Helmut Newton

»Ich bin ein professioneller Voyeur«

Am 31. Oktober vor 100 Jahren wurde Helmut Newton (1920–2004) in Berlin geboren. Foto: imago stock&people

Das vernichtende Urteil des Vaters steht schon zu Berliner Vorkriegszeiten fest. »Mein Junge, du wirst in der Gosse enden«, muss sich der heranwachsende Helmut Neustädter im Elternhaus sagen lassen.

Auf die harte Prophezeiung, nach Beobachtung des Sohnes »nicht ohne sein Monokel fest ins Auge zu klemmen«, wird für den Gescholtenen internationaler Ruhm, umfassende Anerkennung, aber auch massive Ablehnung folgen. Unter seinem späteren Namen wird Helmut Newton zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Fotografen seines Jahrhunderts. Am 31. Oktober vor 100 Jahren wurde Newton (1920–2004) in Berlin geboren.

berufswunsch Entsetzen ist auch die Reaktion des jüdischen Knopffabrikanten über den Berufswunsch Helmuts, Fotograf zu werden. Newton verlebt jenseits elterlicher Reaktionen eine sorgenfreie Kindheit in großbürgerlichen Teilen Berlins, bekommt seine erste Kamera mit zwölf Jahren, fliegt von der Schule, geht als Jugendlicher in die Lehre bei der später von den Nazis ermordeten Fotografin Else Ernestine Neuländer-Simon, die unter dem Namen Yva eine gefragte Fotografin ist. 1938 muss das Atelier schließen, Newton verlässt Berlin am 5. Dezember desselben Jahres in Richtung Asien. Im Gepäck: zwei Kameras.

Entsetzen ist die Reaktion des jüdischen Knopffabrikanten über den Berufswunsch des Sohnes, Fotograf zu werden.

In Singapur findet der junge Fotograf einen Job als Bildreporter bei der »Singapore Straits Times«. Allerdings setzt ihn der Chefredakteur nach zwei Wochen wieder vor die Tür – wegen angeblicher Unfähigkeit. Newton zieht weiter nach Australien, dient dort fünf Jahre als einfacher Soldat und Lastwagenfahrer bei der Armee. Nach seiner Entlassung eröffnet er ein kleines Fotostudio in Melbourne und nimmt die australische Staatsbürgerschaft an.

In diesem Studio lernt Newton die als June Brunell agierende Schauspielerin June Browne kennen. Sie steht für ihn Modell, die beiden heiraten 1948. Unter dem Pseudonym Alice Springs wird sie später selbst als Fotografin arbeiten. Vor allem aber bleibt June Newton das gemeinsame Leben lang eine kritische und inspirierende Begleiterin der fotografischen Entwicklung Helmut Newtons, wird wichtige Arbeiten und Ausstellungen als Gestalterin und Kuratorin entscheidend beeinflussen.

»vogue« Newton beginnt 1956 seine Zusammenarbeit mit der »Vogue«. Zunächst nimmt ihn die britische Ausgabe der Modezeitschrift unter Vertrag, kurz darauf arbeitet Newton bereits in Paris, kehrt aber für die australische »Vogue« nochmals einige Zeit nach Melbourne zurück.

Der vielleicht entscheidende Schritt erfolgt 1961, die Newtons ziehen nach Paris in der Rue Aubriot im Marais. Die Wohnung wird künftig auf vielen Aufnahmen zu entdecken sein. Newton hat nun einen festen Vertrag mit der französischen »Vogue«, für die er 25 Jahre lang die wichtigsten Modeaufnahmen machen wird. Daneben arbeitet er auch zahlreiche andere Blätter.

Newton hat in Paris einen festen Vertrag mit der französischen »Vogue«, für die er 25 Jahre lang die wichtigsten Modeaufnahmen machen wird.

In diesen Jahrzehnten entwickelt der Fotograf seine spezielle Ästhetik zu unverkennbarer Originalität. Die Arbeiten bewegen sich in einer Welt von Geldadel und Jetset zwischen Glamour und Schmuck. »Ich bin ein professioneller Voyeur«, sagt der Fotograf in Gero von Boehms Film Helmut Newton – The Bad and the Beautiful. Dieser Zuschauer wird vor allem auch eines entdecken: ganz viel nackte Haut.

Die Mode- und Aktfotografien bringen Newton schnell die Gegnerschaft vieler feministischer Gruppierungen ein. US-Autorin Susan Sonntag (1933–2004) wirft Newton in einer Fernsehdiskussion »ungeheuerliche Fantasien« vor. Eine entsprechende Bemerkung Newtons kontert sie: »Viele frauenfeindliche Männer sagen, dass sie die Frauen lieben.«

widerstand Auch in Deutschland stoßen Newtons Arbeiten auf Widerstand. Die Publizistin Alice Schwarzer verurteilt die Fotos als nicht nur »sexistisch und rassistisch, sondern auch faschistisch«. Ihre Analyse: »Das Phänomen Newton wäre nicht denkbar ohne die Frauenbewegung. Er liefert einer verunsicherten, irritierten Männerwelt den neu geschärften Blick auf die erstarkenden Frauen«, schreibt die »Emma«-Chefin. »Eine schwache Frau unterwerfen – wie uninteressant. Eine starke Frau brechen – echt scharf.«

Was sagen die Abgebildeten? Etwa Schauspielerin Isabella Rossellini: »Helmut war nicht einfach ein Macho, aber er hat diese Kultur repräsentiert.« Model Nadja Auermann wertet Newtons Arbeit als »Spiegel für die Gesellschaft, weil die Gesellschaft sexistisch ist«.

Newton fotografierte gern Frauen, »denen man ansieht, dass sie etwas vom Leben wissen«.

Newton selbst sagt in seinem ersten Bildband White Women (1976): »Ich fotografiere gern Frauen, denen man ansieht, dass sie etwas vom Leben wissen.« In einem Brief an seinen Freund José Alvarez schreibt er kategorisch: »Intellektuelle Diskussionen über meine Arbeit werde ich nicht führen.«

provokation Für Françoise Marquet, Gründerin der Fotografischen Abteilung des Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, besteht Newtons Beitrag zur Geschichte der Fotografie »nicht nur in der Provokation«. Er lasse Frauen neu sichtbar werden als »eine eigenverantwortliche, zur Lust fähige Frau«. Marquet: »In Vorwegnahme der selbstbestimmten Sexualität sind die Frauen in Newtons Welt begehrende Subjekte, weit entfernt von der schwachen Frau als Objekt, das von starken, frauenverachtenden, machohaften Männern dominiert wird.«

Wie die »Big Nudes«. Die Aufnahmen überlebensgroßer Frauen in martialischer Nacktheit gelten als fotografische Ikonen. Sie sind wohl die bekanntesten Bilder Newtons, ebenso bewundert wie umstritten, oft zitiert, mitunter persifliert. Inspiriert sind die »Big Nudes« durch einen Artikel über eine Spezialeinheit im Kampf gegen die Bader-Meinhof-Gruppe, Vorläufer der terroristischen RAF.

»In den Diensträumen dieser Anti-Terror-Einheit hingen Fahndungsfotos, die die Verdächtigen vom Scheitel bis zur Sohle und in Lebensgröße zeigten«, erinnert sich Newton im Katalog Helmut Newton. Work zur Berliner Ausstellung im Jahr 2000. »Bevor sie zu den ›Big Nudes‹ wurde, trug die Akt-Serie lange Zeit den Arbeitstitel ›The Terrorists‹.«

porträts Neben seinen Modeaufnahmen und den Aktfotografien sind Newtons Porträts bekannt. Oft mit kleinen Ausschnitten, scheinbar ohne viel Aufwand geschossen. »Ich fotografiere die Menschen, die ich liebe und verehre – die Berühmten und besonders die Berüchtigten.«

Dazu zählen etwa Hedda Gabler, Gerhard Schröder, Phillipe Starck, Anita Eckberg, Leni Riefenstahl, Jean-Marie Le Pen, Faye Dunaway, Gianni Agnelli, Catherine Deneuve oder auch die inzwischen regierende Fürstengeneration in Monaco, neben dem Winterlager in Los Angeles die Wahlheimat der Newtons.

Der Fotograf kehrte immer wieder nach Berlin zurück, auch für Fotoserien.

Immer wieder porträtierten sich June und Helmut Newton selbst und gegenseitig. Auch dies häufig nackt oder in Situationen, wo andere sich nur sehr ungern ablichten lassen. Etwa im Krankenhaus, mit Schläuchen behangen oder frisch vernähten Operationswunden. Dort holte sich Newton die Inspiration für seine Röntgenbilder von schmuckbehangenen Models. »Ich wollte herausfinden, was sich unter all dem Fleisch verbirgt und wie wohl Diamanten im Wert von drei Millionen Dollar aussehen.«

heimweh Nach Berlin kehrt Newton immer wieder zurück, auch für Fotoserien. Deutschland habe er nie vermisst, sagt Newton dabei, aber Heimweh nach Berlin plagte ihn immer. 2003 vermacht er der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin sein Werk, seine Newton-Stiftung bespielt damit das Fotomuseum. »Ich bin stolz und glücklich, dass meine Fotos in meine Heimatstadt kommen, nicht nur die Nackten, auch alle anderen.«

Nur ein Jahr später stirbt der bekennende Liebhaber luxuriöser Autos am 23. Januar 2004 bei einem Unfall am Steuer seines silberfarbenen Cadillacs. Newton wird in einem Ehrengrab in seiner Geburtsstadt beigesetzt. Zum runden Geburtstag wird er mit der Ausstellung Helmut Newton One Hundred wieder sehr sichtbar in Berlin. Im ganzen Stadtgebiet sollen Motive hängen, zudem eine 85 Meter lange Wand an einem Kraftwerk großformatige Arbeiten zeigen. Nicht dabei: nackte Frauen. Die Organisatoren wollen keine Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum.

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