Der Oldenburger Philosoph Matthias Bormuth sieht im Werk der politischen Denkerin Hannah Arendt eine wirksame Ermutigung gegen gesellschaftliche Spaltung und Konformismus. »Arendts Kernanliegen ist die menschliche Freiheit und ihre Gefährdung in unserer Zeit«, sagte der Leiter des Hannah-Arendt-Zentrums an der Universität Oldenburg am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ihr Denken gebe Zuversicht und Orientierung für die Gegenwart.
Hannah Arendt wurde am 14. Oktober vor 120 Jahren in Hannover geboren. Sie starb am 4. Dezember 1975 in New York.
Freiheit bleibe Hannah Arendt zufolge ohne die Bereitschaft zur Selbstbesinnung und zum Alleinsein leer, betonte Bormuth. Wer sich lediglich einer Masse anschließe, trotte gedanklich nur mit, statt eine eigene Urteilskraft zu entwickeln. »Wir müssen eine Kultur des Zuhörens entwickeln, Kompromisse aushandeln, nicht auf der Grundlage einer fertigen Meinung, die alle teilen müssten«, forderte der Kulturwissenschaftler mit Blick auf demokratische Verständigungsprozesse.
Streitkultur statt Meinungsblasen
Gerade in digitalen Räumen sieht der Wissenschaftler Gefahren für den demokratischen Diskurs. Internetblasen, auch über Künstliche Intelligenz gesteuert, gaukelten den Menschen das Wohlige einer Gesinnungsgemeinschaft vor, mahnte Bormuth. Arendt habe dagegen stets für Freundschaften plädiert, in denen man offen miteinander streiten könne. »Die Verführung einer scheinbar eindeutigen Wahrheit im Politischen, von der her man genau weiß, wo man ankommen will, hat Arendt immer von sich gewiesen.«
Um solche Ambivalenzen ertragen zu können, bedarf es Bormuth zufolge einer inneren Stärke sowie gegenseitigen Vertrauens. Nur wer lerne, innere Widersprüche und eigene Fehlbarkeit auszuhalten, könne auch im öffentlichen Raum eigenständig Position beziehen. Schon Arendt habe in ihren Schriften dargelegt, dass jeder Mensch fehlbar sei und man im Zusammenleben unausweichlich auf Versöhnung angewiesen bleibe.
»Hannah Arendt macht Mut«
Zugleich ermutige die Denkerin dazu, Mehrheitsentscheidungen im politischen Prozess auch dann anzuerkennen, wenn man sie inhaltlich für falsch halte. Ihre bleibende Aktualität bestehe darin, dem Einzelnen Mut zum selbstständigen Denken zu machen und zugleich das streitbare Gespräch mit Andersdenkenden zu suchen. Bormuth unterstrich: »Diese Offenheit verbindet sich mit Hannah Arendt wie mit kaum einer anderen Philosophin unserer Zeit.« epd