Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) kritisiert den Beschluss gegen weitere Stolpersteine im öffentlichen Raum der sächsischen Stadt Heidenau. Das Verbot sei »ein Skandal; Erinnerungskultur auf einen Friedhof abschieben wollen, erst recht«, sagte die Politikerin der »Bild«-Zeitung. »Stolpersteine im öffentlichen Raum machen ja gerade vernichtetes jüdisches Leben sichtbar und geben jedem einzelnen Verfolgten ein Stück Würde zurück.«
Die Gedenksteine machten deutlich, dass Jüdinnen und Juden selbstverständlich zum Leben in deutschen Städten und Dörfern gehört hätten, bevor sie von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Besonders kritisch äußerte sich die Ministerin zu dem Vorschlag, das Gedenken auf Friedhöfe zu verlagern: »Wer Stolpersteine und Gedenkorte jüdischen Lebens aus dem öffentlichen Raum auf den Friedhof verbannt, stellt das Sterben über das Leben und macht Jüdinnen und Juden noch einmal unsichtbar.«
Der Stadtrat hatte am Donnerstagabend mehrheitlich für einen Antrag gestimmt, dass künftig keine weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich verlegt werden. Prien richtete auch einen Appell an die eigene Partei: »In dieser Verantwortung sehe ich auch die CDU in Sachsen. Denn nur wer seine Geschichte kennt und versteht, kann daraus lernen und dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholt.«
Gregor Reichenbach, Pfarrer des evangelisch-lutherischen Kirchgemeindebundes Heidenau, warb für alltägliche Formen des Erinnerns, wie es mit den Stolpersteinen geschehe. Menschen blieben »sichtbar in Erinnerung«, sagte er dem kirchlichen Kölner Internetportal domradio.de. Wichtig sei auch, über Erinnerungskultur öffentlich zu debattieren: »Nicht nur, weil wir unsere Geschichte kennen sollten, sondern weil es darum geht, wie wir heute miteinander leben.«
Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig äußerte im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sein Unverständnis: Der Beschluss passe nicht zum »C« der CDU. Nach den Aussagen der AfD zum Thema deutsche Vergangenheit sei er indes nicht sehr erstaunt. Die Befürworter des Beschlusses hatten argumentiert, man gehe über die kleinen Gedenksteine »vielleicht gedankenlos« hinweg. Dazu erklärte Demnig: »Diese Damen und Herren, die den Beschluss gefasst haben, dürften den Petersdom nie wieder betreten. Man muss ja über die Gräber laufen.«
Der Künstler hatte die erste Gedenktafel aus Messing 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Inzwischen verlegte Demnig mehr als 100.000 Stolpersteine. Sie erinnern in über 1.200 deutschen Kommunen und weiteren 30 Ländern an NS-Opfer vor deren früherem Wohn- oder Wirkungsort: Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, an Menschen mit Behinderung und politisch oder religiös Verfolgte.