Eigentlich ist doch schon alles gesagt. Mit Büchern über Jerusalem und seine wechselvolle Historie ließen sich ganze Bibliotheken füllen. Warum also noch ein weiteres?
Die Antwort lautet: In der Kürze liegt die Kunst, und die beherrscht Dietmar Pieper. Denn der Autor des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« hat sich zum Ziel gesetzt, die 3000-jährige Geschichte der Stadt in nur 100 Seiten zu skizzieren.
Oder muss man sagen »pressen«? Bei der Lektüre jedenfalls ist man erst einmal positiv überrascht, was alles zur Sprache kommt, wenn »Das alte Jerusalem« – so der Titel dieses Teils des Buches – thematisiert wird. Die Herrschaft Davids und Salomos, die Eroberungen des babylonischen Herrschers Nebukadnezar II., der Aufstand gegen die Römer und die Zerstörung des Tempels oder die Kreuzritter und die Osmanen, nichts fehlt.
Steht »Das moderne Jerusalem« im Mittelpunkt, bemerkt man sofort einige Defizite, die nicht der Kürze geschuldet sind.
Steht aber »Das moderne Jerusalem« im Mittelpunkt, bemerkt man sofort einige Defizite, die nicht der Kürze geschuldet sind. Denn wenn Pieper zu Anfang schreibt: »Die Gegenwart Jerusalems wird von der militärischen Stärke Israels und dem Willen der meisten Juden geprägt, die ganze Stadt zu beherrschen, ganz gleich, was die arabischen Bewohner davon halten«, später aber kein Wort darüber verliert, dass Israel in den Verhandlungen von Camp David im Jahr 2000 der palästinensischen Seite die Kontrolle des Ostteils der Stadt anbot, dann bekommt das Ganze eine Schlagseite.
Geht es um die Gegenwart, verliert sich der Autor auch viel zu sehr im Tagespolitischen. So werden der jetzige US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, oder US-Außenminister Marco Rubio zitiert, um »die religiöse Aufladung der Politik in Jerusalem« exemplarisch vorzuführen. Das kann man machen, es reduziert jedoch die Halbwertzeit des Buches gewaltig, rasch geht die Aktualität verloren.
Viel unangenehmer aber ist der Stil, der zugleich Habitus ist. Das gesamte Buch ist in der Diktion eines überlangen »Spiegel«-Artikels geschrieben.
Es ist diese unterschwellige und sehr deutsche Haltung, eigentlich besser zu wissen, warum im Nahen Osten so vieles falsch läuft – oder die Enttäuschung darüber, dass die Welt nicht so ist, wie man sie gerne hätte. Stets werden die gleichen Kronzeugen, Klischees und Stereotype bemüht, aber kein originärer Gedanke formuliert.