Seit dem barbarischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 stand nicht mehr infrage, dass es zur Eskalation zwischen Israel und Iran in einem offenen Krieg kommen würde. Dies zeigen die deutsch-iranische Journalistin Shahrzad Eden Osterer und der Journalist und Nahost-Experte Richard C. Schneider in ihrem Buch Eskalation. Der Kampf im Nahen Osten und der Umbruch der Weltordnung, in dem sie die historische Entwicklung der Region nachzeichnen.
Die Autoren blicken auf die ersten Jahre des Staates Israel zurück, als David Ben Gurion, seinem Konzept der Achse der Peripherie folgend, die Feindschaft der arabischen Nachbarstaaten mit der Freundschaft der diese wiederum umgebenden Staaten beantwortete und so ein starkes Band nach Teheran knüpfte. Sie schildern, wie Ruhollah Khomeini dieses 1979 mit der islamischen Revolution zerstörte und ein islamistisches System durch brutale Unterdrückungsmechanismen installierte.
Zentrales Ziel war vom ersten Tag an die Zerstörung Israels
Zentrales Ziel war vom ersten Tag an die Zerstörung Israels; außenpolitisch bildete das Atomprogramm einen wesentlichen Pfeiler der Macht. Mit der Feindschaft gegen Israel und der Instrumentalisierung des vermeintlichen Anliegens der Palästinenser lenkte Khomeini von der religiösen Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten ab. So weitete er die islamische Revolution international aus und etablierte ein Netz iranischer Stellvertreter-Armeen gegen Israel. Seit 2005, als Israel sich ohne Sicherheitsgarantie aus dem Gazastreifen zurückzog, wurden Raketenangriffe auf die umgebende Region – international kaum ernst genommen – zum Alltag.
2007 ergriff die aus der islamistischen Muslimbruderschaft Ägyptens hervorgegangene Hamas brutal die Macht über die Fatah. Mit Unterstützung Irans und Katars rüstete sie jahrelang auf, sodass sie am 7. Oktober 2023 Israel überfallen, mehr als 1200 Menschen abschlachten und über 250 Geiseln nehmen konnte.
Einen Tag später feuerte die Hisbollah als eine der Proxy-Armeen des Iran Raketen auf Israels Norden ab. Bereits im November 2023 war in Israel von einem Krieg an sieben Fronten die Rede. Der Iran wurde mitgezählt, ohne direkt beteiligt zu sein. Osterer und Schneider zeigen detailliert, wie Iran und Israel in der Folge schrittweise rote Linien überschritten, bis der Zwölftagekrieg im Juni 2025 als erste direkte militärische Auseinandersetzung eine neue Stufe der Eskalation bedeutete, aus der Israel als scheinbarer Sieger hervorging. Durch Angriffe auf strategisch und militärisch wichtige Ziele demonstrierte es seine geheimdienstliche und militärische Überlegenheit.
Eine wirkliche Haltung Deutschlands war und ist nicht erkennbar.
Schlaglichtartig fokussieren die Autoren die Regionen des Nahen Ostens, den Libanon, Syrien, Irak, den Jemen. Differenziert und faktenreich üben sie Kritik an sämtlichen Parteien, die an dem Konflikt beteiligt sind. Sie zeigen, welche Staaten, allen voran Russland, die USA und China, im Nahen Osten eigene Interessen verfolgen.
Gipfel der Eskalation im Februar 2026
Sie beschreiben, wie die Eskalation im Februar 2026 gipfelte, als US-Präsident Donald Trump die blutig niedergeschlagenen Proteste der iranischen Bevölkerung mit Zigtausenden Toten zum Anlass nahm, das islamistische Regime im Bündnis mit Israels Premier Benjamin Netanjahu anzugreifen; welche Folgen der Weltwirtschaft durch die Schließung der Straße von Hormus drohen; wie Trump sich aufgrund zunehmender innenpolitischer Widerstände in den USA abrupt von seinen vormals postulierten Kriegszielen der Zerschlagung des Atomprogramms und dem »regime change« im Iran abwandte.
Sie erläutern, wie sich neue internationale Kräfte so exponieren, dass sich das globale Machtgefüge zu Ungunsten Israels verschob. Der Krieg, der zunächst das Ende einer Eskalation zu sein schien, wird zum Ausgangspunkt einer Entwicklung mit global veränderter Konstellation. Die Position der USA an der Seite Israels wird unter einem unberechenbaren Präsidenten Trump immer unkalkulierbarer. Auch die Rolle Westeuropas und insbesondere Deutschlands changiert. Über viele Jahre gingen politische Solidaritätsbekundungen mit Israel und ökonomische Unterstützung in Form lukrativer Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran Hand in Hand. Eine wirkliche Haltung war und ist nicht erkennbar.
Faktenreich und differenziert fokussieren Osterer und Schneider die Schauplätze des Konflikts aus wechselnder Perspektive. Sie ziehen einen roten Faden durch eine kaum überschaubare Komplexität an Ereignissen und Interessen. Dass die Eskalation im Frühjahr dieses Jahres nur eine Zäsur darstellt, steht letztlich außer Frage. Politische Ereignisse, die diese Zäsur begünstigten, wie die Midterm-Wahlen in den USA und die Parlamentswahl in Israel, stehen unmittelbar bevor. Welchen Weg die Eskalation der inzwischen weltweit beteiligten Kräfte in der Folge nehmen wird, bleibt ein besorgniserregendes Fragezeichen.
Um sich dem medial vorherrschenden plakativ-substanzlosen Diskurs der zahlreichen selbst erklärten Nahost-Experten zu entziehen und eine begründete und differenzierte Einschätzung hierzu zu bilden, stellt dieses Buch eine fundierte Grundlage dar. Denn hier melden sich wirkliche Experten zu Wort.
Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider: »Eskalation. Der Kampf im Nahen Osten und der Umbruch der Weltordnung«. Rowohlt Berlin, Berlin 2026, 256 S., 24 €
