Meinung I
Philipp Peyman Engel:
»Deutsches Zentrum für Antisemitismus-Leugnung.
Wolfgang Benz und Stefanie Schüler-Springorum irritieren erneut mit
verharmlosenden Äußerungen zum
Judenhass. Vielleicht wäre es an der Zeit, das Berliner Forschungszentrum
umzubenennen?«
Jüdische Allgemeine vom 1. Oktober
Man hätte meinen können, dass mit dem Leitungswechsel an der Spitze des ZfA endlich eine Erweiterung des Forschungsradius zu linkem und islamischem Antisemitismus stattfindet. Wie inzwischen jeder weiß, war das nicht der Fall und wäre es auch nicht gewesen, wenn nicht die für diese Aufgabe überhaupt nicht qualifizierte Schüler-Springorum, sondern Peter Longerich, der sich ebenfalls darum beworben hatte, Leiter des ZfA geworden wäre. Den wissenschaftlichen Nachweis eines aus der Mitte der deutschen Gesellschaft kommenden, sich an den rechten, linken und muslimischen Rändern lediglich radikalisierenden Antisemitismus hat dann schließlich Monika Schwarz-Friesel mit ihren fundierten Forschungsarbeiten erbracht, die zwar an der TU Berlin, aber nicht am ZfA forscht und lehrt. Und Arbeiten zum Antisemitismus in den postkolonialen Studien verdankt man Ingo Elbe, der ebenfalls nicht am ZfA beschäftigt ist, sondern es im Gegenteil seit ein paar Jahren zu Recht harsch kritisiert. Fragt man nach den Gründen für solch institutionelles Versagen im ZfA, so beginnt es nicht mit der inzwischen glücklicherweise abgewählten Universitätspräsidentin Geraldine Rauch. Es war und ist eine Mischung verschiedener Faktoren: Angefangen bei der Besetzungs- und Personalpolitik, die hier keine Bestenauslese ist, sondern nach wissenschaftsfernen Kriterien und den Interessen der in der Auswahlkommission sitzenden Personen sowie dem »similar to me«-Prinzip verläuft. Es sind Agendawissenschaftler, die am ZfA das Sagen haben, das heißt Personen, die nicht nach wissenschaftlichen Kriterien arbeiten, sondern ihre eigenen politischen Ziele verfolgen und auch ihr Personal entsprechend auswählen. Das ZfA arbeitet aktivistisch wie eine NGO, nicht wie eine wissenschaftliche Einrichtung. Das konnte man bei Schüler-Springorum noch viel deutlicher erkennen als bei Benz, bei dem diese Tendenz ebenfalls schon bemerkbar war. Daraus folgt zweitens, dass die Mitarbeiter dort nicht wirklich wissen, was Judenfeindschaft ist, wie sie funktioniert und welche Folgen sie hat. Andernfalls könnten ihre beiden letzten Leiter nicht so verantwortungslos daherplappern. Drittens spielt es eine Rolle, dass Judenfeindschaft 1800 Jahre lang religiös und daran anschließend und sich das ganze ins Moderne anverwandelnd über 200 Jahre politisch-ideologisch prägend gewesen ist. Ich unterstelle den Mitarbeitern des ZfA nicht, selbst noch vom Gift der Judenfeindschaft infiziert zu sein, aber ich behaupte, dass nicht wenige von ihnen kein Gefühl und keinen ausreichenden Verstand für den Gegenstand besitzen, den zu erforschen ihre Aufgabe wäre.
Sylke Kirschnick (per E-Mail)
Ihr Artikel zum Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung war notwendig und könnte im Deutschland der überfälligen Reformen zur Reform dieses Zentrums beitragen. Vielleicht sollte es zum »Forschungszentrum für jüdische Kultur in Europa« mit jungen jüdischen Wissenschaftlern aus Frankreich, Deutschland und Polen sowie Israel werden. Das wäre eine wünschenswerte Stärkung des »Weimarer Dreiecks« aus jüdischer Sicht. Wir hatten einst Herrn Professor Benz nach Erfurt eingeladen. Unsere Mitglieder waren traurig bis empört, sodass es bei uns einen zweiten Auftritt nicht gab. Ich würde es so bewerten: Herr Benz ist überzeugt, dass die »verfolgten Araber die neuen Juden« sind. Das ist eine sehr schmerzliche Relativierung des Holocaust.
Reinhard Schramm, Erfurt
Es ist längst überfällig, die seit Jahren problematischen Positionierungen dieses TU-Zentrums öffentlich und unmissverständlich zu benennen. Gerade weil ich selbst an einer Berliner Hochschule arbeite, verfolge ich das öffentliche inhaltliche Wirken des TU-Zentrums seit Längerem mit erheblicher Sorge – ein Wirken, das offenbar ohne Konsequenzen bleibt. Danke für Ihre deutlichen Worte; es ist richtig und sehr wichtig, dass die damit verbundenen Fragen öffentlich zur Diskussion gestellt werden.
Robert Norden (per E-Mail)
Öffentliche Kritik ist ein unverzichtbarer Grundpfeiler der Demokratie; sie deckt Missstände auf und stößt den für Fortschritt notwendigen gesellschaftlichen Diskurs an. Ebenso wichtig ist jedoch die Gegenkritik: als legitime Erwiderung, um den Diskurs von emotionaler Schärfe zurück auf eine faktenbasierte und konstruktive Ebene zu führen. In diesem Sinne sollten auch jüdische Medien mit Kritik so umgehen, wie es für einen pluralistischen Diskurs fruchtbar ist: mit Dialogbereitschaft und dem Verzicht auf pauschalisierende Etikettierungen. Wenn Journalistinnen und Journalisten der Jüdischen Allgemeinen Historikerinnen und Sozialwissenschaftler pauschal mit Vorwürfen überziehen, nur weil diese andere Analysen vertreten, entsteht ein unangemessener moralischer Druck, ob beabsichtigt oder nicht. Dieser Druck verunsichert differenzierte wissenschaftliche Stimmen und behindert genau jenen Austausch, der für die Bekämpfung von Vorurteilen dringend benötigt wird. Politische Wachsamkeit sollte nicht dazu dienen, jede kritische Auseinandersetzung zu blockieren. Gerade weil das ZfA mit nachvollziehbaren Kriterien arbeitet und sich offen mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzt, sollte die Jüdische Allgemeine diese Offenheit als Einladung zur Diskussion unterschiedlicher Lesarten verstehen, statt das Institut als solches infrage zu stellen. Eine sachliche und differenzierte Vorgehensweise ist für die Aufklärung über Judenfeindschaft und für die Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen, die ressentimentgeleitetes Handeln begünstigen, unerlässlich. Wenn die Jüdische Allgemeine tatsächlich gegen Antisemitismus eintreten will, sollte sie den Antisemitismusvorwurf nicht als Argumentationsersatz verwenden, um die inhaltliche Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven zu meiden. Nur eine offene und faire Diskussion ermöglicht es, gemeinsam wirksam gegen Hass und Vorurteile vorzugehen und tragfähige gesellschaftliche Antworten zu finden.
Cilly Kugelmann, Berlin
Es tut mir als Deutschem außerordentlich leid, dass Sie zur Beschreibung des links ausgelebten Antisemitismus überhaupt gezwungen sind, ein Schlüsselwort wie »Antisemitismus-Leugnung« finden und anwenden zu müssen. Der linksseitig ausgelebte Antisemitismus hat sich überaus geschickt hinter dem rechtsseitigen verschanzt, um aus allen Rohren gegen Israel schießen zu können. Ich selbst habe diese ungehemmt sich entfaltende Perversion über Jahrzehnte im Bildungssystem (Schleswig-Holstein) miterleben müssen.
Gotthard Stolle (per E-Mail)
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Deutschland
Paula Konersmann:
»Stolperstein-Verbot in Heidenau löst bundesweite Debatte aus.
In der sächsischen Stadt sollen keine Stolpersteine mehr zum Gedenken an NS-Opfer verlegt werden. Die Bildungsministerin spricht von einem Skandal«
Jüdische Allgemeine vom 27. September (online)
Ich bin entsetzt und voller Scham über den Antrag an sich und den mehrheitlichen Beschluss. Immer öfter und intensiver frage ich mich, in welche Richtung unser Land (wieder) marschiert. Was beziehungsweise wie wenig haben wir aus unserer Geschichte gelernt, wie ehrlich sind wir denn wirklich mit unserer Vergangenheit umgegangen? Dürfen, können und wollen wir diesen Umgang mit unserer Geschichte einfach so hinnehmen, und wie werden die Konsequenzen aussehen? Es geht nicht nur um unsere jüdischen Mitbürger, es geht auch um die vielen Euthanasie-Opfer, die Zeugen Jehovas, homosexuelle Menschen, Sinti und Roma, Gewerkschafter, sogenannte Asoziale, Kriegsverweigerer, Widerstandskämpfer. Wir reden heute so viel über Völkerrecht, Genozide und so weiter. Aber all das ist für mich heuchlerisch und bedrohlich, da ich selbst auch in persönlichen Gesprächen im Kollegenkreis und nun ganz deutlich in der Politik des Bundeslandes, in dem ich lebe, also in Sachsen, einen immer deutlicheren, offeneren und immer salonfähigeren Antisemitismus erkenne und ebenso eine Arroganz und Herablassung gegenüber allen und allem, was irgendwie anders sein könnte. Es fällt mir zunehmend schwerer, meine Meinung und meine Ansichten äußern zu können und zu wollen, da es kaum möglich ist, einen normalen Gedankenaustausch zu führen. Der Ton wird zunehmend aggressiver, Meinungen und Standpunkte werfen einfach totgeschwiegen. Und genau dies macht mir Sorge und auch Angst: dass wir alle schweigen, dass wir es einfach laufen lassen, obwohl wir doch wissen, wohin dies alles führen kann.
Bianca Okike (per E-Mail)
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Meinung II
Philipp Peyman Engel:
»Berlin bekommt, was es verdient!
Ein Kommentar zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt«
Jüdische Allgemeine vom 20. September (online)
Ich kann nachempfinden, was es bedeutet, das Schreckensszenario einer antisemitischen beeinflussten Regierung vor sich zu sehen und davon erfasst zu werden. Es schreckt mich, zumal ich ahne, was danach kommen kann. Es schreckt mich als unverbesserlichen Demokraten. Mich quält aber der implizite Vergleich mit der AfD in Ihrem Kommentar. Auch wenn es allenthalben noch Konsens darüber gibt, mit denen nichts anzufangen – die aufgewachsene Macht dieser zu verbietenden Radikalen ist schlimmer, kann auch ohne Regierungsstuhl nationale Flurschäden anrichten. Außerdem hört man dort von mehr Rassismus. Sogar der Kanzler merkt’s. Ich erkläre mir die Popularität von links und rechts mit dem Versäumnis der demokratischen Mitte, ein Klima anzubieten, die Sorgen bezüglich der Unterschiede von Stadt und Land, bei Infrastruktur und Kultur, bei Einkommen und Vermögen, bei Steuergerechtigkeit, bei der Bildung ernst zu nehmen. Außerdem hat diese Mitte dabei versagt, Irrationalität und Emotionalität im politischen Geschäft zu sehen und zu nutzen.
Klaus Aßhoff (per E-Mail)
Vielen Dank für Ihren leider so zutreffenden Kommentar. Nicht einverstanden bin ich allerdings mit einem Satz. »Werden Sozialdemokraten und Grüne sich für Die Linke entscheiden, könnten sie nicht länger für sich beanspruchen, eine Partei mit demokratischem und moralischem Gewissen zu sein.« Es ist viel schlimmer. Wenn Sie sich die Stellungnahmen des außenpolitischen Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetović, und des Abgeordneten Macit Karaahmetoğlu ansehen, dann unterscheiden diese sich nicht von der Linkspartei. Manchmal sind die Stellungnahmen sogar noch schlimmer. Die SPD, der ich 44 Jahre lang angehört habe, hat längst aufgehört, in puncto Juden und Israel ein moralisches Gewissen zu haben.
Wolfgang Buschfort (per E-Mail)
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Bildung
»Israel stürzt im PISA-Ranking ab.
Die Ergebnisse der Studie 2025 zeichnen ein historisch schlechtes Bild des
Bildungsniveaus israelischer Schüler«
Jüdische Allgemeine vom 9. September (online)
Dass immer mehr Kinder und Jugendliche nicht ausreichend gut lesen und rechnen können, hat einen klaren Grund: Die an vielen Grundschulen eingesetzten Lernkonzepte sind schlicht nicht kind- und gehirngerecht. Sie ignorieren die Ergebnisse der psychologischen und biologischen Grundlagenforschung. Basiskompetenzen werden heute oft nicht mehr bis zur Automatisierung trainiert – weder beim Lesen noch beim Rechnen. Wie es besser geht, zeigt die moderne Wissenschaft: Das auf der Grundlagenforschung basierende »IntraActPlus-Konzept« (ein verhaltenstherapeutisch fundiertes Lernprogramm) beweist in der Praxis, wie effektives Lese- und Rechentraining durch psychologisch fundierte Wiederholungen funktioniert. Durch ein solches gehirngerechtes Training werden Kinder sicher zum Erfolg geführt. Unsere Schulen müssen in der Pädagogik endlich anfangen, etablierte neurobiologische Erkenntnisse standardmäßig anzuwenden, anstatt an ideologischen oder veralteten Methoden festzuhalten.
Michaela Kuhlmann, Gevelsberg
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Netflix
Sarah Cohen-Fantl:
»Wenn Fiktion auf Realität trifft.
Die fünfte Staffel von ›Fauda‹ wurde
ganz im Schatten der Ereignisse des
7. Oktober 2023 konzipiert. Für die Schauspieler war das eine besondere Herausforderung«
Jüdische Allgemeine vom 3. September
Ich habe die Serie von Anfang an mit großer Begeisterung gesehen. Einer von Millionen weltweit, die nicht dem jüdischen Glauben verpflichtet sind und dennoch große Anteilnahme am Leben und den Konflikten in Israel und der gesamten Region haben. Diese Serie hat zum besseren Verständnis der vielfältigen Ursachen des Konflikts und dem alltäglichen Umgang der Menschen mit schwierigen Situationen beigetragen. Besagte Folgen der aktuellen Staffel habe ich gestern gesehen, und es hat auch mich emotional stark berührt. Wie schwer muss es für das Produktionsteam und die Schauspieler gewesen sein, ein vergleichsweise frisches, traumatisches Ereignis derart realitätsnah umzusetzen. Ihr Artikel hat mir geholfen, die Umstände und Hintergründe der aktuellen Staffel zu verstehen. Danke dafür! Mit Spannung werde ich der Serie weiterhin folgen und hoffe, dass nicht nur in der Fiktion irgendwann ein friedliches Ende kommen wird.
Matthias Glenz, Berlin
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Debatte
»›Mutig war Frau von der Tann keineswegs‹.
Die langjährige ARD-Autorin Rita Knobel-Ulrich übt scharfe Kritik an Sophie von der Tann und den Initiatoren des Katharina-Zell-Preises. Ein offener Brief«
Jüdische Allgemeine vom 27. August
Seit dem 7. Oktober – und auch schon davor – sind unsere öffentlich-rechtlichen Sender in einen Verurteilungs-Wettbewerb gegenüber Israel eingetreten. Es wird verzerrt, relativiert, kontextualisiert und zwar ausschließlich zulasten Israels. Seriöser, ausgewogener Journalismus – Fehlanzeige! Und Sophie von der Tann ist in der Riege der Framing-Schmieder besonders herausragend. Schändlich, wie viele Menschen ihr in unserem Land auf den Leim gehen und sie hypen, selbst in vermeintlichen »Intellektuellen-Kreisen«!
Caja Geiß (per E-Mail)
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