Meine Heimatstadt São Paulo ist ein bisschen wie Berlin, aber nicht so grün. Als ich vor neun Jahren nach Deutschland kam, gab es für mich einige Herausforderungen zu meistern, denn die Mentalität der Menschen hierzulande ist schon sehr anders, und ich musste mich an das Wetter anpassen. Trotz allem punktet der Aspekt der Sicherheit: In São Paulo ist man so vielen Gefahren ausgesetzt, in Berlin hingegen habe ich mich immer sicher gefühlt. Ich liebe Berlin, doch mein Herz bleibt in Brasilien.
Mein Sohn ist inzwischen fünf Jahre alt, zu Hause sprechen wir Portugiesisch, in der Kita und mit seinem Vater spricht er Deutsch. Meiner jüdischen Herkunft bin ich mir bewusst, dank meiner Großeltern, die mir die Kultur nahebrachten, dennoch hatte ich keine starke Verbindung zur jüdischen Gemeinde in São Paulo. Dort gibt es zwei jüdisch geprägte Nachbarschaften. Bom Retiro wurde in den 40er-Jahren gegründet, und in Higienópolis, in unserer Nachbarschaft, haben rund 30 Prozent der Bewohner einen jüdischen Hintergrund.
Erst mit Mitte 30 begann ich, mich mehr mit meinen jüdischen Wurzeln und mit der Geschichte meiner Großeltern auseinanderzusetzen. Meine Groß- und Urgroßeltern kamen ursprünglich aus Polen. Meine Großmutter trug den Mädchennamen Simces, sie wurde in Kolki in der heutigen Ukraine geboren. In ihrer Familie wurde Jiddisch gesprochen. Sie war in den 30er-Jahren nach Brasilien eingewandert und zog in eine ländliche Region nahe São Paulo, in die Stadt Garça. In Polen hatten sie erlebt, wie viele ihrer jüdischen Freunde und Verwandten nach Brasilien auswanderten. Meine Großeltern väterlicherseits, die Familie Schomer, kamen hingegen aus Russland.
Die Feiertage verbrachten wir mit unseren Verwandten im Haus meiner Großmutter
In São Paulo, wo meine Großeltern etliche Bekannte wiedersahen, gab es eine jüdisch geprägte Nachbarschaft, mit jüdischen Schulen, Einrichtungen und Läden. Viele der Menschen dort stammten aus Osteuropa. Meine Mutter wurde 1957 in Brasilien geboren und hat einen polnischen Pass. Ihre Eltern waren arm. Meine Mutter schloss sich später der jüdischen Studentenbewegung an. Damals war São Paulo noch eine sichere Stadt.
Meine Mutter wurde Psychologin, mein Vater war Manager, er hatte eine Verpackungsfirma. Beide haben einen jüdischen Hintergrund, ursprünglich wollte mein Vater nach Israel auswandern, doch dann traf er meine Mutter. In Higienópolis unterhielt sich meine Mutter mit etlichen Menschen sogar noch auf Jiddisch, daher kamen mir viele der deutschen Begriffe vertraut vor, als ich hierherkam.
Ich besuchte eine Privatschule, die jüdischen Feiertage verbrachten wir mit unseren Verwandten im Haus meiner Großmutter. Besonders mochte ich Hochzeiten. Meine Kindheit war schön, manchmal hatten meine Eltern finanzielle Engpässe, doch ich habe eine solide Bildung erhalten und später einen guten Job bekommen. Ich war ein glückliches Kind mit vielen Freunden, meine Großeltern kamen fast jeden Tag zu uns, sie lebten ja direkt in unserer Nachbarschaft, und sie waren sehr traditionell.
Manchmal brauche ich die Nähe von Menschen, die aus meiner Kultur kommen.
Es gab eine Verbindung, aber ich verspürte nicht diese starke Zugehörigkeit, mich interessiert mehr der kulturelle Aspekt des Judentums. Erst als ich 26 Jahre alt war, ging ich mit Taglit auf eine zehntägige Reise nach Israel, das war das erste Mal, dass ich etwas mehr Interesse entwickelte. Daraufhin begann ich, mich für meine polnische Staatsbürgerschaft zu engagieren, die Geschichte der Familie stand mir plötzlich vor Augen.
In Brasilien habe ich nie Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht. Es ist ein offenes und tolerantes Land, mit einer unglaublichen Vielfalt an Kulturen. Von meiner letzten Reise brachte ich eine Mesusa mit. Die habe ich inzwischen – aus Sicherheitsgründen – im Inneren der Wohnung angebracht. Dort koche ich noch viele Gerichte mit Reis und Bohnen, ich mag das brasilianische Essen sehr. Mein deutsches Lieblingsgericht ist Spargel, und ich mag Radler.
Einmal im Monat gehe ich zum Feijoada-Essen mit Sambamusik. Manchmal brauche ich die Nähe von Menschen, die aus meiner Kultur stammen. Denn Gastfreundschaft wird in Brasilien großgeschrieben, genau wie Hilfsbereitschaft. Mein Mann hat inzwischen Portugiesisch gelernt, er liebt die brasilianische Mentalität. Wenn ich Nachrichten sehe, wird mir manchmal übel. Aber ich sehe auch, wie viele Menschen sich für Toleranz und Demokratie in diesem Land engagieren. In Deutschland gibt es einen Widerstand gegen rassistisches Denken, und viele haben einen Sinn für soziale Gerechtigkeit.
Ich war 35 Jahre alt und steckte in einer Krise
2017 war ich 35 Jahre alt und steckte in einer Krise. Ich hatte Social Communication und Marketing studiert und arbeitete im Kosmetikmanagement. Ich beschäftigte mich mit Parfums und Make-up. Sehr cool. Doch irgendetwas fehlte. Ich wollte mich mit meiner Herkunft auseinandersetzen, also nahm ich mir ein Jahr frei. Dafür hatte ich etwas angespart.
Zunächst besuchte ich Krakau und Warschau, alles erschien mir so vertraut. Es schmeckte wie bei meiner Großmutter, und zu dieser Zeit kam mir Berlin erstmals in den Sinn, es lag so nah. Ich wollte unbedingt die Museen besuchen, die deutsche Kultur kennenlernen. Zunächst habe ich aber Auschwitz besucht, es war eine Reise in die Vergangenheit meiner Familie.
Dann verliebte ich mich in die Stadt Berlin. In die Offenheit der Menschen, die nackt ins Wasser sprangen. In die Art, wie sie feierten, wie selbstverständlich Begegnungen zwischen unterschiedlichsten Kulturen zustande kamen. Ich kündigte meinen Marketing-Job in Brasilien.
In Weimar, wo Kandinsky einst studiert hatte, beschäftigte ich mich mit dem Bauhaus, belegte Kurse, machte Yoga und begann, Deutsch zu lernen. Dann mietete ich ein Zimmer bei einer Familie in Kreuzberg, und wir aßen sogar zusammen.
Innerhalb dieses arbeitsfreien Jahres fand ich einen neuen Job und lernte meinen Mann kennen.
Innerhalb dieses arbeitsfreien Jahres fand ich einen neuen Job und lernte meinen Mann kennen. Wir trafen uns auf der Plattform Tinder. Meine Mutter hatte mich zwar immer ermutigt zu reisen und zu lernen, denn sie selbst hatte nie die Gelegenheit gehabt. Ein Teil meiner Familie ist allerdings recht religiös und konnte meine Entscheidung nicht verstehen, ins Land der Täter zu ziehen.
Dann kam der 7. Oktober 2023, und ich war tieftraurig. Nie zuvor hatte ich Angst gehabt, mich als Jüdin zu outen, doch mit einem Mal änderte sich das. Früher hatte ich eine Menora im Fenster stehen – nun stellte ich sie in den Schrank. Ich möchte mich aber nicht verstecken, und ich will keine Angst haben. Es muss doch möglich sein, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir Zusammenhalt und Toleranz erfahren.
Die kalte Jahreszeit ist immer noch eine Herausforderung. Jedes Jahr frage ich mich, wie ich das überstehe. Über den frühen Winter rette ich mich mit Samba-Partys, und wir feiern Weihnachten im Haus der Eltern meines Mannes, singen zusammen, ich erlebe ihre Traditionen, das macht mich glücklich. Im Januar treibe ich viel Sport und beschäftige mich mit Kunst. Februar ist dann der Monat, in dem wir meine Familie in Brasilien besuchen. Dort lebt auch mein jüngerer Bruder, er ist Koch und sehr mit der jüdischen Community verbunden. Dann kommt der Sommer, und ich weiß wieder, warum ich hier bin.
Mit meinem kleinen Sohn gehe ich oft in die Bücherei
Ich lebe im südöstlichen Teil von Berlin, ein schönes grünes Umfeld für eine Familie. Da ich nicht sehr »ausländisch« aussehe, bemerken viele meine brasilianische Herkunft erst, wenn sie mit mir sprechen. Mit meinem kleinen Sohn gehe ich oft in die Bücherei, und wir besuchen Museen. Sein Vater hingegen zeigt ihm die Natur, sie gehen zusammen schwimmen, in Brandenburg gibt es so herrliche Seen.
In São Paulo dagegen sind die Gegensätze zwischen arm und reich weiterhin extrem. Viele Menschen ziehen sich aus Angst in ihre Nachbarschaft zurück. Sie haben Angst, ausgeraubt oder überfallen zu werden. Das staatliche System ist nicht so effizient wie in Deutschland. Hier in Deutschland läuft der Laden, wie man so schön sagt: Die öffentlichen Verkehrsmittel, Schulen und Krankenhäuser funktionieren, und die Sicherheit ist hoch.
Wenn ich sehe, wie sich die Menschen hier über die Verspätungen der Deutschen Bahn aufregen, kann ich nur sagen: In Brasilien haben wir noch nicht einmal Personenzüge. Das Bahnnetz wird fast ausschließlich für den Güterverkehr genutzt.
Aufgezeichnet von Alicia Rust