Literatur

Der Ruhestörer

Es ist kompliziert: Maxim Biller hält der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. Foto: dpa

Es ist schwer, ein Buch von Maxim Biller zu besprechen, ohne nur über ihn als Person zu reden. Das gilt auch für Hundert Zeilen Hass, eine Neuauflage alter Kolumnen, die nun erstmals in Buchform erschienen sind. Als Autor ist Biller, trotz langer und gründlicher Medienpräsenz, ausgesprochen schwer zu greifen. Man kann es sich einfach machen und ihn erst einmal mit einer Auswahl an bewährten Polemik-Worthülsen bewerfen.

Maxim Biller ist das »Enfant terrible des deutschen Literaturbetriebs«, dem er gerne »den Spiegel vorhält«. Er ist »herrlich böse« in seinen Analysen, von der großen Weltpolitik bis hinunter zum Schwabinger Tweedjackett. Er »teilt gern aus«, niemand ist gefeit gegen seine »bissigen« Polemiken, und so weiter und so fort. Das alles trifft zwar zu, aber wer Biller erlebt hat, der weiß, dass man ihm mit dieser Preisverleihungsrhetorik inhaltlich kein Stückchen näherkommt.

krise Billers große Rolle ist die des schwer vermittelbaren (und darum allerorts nachgefragten) »deutsch-jüdischen Schriftstellers« – schon das eine Bezeichnung, die aufgrund ihres historischen Assoziationsgepäcks heute wie ein Ehrentitel getragen werden darf. Stefan Zweig, Alfred Döblin oder der von ihm verehrte Franz Kafka lassen grüßen.

Zu den bestimmenden Charakteristika eines solchen zeitgenössischen Schriftstellers im Stile Billers gehört die zum Selbstzweck geadelte Identitätskrise. Sollten in Zukunft einmal ein Computerfehler oder ein Bibliotheksbrand die Titel aller Biller-Veröffentlichungen für die Nachwelt vernichten, kann sein literarisches Werk einfach unter dem Titel Es ist kompliziert neu herausgegeben werden.

Das Image als unerträglich eitler und zugleich zutiefst verunsicherter Intellektueller jedenfalls pflegt Biller nach Kräften, jüngst etwa durch seinen Ausstieg aus der erst Ende 2015 wiederaufgelegten ZDF-Sendung Das Literarische Quartett. Retourkutschen gegen schlechte Kritiken seines im vergangenen Jahr erschienenen 1000-Seiten-Romans Biographie oder auch nur seine Aussagen in der Reportage im Zeit-Magazin Anfang März (»Der Unzumutbare«) tun ihr Übriges.

Auch innerhalb der jüdischen Welt ist die Konfrontation Billers Methode der Wahl. Auf der großen jüdischen Kulturtagung Tarbut vor einigen Jahren bezog er Stellung, indem er vor Beginn einer Podiumsdiskussion einen Randplatz besetzte und dort seinen Tisch unter den Augen des bereits zahlreich vorhandenen Publikums demonstrativ im 45-Grad-Winkel zu den restlichen Diskutanten verschob. Die Botschaft war eindeutig: Ich gegen euch! So funktioniert das Erfolgsprinzip Biller: Provokation, nur scheinbar willkürlich boshaft, in Wahrheit mit chirurgischer Präzision dosiert, eingesetzt zum richtigen Zeitpunkt und vor allem mit dem nötigen Überraschungseffekt.

Schlachtfeld Es ist daher ein Dienst am Verständnis des Literaten Biller, dass Hoffmann und Campe seiner alten Kolumne »100 Zeilen Hass« eine Neuausgabe widmet. Die Texte, die Biller zwischen 1987 und 1996 für das Lifestyle-Magazin TEMPO schrieb, hielten, was der ursprüngliche Name versprach: Wortgewaltig warf er hier mit Kritik an allem und jedem um sich. Monat um Monat waren seine Kolumnen ein genüssliches Schlachtfeld, das sich vor dem Leser ausbreitete.

In strikter Gegnerschaft zum »spätkapitalistischem Paradies« ebenso wie zum marxistischen Selbstbetrug und trotzdem immer bereit zur wüsten Kritik an der (west-)deutschen Gesellschaft und ihren Protagonisten schwankte Biller stets mit einem Mindestmaß an Kontrolle zwischen galgenhumoriger Selbstironie und einem in epischer Breite inszenierten Kulturpessimismus.

Der Leser seiner Kolumnen, so viel Warnung sei vorausgeschickt, weiß oft gar nicht, wie ihm geschieht. Kritik selbst an gesellschaftlich weit entfernten Akteuren wie Gewerkschaftern, der Stiftung Warentest oder Volker Rühe kippt unversehens ins Grundsätzliche, und wie bei jedem guten Biller-Text weiß man am Ende nicht mehr, ob man lachen darf, sich angegriffen fühlen soll oder beides. »100 Zeilen Hass« ist die intellektuelle Version von Waldorf und Statler im Spiegelkabinett: Biller kommt von überall gleichzeitig, er gießt seinen Hass so souverän in alle Richtungen zugleich aus, dass der Leser gar nicht mehr weiß, ob und wohin er noch weglaufen soll. Also aalt er sich einfach im wohligen Grusel von Texten, bei denen er nie sicher sein kann, ob er sich nicht doch angesprochen fühlen soll (im Zweifel: ja).

In Hundert Zeilen Hass beweist Biller eine bemerkenswerte Vielseitigkeit des Abscheus. Die Auflistung der Gegner, die er sich herauspickt, könnte erratischer kaum sein: Von Ulrich Tukur (»Ein Ewiggestriger? Ein grüner Biedermeier? Ein publicitygeiler Provinzgigolo?«) über München (»wie im alten Rom, kurz vor dem Einfall der Westgoten«) bis zu Lea Rosh (»pseudolinke Bildungsbürger-Ikone und Betroffenheitspredigerin«) und den 80er-Jahren an sich (»dieses grausliche, neostrukturalistisch verseuchte Als-ob-Jahrzehnt«) reicht sein Repertoire der Abneigung.

Nationalismus Biller traut den Deutschen »mit ihrem schnell entflammbaren Nationalismus« die Wiedervereinigung nicht zu, er keilt gegen die Sozialdemokratie wegen ihrer »neurotischen Angst vor neuen Technologien«, gegen die »Anachronistenschar« der Grünen, er hasst Gregor Gysi (»ein mieser, unehrlicher, kommunistischer Reaktionär und High-Tech-Stalinist«) und die »wendig-windigen CDU-Berufsjugendlichen«.

Biller walzt alles nieder, was dem Deutschen lieb und teuer ist, zum Beispiel Urlaub (»Ich persönlich will immer nur zu Hause sein«) oder Freizeit. Sommer ist für ihn »so ziemlich das Widerlichste, was man sich denken kann«, und der Deutsche dafür evident ungeeignet; der solle lieber »über den Ernst des Lebens nachdenken, putzen, malochen, Völkerball spielen oder sich vor Stalingrad die Füße abfrieren lassen«.

Neben all diesem Geholze haben Billers Einlassungen zur Politik, obwohl uralt, mitunter erstaunlich wenig von ihrer Aktualität verloren. Wenn er im April 1989 (!) über den Bevölkerungsanteil, den wir heute »Abgehängte« nennen, schreibt, seine Mitglieder »gehören zu jener Gruppe der Bevölkerung, die sich von dem klugen, demokratischen Geißler-Schily-Glotz-Konsens ins politische Abseits gedrängt fühlt, die von der Kommerz- und Ästhetikgesellschaft ausgeschlossen ist, die sich in unserer Welt der Glaspassagen, Stehitaliener, Tennisturniere, New-York-Trips und Spiegel-Bestsellerlisten nicht zurechtfindet«, dann fühlt man sich in mehr als einer Hinsicht an die AfD erinnert, auch wenn Biller noch über NPD und – Tempi passati – die Republikaner sprach. Solche politischen Déjà-vus finden sich immer wieder, und wo die Kolumnen sich im Tagesaktuellen erschöpfen, sorgt immer noch die schiere sprachliche Wucht dafür, dass die Lektüre sich lohnt.

Maxim Biller: »Hundert Zeilen Hass«. Hoffmann und Campe, Hamburg 2017, 400 S., 25 €

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