Immanuel Kant

Aufklärer mit Ressentiments

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Immanuel Kant

Aufklärer mit Ressentiments

Obwohl sein Antisemitismus bekannt war, hat in der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne kein Autor mehr Wirkung entfaltet

von Christoph Schulte  26.04.2024 12:08 Uhr

In mehreren handschriftlichen studentischen Mitschriften von Immanuel Kants Anthropologie-Vorlesungen, die dieser in jeweils mehrjährigem Abstand an der Universität Königsberg zu halten pflegte, findet sich übereinstimmend eine Passage, in der der Philosoph erklärt, dass Frauen, Kinder und Juden nur eingeschränkt vernünftig sind.

In der Vorlesungsmitschrift jener Vorlesung, die Kants jüdischer Student Isaac Euchel anfertigte, von 1782 bis 1786 Student in Königsberg, später der wichtigste hebräische Schriftsteller und Zeitschriftenherausgeber der Berliner Haskala, wird derselbe Passus anders notiert: Nur Frauen und Kinder seien nicht im Vollbesitz ihres Vernunftvermögens.

Kants antisemitische Äußerung über die mangelnde Vernunft jüdischer Männer »überhört« der aufgeklärte Kant-Bewunderer Euchel. Er wird seinerseits von Kant 1786 als Hebräischlehrer der Königsberger Universität vorgeschlagen. Ihm als Juden wird jedoch die Anstellung mit der Begründung versagt, die Albertina sei laut ihren Statuten eine protestantische Landesuniversität. Euchels akademische Qualifikationsschrift war übrigens die erste historisch-kritische, kommentierte Übersetzung des Siddurs ins Deutsche mit Quellennachweisen und Fußnoten.

Er respektierte einzelne jüdische Männer, nicht aber das Judentum.

Der Respekt zwischen Kant und einzelnen jüdischen Studenten war offensichtlich wechselseitig. Das bezeugt auch Kants jahrelanger Briefwechsel mit dem Arzt und Philosophen Markus Herz aus den Jahren vor Erscheinen von Kants Kritik der reinen Vernunft 1781, wo sich Kant in großer Offenheit über seine Motive, Absichten und Einsichten beim Schreiben seines Hauptwerks äußert.

Herz war, obwohl jüdischer Student, 1770 in Königsberg von Kant zum Respondenten bei der Disputation seiner Inauguraldissertation bestimmt worden – ein bis dahin unerhörter Vorgang. Derselbe Markus Herz wurde dann Arzt in Berlin, veranstaltete in seinem Privathaus mit seiner Ehefrau Henriette Herz den berühmtesten Salon von Berlin, hielt dort die ersten Berliner Vorlesungen zur Experimentalphysik und leitete das Jüdische Krankenhaus.

Und auch Moses Mendelssohn wurde von Kant bei der Durchreise durch Königsberg 1777 in seiner Vorlesung aufs Herzlichste begrüßt. Das Muster von Kants Haltung ist ziemlich eindeutig: Die Wertschätzung einzelner jüdischer Männer ist die Ausnahme, die intellektuelle Ungleichwertigkeit jüdischer Männer im Allgemeinen die Regel.

Debatte in der europäischen Aufklärung um die Gleichstellung der Juden

Zur wichtigsten Debatte in der europäischen Aufklärung um die Gleichstellung der Juden, die durch Christian Wilhelm Dohms viel gelesene Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden von 1781 eröffnet wurde, kam aus dem aufgeklärten Königsberg nur Schweigen. Das könnten wir als Argumentum e Silentio abtun, wenn nicht zahllose negative Äußerungen Kants über Juden und Judentum dokumentiert wären: So wird der »Wuchergeist« der Juden beklagt, Juden als Betrüger bezeichnet, es wird unterstellt, Juden könnten niemals »bürgerliche Ehre« erwerben, sie hätten große Nasen, und ihre Religion sei ein »Aberglaube«.

Wie zahlreiche gedruckte und noch mehr private Äußerungen Kants verraten, erstreckt sich sein erkenntnistheoretischer und ethischer Universalismus offensichtlich nicht auf Frauen, Juden, »Mauren« und andere »orientalische Völker« – und auch nicht auf andere »Menschen-Racen« wie »Neger«. Kant und einige seiner Schriften hatten sogar maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung des Rasse-Begriffs und der rassistischen Vorstellung von vier unterschiedlichen Menschenrassen mit unterschiedlichen Hautfarben in der deutschen Philosophie und Kulturgeschichte.

Immanuel Kant wurde am 22. April 1724 geboren. Sein Rassismus und Antisemitismus werden heute in der Forschung kaum bestritten, aber immer noch weitgehend bagatellisiert. In der Tat könnte es eine sinnvolle Strategie sein, den aufgeklärten Universalismus von Kants Hauptschriften gegen seinen persönlichen Antisemitismus kritisch zu retten – und sozusagen den Universalisten Kant und dessen wichtige Einsichten gegen den partikularen Antisemiten Kant zu verteidigen.

Das haben auch jüdische Kantianer von Markus Herz, Isaac Euchel, Salomon Maimon und Lazarus Bendavid bis zu Hermann Cohen und Ernst Cassirer immer wieder getan. In diesem Spiel gewinnt der Universalist Kant immer gegen den Antisemiten, der vermeintlich nur negativen zeitgenössischen Klischees über Juden aufsitzt, diese wiederholt oder nachplappert, ohne dass dies seine grundlegenden philosophischen Erkenntnisse trübt.

Kant hatte maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung des Rasse-Begriffs.

Mag sein. Das mag für Kants abfällige Äußerungen über jüdische Menschen gelten. Aber Kant hatte auch systematische philosophische Einwände gegen das Judentum als Offenbarungsreligion, in der Gott dem Menschen religiöse, moralische, juristische Gebote und Verbote gibt und vorschreibt.

Kants revolutionäre praktische Philosophie und der Grundsatz der Autonomie

Denn Kants seinerzeit revolutionäre praktische Philosophie beruht auf dem Grundsatz der Autonomie: Der Mensch gibt – aufgeklärt und selbstbestimmt – sich selbst vernünftige und allgemeine moralische Regeln und Handlungsmaximen. Er bestimmt sich moralisch gemäß dem kategorischen Imperativ selbst und befreit sich so von der Fremdherrschaft – Heteronomie – staatlicher Gesetze und religiöser Gebote.

Ein Judentum, in dem Gott die 613 Gebote und Verbote der Tora offenbart, denen die Menschen einfach zu gehorchen haben, ist mit dem Kantischen Prinzip der moralischen Autonomie und Selbstbestimmung unvereinbar. Für Kant ist solches Judentum sogar der Inbegriff von Heteronomie und unaufgeklärter Fremdbestimmung des Menschen durch die Religion. Die menschliche Moral wird zur Dienerin der heteronomen, gottgegebenen religiösen Gebote, statt autonom dieser die Leuchte voranzutragen und die Religion in eine allgemeine Moralität des Gemeinwesens zu überführen.

Das erklärt die bekannten negativen Äußerungen Kants in seiner Religionsschrift Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793, in der Kant dem Judentum sogar abspricht, eine Religion zu sein. Für ihn ist Judentum keine Religion, sondern der »Inbegriff bloß statutarischer Gesetze«, die einst in der Antike das Leben im jüdischen Staat geregelt, aber im Exil und in der Gegenwart jede Bedeutung verloren haben.

Diesem Judentum wünscht Kant eine »Euthanasie«, einen schönen Tod, denn solche Heteronomie göttlich gegebener Gebote verhindert die moralische Entwicklung der Juden (und aller anderen Menschen), die sich an vermeintlich geoffenbarten Geboten Gottes orientieren, in Richtung auf das moderne Prinzip der moralischen Selbstgesetzgebung oder Autonomie.

Hier geht’s ums Prinzipielle, das haben schon die zeitgenössischen jüdischen Kantianer begriffen: Sollen sich Menschen moralisch an Gottes Geboten orientieren oder sich selbst aus freien Stücken zum autonomen moralischen Handeln und seinen Regeln bestimmen?

Kants Verachtung für das rabbinische Judentum

Kants Verachtung für das rabbinische Judentum, dessen Gehorsam gegenüber göttlichen Geboten und sein nur auf die jüdische Religion bezogener Wunsch nach »Euthanasie des Judentums« gründen in seiner Überzeugung, das Judentum sei ein Bollwerk der vormodernen Heteronomie und hindere Menschen an ihrer authentischen moralischen Selbstbestimmung. Das ist, ganz unumwunden, ein philosophischer Antijudaismus.

Auch jüdische Kantianer haben diesen Widerspruch zwischen Kants Autonomie-Ethik und religiöser Tora-Treue gesehen und zu überbrücken versucht.

So erklärt der Publizist Saul Ascher in seinem religionsphilosophischen Hauptwerk Leviathan (1792) die Tora zu einem Erziehungsinstrument der göttlichen Vorsehung, deren viele Gebote allerdings in der Moderne durch die fortschreitende Aufklärung und bürgerliche Verbesserung der Juden weitgehend überflüssig geworden seien: Gott habe uns die Tora nicht gegeben, »um unsere Autonomie auf ewig zu stören«, befindet Ascher.

Der moderne Jude bestimmt autonom selbst, welche Gebote der Tora noch zeitgemäß sind, und welche nicht. Er wählt sich in seiner Autonomie selbst als Jude und nutzt dabei die Tora und ihre essenziellen moralischen Gebote als Orientierung.

Noch der Neukantianer Hermann Cohen besteht 100 Jahre nach Kant gegenüber Moritz Lazarus darauf, dass es keine jüdische Ethik gebe. Ethik sei, wie bei Kant, immer universell. Und Juden müssen selbst erkennen, wo die partikularen jüdischen Gebote mit der universellen Ethik übereinstimmen oder differieren, und dementsprechend handeln.

Jüdische Kantianer und Neukantianer versuchten, die Widersprüche zu überbrücken.

In der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne hat kein Autor mehr Wirkung entfaltet als Immanuel Kant, obwohl dessen Antisemitismus bekannt war. Kants Autonomieprinzip ist ein Angelpunkt moderner jüdischer Selbstbestimmung: Halacha und rabbinische Tradition werden nicht einfach unkritisch übernommen und beerbt.

Vielmehr bestimmen moderne Jüdinnen und Juden sich selbst autonom dazu, die Gebote der Tora zu praktizieren. Alle oder zumindest einige Gebote. Auch orthodoxe Philosophen wie Isaac Breuer, Joseph B. Soloveitchik und Jeschajahu Leibowitz waren jüdische Neukantianer. »Halakhic Man« zu sein, Tora-treu leben zu wollen, ist für sie eine existenzielle, selbstbestimmte und autonome Entscheidung.

Der Autor ist Professor für Philosophie und Jüdische Studien an der Universität Potsdam.

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