Diplomatie

Echte Freunde?

Israel und die Türkei nähern sich wieder an – das gefällt nicht allen

25.02.2016 – von Sabine BrandesSabine Brandes

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Die Zeichen stehen auf Verständigung. Nach mehr als fünf Jahren Eiszeit nähern sich die einstigen Verbündeten Israel und Türkei offenbar wieder an. »Es gibt Fortschritte bei den Verhandlungen«, war das Resümee beider Seiten nach einem Treffen von Gesandten in Zürich. Man braucht einander offenbar in der brodelnden Stimmung in Nahost. Doch kann die Türkei für Israel wirklich verlässlicher Partner sein?

Vor fünf Jahren hatte der Zwischenfall auf dem Schiff Mavi Marmara, das die Blockade von Gaza durchbrechen wollte, die Verbindung jäh gekappt. Damals waren neun türkische Staatsbürger getötet worden, die israelische Soldaten beim Entern des Schiffes zuvor angegriffen hatten. Durch eine Initiative des amerikanischen Präsidenten Barack Obama entschuldigte sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu bei den Türken und sagte den Familien Entschädigung zu.

Doch die Aussöhnung ließ auf sich warten. Jetzt betonte Netanjahu, man sei aufeinander zugegangen, »jedoch müssen einige Angelegenheiten in der Zukunft geklärt werden«. Auch die Türken bestätigten, dass die Gespräche gut gelaufen seien und man bald einen Deal festzurren könne, so der Sprecher der Regierungspartei AKP, Omer Celik, im türkischen Fernsehen.

isoliert Bereits vor einigen Wochen hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan öffentlich überraschend erklärt: »Die Türkei braucht Israel, und Israel braucht die Türkei.« Dass der erste Teil des Satzes wahr ist, daran zweifeln israelische Politikexperten nicht. Denn zusehends sieht sich Ankara in der Region isoliert. Zum einen durch die andauernde Bekämpfung der Kurden, die vom Westen, allen voran den USA, im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) unterstützt werden. Zum anderen dadurch, dass der IS noch immer in der Türkei Mitglieder rekrutiert.

So gefällt nicht allen die Annäherung der einstigen Verbündeten. Verteidigungsminister Mosche Yaalon machte in Zürich klar, dass er »zutiefst skeptisch« ist, was ein Versöhnungsabkommen angeht. Als Voraussetzung, so Yaalon, müsse der Kommandoposten der Hamas in Istanbul geschlossen werden. Die Tätigkeit der Hamas in der Türkei ist Israel ein verständlicher Dorn im Auge.

Zudem lässt Erdogan keine Gelegenheit aus, den jüdischen Staat in internationalen Foren niederzumachen. »Erdogan ist unberechenbar«, meint der Ex-Diplomat und Türkei-Experte Alon Liel. »Vielleicht will er sich heute aussöhnen. Doch spätestens beim nächsten Krieg zwischen Gaza und Israel kann er wieder Probleme machen.«

Russland Doch es steckt mehr hinter Yaalons Reserviertheit. Er fürchtet, dass die Verständigung mit den Türken zu einer Verstimmung zwischen Israel und Russland sowie Israel und Ägypten führen kann. Und dies liegt in keiner Weise in Israels Interesse.

Kairo schaut mit Argusaugen auf die Entwicklung im Gazastreifen und will auf keinen Fall weitere Terroristen, die heute schon – aus Gaza angereist – den Sinai bevölkern. Zwar hat Erdogan von der Forderung Abstand genommen, Israel müsse die Blockade des von der Hamas regierten Streifens beenden, damit ein Deal zustande kommt. Allerdings verlangt er stattdessen freien Zugang und einen Sonderstatus – angeblich, um den Gazastreifen wieder aufzubauen und mit Energie zu beliefern.

Und das wollen auch die Russen nicht, die ebenfalls ihren Einfluss im Gazastreifen geltend machen. Russland ist generell wenig angetan von den versöhnlichen Tönen und soll durch Außenminister Sergej Lawrow persönlich interveniert haben. Denn die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara sind schwer belastet. Russland unterstützt mit seinem militärischen Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad. Ankara beschuldigt Putin zudem der Unterstützung kurdischer Rebellengruppen, die angeblich Anschläge auf türkischem Territorium verüben. Moskau andererseits wirft Erdogan vor, dem IS zu helfen, um Assad zu entmachten, statt die Terroristen zu bekämpfen. Seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei im November liegt die Beziehung gänzlich auf Eis.

Markt Ankara sucht händeringend nach Verbündeten. Israel ist da naheliegend. Doch auch Jerusalem hat Interessen. Und das sind vor allem wirtschaftliche, ist Liel sicher. Israel will seine massiven Erdgas-Vorkommen verkaufen. Und der türkische Markt ist nicht nur der geografisch nächstgelegene. Von dort aus könnten Griechenland und andere europäische Länder beliefert werden. Das würde der israelischen Regierung sehr gefallen, Moskau indes überhaupt nicht. Denn Russland ist derzeit Hauptlieferant von Erdgas in die Türkei.

All diese Faktoren dürften Netanjahus Entscheidung beeinflussen. Denn die Russen kämpfen bis an die Zähne bewaffnet vor Israels Haustür in Syrien. Und mit ihnen will es sich Netanjahu in diesen krisenhaften Zeiten auf keinen Fall verscherzen.

Andere sind von dem Diplomatengerangel wenig beeindruckt: die Tourismusbetriebe in der Türkei. Vor Beginn der Krise reisten die Israelis in Scharen in die Badehochburgen Antalya, Alanya und Co., jährlich buchten bis zu eine halbe Million Menschen oft Fünf-Sterne-Herbergen. Doch nach dem Debakel auf der Mavi Marmara war von einem Tag auf den anderen Schluss damit. Ein Desaster für die Branche am Bosporus.

Auf der Reisemesse IMTM vor zwei Wochen in Tel Aviv präsentierten türkische Veranstalter dennoch wieder ihre Angebote – zum ersten Mal seit drei Jahren. »Wir befinden uns nahe dem Kollaps, weil nach dem israelischen nun auch der russische Markt zusammengebrochen ist und auch andere wegen der letzten Terroranschläge wegbleiben«, gab eine der Vertreterinnen der Reiseveranstalter-Delegation im israelischen Fernsehen zu. »Aber Antalya ist ruhig und sicher, es gibt keinen Grund zur Sorge«, versicherte sie. »Außerdem mag ich die Israelis. Sie leben nur eine Stunde von uns entfernt. Und wir wollen sie hier!«

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