Wissenschaft

Auf dem Trockenen?

Plantage des Kibbuz Ketura in der Wüste Negev: Die Dattelpalmen werden ausschließlich mit recyceltem Wasser bewässert. Foto: Marco Limberg

Die Europäer mussten sich selten um Wasser kümmern. Es regnete, die Flüsse waren voll, das Nass floss in Strömen. Doch so ist es nicht mehr. Der Klimawandel bedroht die Wasserversorgung. Wir beobachten, dass sich Europa schneller erwärmt als jeder andere Kontinent. Europas einst schnell fließendes und weitverzweigtes Flusssystem trocknet zunehmend aus.

Auch im Nahen Osten erleben wir seit Jahrzehnten das Versiegen der Flüsse und Wasserwege. In unserem Fall ist das Austrocknen und der Rückgang des Grundwassers jedoch größtenteils auf Bevölkerungswachstum und Überbauung zurückzuführen, wobei die Klimakrise diesen Prozess weiter beschleunigt hat. Europa aber verzeichnet kein anhaltend starkes Bevölkerungswachstum. Es ist die Klimakrise, die zum Austrocknen der Flüsse führt, wodurch auch mit einem Rückgang des Grundwasserspiegels zu rechnen ist.

Endliche Ressource Wasser

Israel ist den Europäern mit Blick auf die endliche Ressource Wasser weit voraus. Berlin, Rom und Paris können im Umgang mit der Krise einiges vom jüdischen Staat lernen. Wasser wurde in Israel mit Inkrafttreten des Wassergesetzes in den 50er-Jahren vollständig verstaatlicht. Privatwasser gibt es nicht. Auch gibt es das Nass nicht umsonst. Jeder einzelne Kubikmeter muss bezahlt werden – oft zu einem hohen Preis. Gerade der Preis ist ein großer Anreiz für technologische Entwicklungen, denn so soll Wasser gespart werden. Die Tröpfchenbewässerung »made in Israel« beispielsweise wurde aus diesem Grund entwickelt.

Süßwasser wird in Israel vorrangig als Trinkwasser verwendet. Doch auch Felder und Tiere brauchen Wasser. Also wurde unser Land weltweit führend im Umgang mit Abwasser. Fast 90 Prozent des Abwassers werden heute aufbereitet und in der Landwirtschaft wiederverwendet. Das ist ein wichtiger Fortschritt im Zuge der Anpassung an die Klimakrise. Doch der Gamechanger im Umgang mit der Wasserknappheit sind die Entsalzungsanlagen gewesen, die es in Israel seit 2005 gibt.

Sie wären auch die Lösung für Deutschland und Europa. Die Anlagen verwandeln Salzwasser in Trinkwasser. Als positiver Nebeneffekt entstehen mehr Abwässer als je zuvor, die wiederum in der Landwirtschaft und zur teilweisen Renaturierung von Flüssen verwendet werden. Mittlerweile werden über 80 Prozent des israelischen Trinkwassers durch Entsalzungsanlagen produziert.

Entsalzungsanlagen waren der Gamechanger für Israel – und wären es auch für Deutschland.

Was wir dadurch erreichen, ist eine absolut zuverlässige Wasserversorgung in Israel. Europa erlebt derzeit das genaue Gegenteil. Dort wird die Wasserversorgung immer mehr infrage gestellt, sogar mit Blick auf das Trinkwasser. Ich kann nur wiederholen: Da Israel weltweit führend im intelligenten Wassermanagement ist, kann Europa davon lernen.

Keine parteipolitische Angelegenheit

In innenpolitischen Fragen ist die Wasserpolitik in Israel keine parteipolitische Angelegenheit. Stattdessen wird sie von einer unabhängigen Wasserbehörde verwaltet, die ihre Entscheidungen und Empfehlungen größtenteils nach Kriterien des Wassermanagements trifft. Im Gegensatz zu einer professionellen Institution, die sich mit dem Wasserkreislauf und dem gesamten Wasserbedarf des Landes befasst, ermöglicht eine unabhängige Behörde die Bewältigung der Wasserproblematik unter Berücksichtigung aller unterschiedlichen Interessen.

Auch haben wir eine Pipeline, die das ganze Land durchquert und es möglich macht, dass die Versorgung aus verschiedenen Wasserquellen erfolgen kann. Es ist wie ein Stromnetz, das sich durch das ganze Land zieht.

Doch all diese Maßnahmen können nur ein Teil der Lösung sein. Um der Klimakrise Einhalt zu gebieten, müssen wir nicht nur lernen, mit ihren Folgen umzugehen, sondern auch ihre Ursachen bekämpfen. Im Klimakontext sprechen wir von Minderung und Anpassung. Minderung bedeutet, den Klimawandel zu bekämpfen, unsere CO₂-Emissionen zu reduzieren, um eine Krise von vornherein zu verhindern.

Europa hat mit dem »Green Deal« eine Vorreiterrolle eingenommen und sich sehr hohe Ziele gesetzt, aber in den vergangenen Jahren sein Engagement leider reduziert. Vielleicht ist die jetzige Krise ein Weckruf, die Verbrennung fossiler Brennstoffe zu beenden. Europa sollte wieder eine Vorreiterrolle bei der Minderung des Klimawandels einnehmen. Gleichzeitig muss es aber massiv in die Klimaanpassung investieren.

Wassermanagement, Entsalzung und Abwasserbehandlung

Allerdings ist zu bedenken, dass Wassermanagement, Entsalzung und Abwasserbehandlung viel Energie benötigen. Und die muss erneuerbar sein. Europa sollte deshalb deutlich mehr erneuerbare Energien aus dem Nahen Osten beziehen, aus den Wüsten Sinai, Saudi-Arabiens und Jordaniens, über Israel, Gaza und Ägypten. Stromkabel können die grüne Energie nach Europa bringen und bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen. Ganz konkret: ein Untersee-Stromkabel vom Mittelmeer nach Triest, weiter bis nach München und von dort in die übrigen Teile Deutschlands.

So würde auch Israel zum Energieexporteur für Europa. Das ist gut für den Kontinent und fördert gleichzeitig den Frieden in Nahost. Eine echte Synergie. Die Euro­päer mussten sich nie um Wasser kümmern. Aber sie müssen es jetzt tun.

Der Autor ist Experte für nachhaltiges Wassermanagement und Direktor der Organisation »EcoPeace Middle East«, die israelische, jordanische und palästinensische Umweltschützer zusammenbringt.

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