Die Augen strahlen, und ihr Gesicht glänzt aufgeregt, als Shira sich an den Abend erinnert, der so frustrierend hätte sein können für die 16-Jährige und ihre Teamkolleginnen. Die Dunkelheit hatte sich bereits über den Sportcampus des TuS Makkabi Frankfurt gelegt, der Regen ließ weniger den Kunstrasen als den Ball glitschig werden, als die Israelinnen vergeblich versuchten, der U15 der Eintracht Paroli zu bieten. Nur noch der Schiedsrichter auf dem Feld und die Eltern der Adlerträgerinnen am Rande zählten die Tore mit, die die Gäste aus dem Ausland kassierten. Selbst einen Ehrentreffer konnten sie sich gegen die athletisch und fußballerisch dominierenden Hessinnen nicht verdienen.
»Du gibst alles, 100 Prozent«, erzählt Shira. Aber es überraschte weder sie noch ihre Mitspielerinnen, die vorher kaum zusammen trainiert hatten, dass sie keine Chance hatten gegen die eingespielte Formation aus dem Frankfurter Nachwuchsleistungszentrum. »Doch danach ist etwas passiert, was ich noch nie erlebt habe«, sagt Shira. »Du kämpfst, dann ziehst du dich um und hast gemeinsam Spaß mit den Gegnerinnen. Im Spiel waren wir Rivalinnen, dann beste Freundinnen.« Der Partie schloss sich ein Essen an, bei dem die Mädchen TikTok-Videos drehten und einander einzelne Sätze ihrer Sprachen lehrten. »Es war eine fantastische Erfahrung«, schwärmt Shira.
Eine Woche verbringen sie und 13 andere Fußballspielerinnen aus sieben Jugenddörfern in Israel samt drei Betreuern in Deutschland. Regelmäßig organisiert die Kinder- und Jugend-Aliyah derartige Begegnungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wie Pava Raibstein sagt. Sie führt in Deutschland die Geschäfte der Organisation, die 1933 in Berlin gegründet wurde, um jüdische Kinder vor der zunehmenden Bedrohung des NS-Regimes nach Israel in Sicherheit zu bringen.
Heute untersteht das Hilfswerk dem dortigen Erziehungsministerium. 30.000 Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren leben in den mehr als 200 Jugenddörfern, von denen die ersten entstanden, weil den Kindern, die nach Israel kamen, ein passenderes Umfeld geboten werden sollte als jenes in den Kibbuzim der Erwachsenen. Auch jetzt noch zögen jährlich mehr als 60 Kinder aus dem Ausland in die Einrichtungen.
In ihrer Heimat gibt es keine größere jüdische Gemeinschaft
Sara stammt aus Mexiko und hat sich vor zwei Jahren dazu entschlossen, diesen Weg zu gehen. In ihrer Heimat gebe es keine größere jüdische Gemeinschaft, aber sie sei von ihrer Mutter in dem Glauben erzogen worden. »Das Bild Israels ist das eines Landes mit Krieg und Problemen«, sagt die 17-Jährige. Aber sie selbst fühle sich dort sicherer als in Mexiko. »Dort kann man nach Sonnenuntergang nicht allein auf die Straße gehen«, und selbst in den Bus sei sie nie ohne Begleitung eines Erwachsenen gestiegen. »Ich weiß, dass es auch in Israel gefährlich werden kann.«
Sie sei »mitten im Krieg« ins Land gekommen, und es sei anfangs »schrecklich« gewesen. Aber die Adoptivfamilie, bei der sie ihre Wochenenden verbringt, habe dafür gesorgt, dass sie sich dennoch gut aufgehoben fühlte. »Ich verspüre eine Verbindung zu dem Land und den Menschen dort«, sagt Sara. Deshalb sehe sie auch ihre Zukunft in Israel und wolle eines Tages als Fitnesstrainerin Soldaten in Form bringen. Schon als Kind habe sie viel Sport getrieben. »Im Internat habe ich dann vor allem Fußball gespielt.«
Seit eineinhalb Jahren werde die weibliche Variante der populären Disziplin in einigen Jugenddörfern forciert, und es sei vonseiten der Politik der Wunsch gewesen, einen Austausch zu diesem Thema zu initiieren, erzählt Raibstein. Allein die Qualitäten auf dem Platz zählten nicht für die Auswahl der Kandidatinnen: Sie sollten auch sozial kompetent, verantwortungsvoll, kommunikativ sein und Israel würdig vertreten. Shiran vereinigt beide Komponenten. Drei Tage nach dem Eintracht-Spiel sitzt die 15-Jährige auf einer kleinen Tribüne und schaut ihren Gefährtinnen beim Kicken mit Feriencamp-Teilnehmern von Makkabi zu. Sie habe sich den Knöchel verdreht und nutze die Pause im offiziellen Tagesprogramm zur Erholung, erzählt Shiran.
»Das Umfeld gibt uns Wärme, es fühlt sich an wie zu Hause, und wir schöpfen Kraft voneinander«, sagt Shiran.
Der Aufenthalt ist vollgepackt mit Ausflügen und Begegnungen auf und neben dem Platz, einem Besuch des Bundesliga-Spitzenspiels zwischen der Eintracht und Bayern München, aber auch einer gemeinsamen Schabbat-Feier mit nicht-jüdischen Makkabi-Mitgliedern und einer Gedenkstunde für die Opfer des Anschlags der Hamas am 7. Oktober 2023. »Ich habe schon ganz viel über mich gelernt«, sagt Shiran. So habe sie den Mut gefasst, Englisch zu sprechen, auch wenn sie die Sprache nicht wirklich beherrsche. »Doch man kann manche Wörter auch erraten, und ich kann mehr, als ich geglaubt habe.«
Am Ball zählt die Mittelfeldspielerin zu den Besten. Liraz Tamari aus dem Sportreferat des Erziehungsministeriums, die die Delegation begleitet, traut ihr eine aussichtsreiche Karriere zu. Um diese besser verfolgen zu können, ist Shiran mit 14 Jahren in das Jugenddorf Ein Karmit bei Jerusalem gezogen. Von dort habe sie es näher zu Beitar, dem führenden israelischen Fußballklub, und könne zweimal am Tag trainieren. »Wir sind 120 Schüler, davon 30 mit Schwerpunkt Fußball«, erzählt Shiran. In ihrer Achter-Gruppe seien für sie alle wie Schwestern. »Das Umfeld gibt uns Wärme, es fühlt sich an wie zu Hause, und wir schöpfen Kraft voneinander.«
Das sportliche Niveau lasse sich nicht mit dem in Deutschland vergleichen, »die Mädchen spielen hier wie bei uns die Jungen«. Auch die Aussichten auf eine Profilaufbahn seien als Frau nicht vorhanden. »Aber wenn ich älter bin, kann ich ja bei der Eintracht anheuern«, sagt Shiran. Die Erlebnisse in den vergangenen Tagen hätten ihr gezeigt, »wie Sport Brücken bauen kann«. Trotz des Leistungsunterschieds »wurde uns viel Respekt entgegengebracht«.
Es wurde gemeinsam Karaoke gesungen
Beim ersten Match gegen eine Mannschaft aus dem südhessischen Nieder-Ramstadt hätten sie und ihre Kolleginnen sich wegen des Gaza-Krieges mit Vorurteilen konfrontiert gesehen. Aber im Laufe des Zusammenseins nach dem Abpfiff habe sich »freundschaftliche Sympathie« entwickelt, und es wurde gemeinsam Karaoke gesungen.
»Ich hatte Angst, dass sie uns vielleicht auslachen oder anschreien würden. Oder dass wir Pro-Palästina-Dinge sehen«, ergänzt kurz darauf Shira. All das sei nicht der Fall gewesen. Ihre Eltern hätten ebenfalls Befürchtungen gehegt, dass etwas passieren könnte angesichts der wieder verstärkten antisemitischen Tendenzen in Deutschland. »Aber als sie gesehen haben, dass ich unbedingt hierher wollte, haben sie mich unterstützt.« Ein Sicherheitsmann begleitet die Delegation, und die Mädchen sollen einige Regeln befolgen, um sich unterwegs nicht als Israelis zu erkennen zu geben.
Wie sie sich wehren könnten bei Übergriffen, das ist der Inhalt einer Lektion in Krav Maga. Kampfsport-Spezialistin Lisa Heinemann zeigt den Mädchen, wie sie Hände, Füße, den ganzen Körper einsetzen sollten, wenn sie jemand bedrängt. »Auch das gehört zu unserem Girls Empowerment«, sagt Raibstein. Die jungen Frauen sind mit großem Eifer dabei, schlagen gegen die Pratzen, winden sich aus Griffen heraus.
»Ich habe das schon einmal in der Schule gemacht«, sagt Shira, und sie halte es für wichtig, sich in Selbstverteidigung zu üben. Ohnehin will sie, wie auch Sara und Shiran, später zur Armee gehen, obwohl sie gerade alle in ihrem Umfeld miterleben, wie geliebte Menschen vom Militär in die Pflicht genommen werden. Shirans Vater leistet Reservistendienst. Die Tochter weiß oft nicht, wo er sich gerade befindet, denn bei den Bodentruppen im Gazastreifen seien Handys wegen einer möglichen Ortung verboten. »Die Sorgen um ihn blockieren seit drei Jahren mein Herz«, sagt sie.
Nun konnte sich die »Flugzeug-Närrin« noch einen weiteren großen Traum erfüllen und zum ersten Mal im Leben fliegen.
Drei Brüder von Shira wurden ebenfalls einberufen. Aber die Schwester sieht auch die Chancen, die ihr die Armee bietet. Mit insgesamt acht Kindern könnten die Eltern sich vieles nicht leisten, was sich der Nachwuchs erträumt. Das sei für die »Nummer sechs« auch der Grund gewesen, in ein Jugenddorf zu ziehen. »Unser kleiner Ort hat nicht viel zu bieten, und ich wollte mir Türen öffnen und meinen Zeitplan mit vielen Dingen füllen«, sagt Shira. In ihr Internat habe sie sich sofort verliebt.
»Jeder ist dort dein Freund«, und es eröffneten sich viele Möglichkeiten. Vor einiger Zeit habe sie dem Direktor erzählt, dass sie gern Klavier spielen würde; einen Monat später habe es Unterrichtsstunden am Piano gegeben. Nun konnte sich die »Flugzeug-Närrin« noch einen weiteren großen Traum erfüllen und zum ersten Mal im Leben fliegen. »Als wir abgehoben sind, habe ich geweint«, gesteht sie. »Ich bin so voller Freude, dass ich außerhalb meines Landes sicher sein und so viel Neues erleben kann.« Sie könne keine Worte finden dafür, »aber es gibt mir Hoffnung«.
