene Realität, bei genauerer Betrachtung sind es sogar zwei: eine am Tag und eine in der Nacht. Tagsüber ist Jerusalem die Stadt der Pilger, die durch das magische Dreieck aus Klagemauer, Felsendom und Grabeskirche dominiert wird. Die andere Realität setzt ein mit der Dunkelheit. Der Sound der Stadt wird dann nicht mehr von Kirchenglocken und Gebetsrufen bestimmt, sondern ist eine Mischung aus Flower Power, irischer Folkmusik und elektronischen Beats. Jerusalems Zentrum verlagert sich von der Altstadt in die Neustadt. Das Wesentliche sind dann nicht mehr die Gotteshäuser, sondern die Fußgängerzone, Seitengassen voller Bars, die Terrassen der Restaurants und Clubs in den Außenbezirken.

Bass und Putin Es ist Freitagabend, Schabbat in Westjerusalem. Im orangen Laternenlicht ragen aus dem Sandstein der Hauswände Werbeschilder für Biersorten aus Irland und Deutschland, der halbe Liter für drei Euro. Ein Pub reiht sich an den nächsten. Es ist nachts so warm, dass nur noch ängstliche Touristen ihre Strickjacken eingepackt haben. Besucherinnen aus Stuttgart rauchen Wasserpfeife in einer Bar am Straßenrand. Ein paar Jugendliche aus Ostjerusalem stehen am Kiosk »Doggystyle« und essen Hotdogs. Es könnte ein spanischer Küstenort sein, wären da nicht die zwei Soldaten. Beide in grünen Uniformen, die eine Hand auf dem Gewehr, in der anderen einen Pappbecher mit Kaffee. Sie schlendern an den Lokalen vorbei, die für jeden etwas bieten: Im »Bass« gibt es Elektrobeats, die »Kaseta« liegt im Keller, das »Zazua« lockt kurz berockte Studentinnen an, und im »Putin« treffen sich russische Einwanderer.

Alles easy Etwas abseits liegt das »Sira«. Die Kneipe hat einen dunklen Innenhof. An den Tischen wird Deutsch, Englisch und Polnisch gesprochen, auf dem Tresen stehen Weizengläser, die Tanzfläche gehört den Flirtfreudigen. Maytal mag dieses Ambiente besonders. »Ich brauche keine Blase, in der alles easy ist, wie in Tel Aviv. Ich will nah am Puls der Zeit dran sein. Und das geht nur hier in Jerusalem.« Dabei denkt sie weniger an die geografische Nähe zu palästinensischen Städten wie Ramallah und Hebron, sondern daran, dass sie tagsüber Kaffee in der Ostjerusalemer Salaheddinstraße kauft und versucht, ihre Sprachkenntnisse aufzubessern. Freitags macht sie gelegentlich einen Abstecher in den arabischen Stadtteil Sheikh Jarrah. Dort finden wöchentlich Demonstrationen gegen die per Gerichtsbeschluss einquartierten Siedler statt. Und abends geht sie aus. Angst vor Anschlägen? Solche Gedanken lässt Maytal gar nicht erst an sich heran. »Ich denke nie: Heute passiert vielleicht was, da bleibe ich lieber zu Hause.«



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