documenta

Alle paar Tage wieder

Besucher der documenta fifteen sitzen auf den Stufen des Fridericianums in Kassel. Foto: picture alliance/dpa

»Oops! … I did it again« – der alte Britney Spears-Hit hat definitiv das Potenzial, zur inoffiziellen documenta-Hymne zu werden. Alle paar Tage tauchen Artefakte auf, die antisemitische Inhalte transportieren oder Filme, die Ausdruck eines obsessiv zu nennenden Israelhasses sind.

Diesmal ist es eine mehrstündige Videoinstallation unter dem Titel »Tokyo Reels«, die am 17. und 20. August in Kassel gezeigt wurde. Diese besteht aus mehreren propalästinensischen Propagandastreifen aus den 70er- und 80er Jahren, zusammengestellt vom Kollektiv »Subversive Film«, das schon einmal vor wenigen Wochen die »antiimperialistischen Solidaritätsbeziehungen« zwischen Japan und Palästina thematisiert hatte, was auf eine Verherrlichung der Mördertruppe Japanische Rote Armee hinauslief.

FRIEDHOF Die Gründung Israels wird darin laut einem Bericht der Berliner Tageszeitung »taz« als Resultat einer »zionistischen Verschwörung« bezeichnet. Dabei werden Behauptungen formuliert, israelische Soldaten hätten Leichen auf einem christlichen Friedhof geschändet sowie in einer Kirche Heiligtümer zerstört. »Kommentar aus dem Off: ›Respekt und Ehrfurcht vor den Toten wird von allen Religionen gelehrt, aber selbst das bedeutete den Zionisten nichts‹«, so Jakob Baier, Antisemitismusexperte an der Universität Bielefeld, in der taz über die Installation.

Laut taz wird in den Filmen verbreitet, Israel würde Bomben an Spielzeug drapieren, um gezielt »unschuldige Kinder« anzulocken und zu ermorden.

Unter anderem wird laut dem Zeitungsbericht in den Filmen verbreitet, Israel würde Bomben an Spielzeug drapieren, um gezielt »unschuldige Kinder« anzulocken und zu ermorden. Es seien nicht die einzigen Schauermärchen, die in den Streifen auftauchen und quasi das kleine Einmaleins der antisemitischen Stereotype wiederkäuen.

GELDSÄCKE Die Woche zuvor war es ein großformatiges Wimmelbild der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi mit dem Titel »All Mining is Dangerous«, das für Schlagzeilen sorgte. Zu sehen sind darauf vier Personen, die Geldsäcke sich sprichwörtlich unter den Nagel reißen. Doch eine unterscheidet sich gravierend von den anderen, und zwar durch ihre Physiognomie. Aber eine lange Nase, wulstige Lippen sowie ein hämisches Grinsen sind nicht die einzigen Distinktionsmerkmale.

Denn die Person trägt womöglich eine Kippa als Kopfbedeckung, was sie dann als Juden markieren würde – zumindest tat sie das bis vor einigen Tagen. Denn urplötzlich wurde genau diese überklebt. »Es ist nicht das erste Mal, dass Taring Padi in diesem Kontext aufgefallen ist«, betont Constantin Ganß, Bundesvorsitzender des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Zur Erinnerung: Die Indonesier hatten mit ihrem Werk »People’s Justice« für den ersten großen Antisemitismus-Skandal in Kassel gesorgt. »Genau deshalb muss Taring Padi definitiv von der documenta ausgeschlossen werden«, so Ganß.

Auf wessen Initiative die Maßnahme zurückging, ob diese durch die documenta-Leitung veranlasst wurde oder die Künstler selbst Hand angelegt hatten, darüber herrschte zunächst Verwirrung. Es werde noch »reflektiert, unter welchen Umständen es zu einer Veränderung der Bildbeiträge gekommen ist«, hieß es seitens der documenta erst einmal.

BILDSPRACHE Die künstlerische Leitung der documenta werde unter Beteiligung von Taring Padi das Bildmaterial noch erläutern. »Diese Darlegung wird den Gesellschaftern zugeleitet, damit diese ihrerseits unter Hinzuziehung von fachlicher Expertise zu einer Bewertung gelangen können, die dann durch die Künstlerische Leitung der documenta fifteen zu würdigen sein wird.« Zugleich aber hebt man hervor: »Die Künstlerische Leitung der documenta fifteen ruangrupa betont auch in Rücksprache mit Taring Padi: ›In dem Werk All Mining is Dangerous (2010) ist keinerlei antisemitische Bildsprache zu verzeichnen, wir tragen derzeit umfassende Informationen zusammen, um dies auch Kritiker*innen deutlich zu machen‹.«

Das Künstlerkollektiv Taring Padi überklebte auf einem Bild eine Kopfbedeckung, die einer Kippa ähnlich sieht. Der Träger ist eine Person mit Geldsack.

Also auf der einen Seite sollen Experten dazu befragt werden, gleichzeitig meint man aber schon vorher zu wissen, dass es sich nicht um judenfeindliche Motive handelt – das klingt reichlich irritierend.

Die Verwirrung steigerte sich noch, als am Wochenende schließlich das Kuratorenkollektiv Ruangrupa erklärte, dass es sich bei der Kopfbedeckung um eine arabische Kufi-Mütze handeln soll, die »in einen eindeutigeren indonesischen Songkok-Hut« abgewandelt worden sei. »Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen«, habe ein Mitglied von Taring Padi das Ganze überklebt.

Deutliche Kritik an dem Prozedere kam deshalb von Nicole Deitelhoff. »Das Gremium war weder über das Überkleben informiert noch über die Entfernung von Werken aus der Ausstellung, sollten diese gezielt entfernt worden sein«, so die Vorsitzende des documenta-Expertengremiums gegenüber der »Welt am Sonntag«. Beides sei völlig unangemessen mit Blick auf den Umgang mit der Antisemitismusproblematik in diesen Werken und behindere die Arbeit des Gremiums massiv.

SCHWEINSKÖPFE Auch gibt es zahlreiche andere Exponate, die gleichfalls problematische Inhalte transportieren. Beispielsweise die von den notorisch auffälligen Taring-Padi-Künstlern stammenden Pappaufsteller. Manche zeigen raffgierige Wesen mit Geldsäcken und Schweinsköpfen, die die Welt beherrschen. Auf diese Weise würde man sich kritisch mit den ökonomischen und politischen Verhältnissen auf der Welt auseinandersetzen, so die Erklärung. Kapitalismuskritik und die Betonung des Gemeinschaftlichen stehen auf der documenta also ganz weit oben.

Die Kasseler Lokalzeitung HNA berichtete, dass der documenta die Besucher-Guides weglaufen.

Funfact: Die Kasseler Lokalzeitung HNA berichtete, dass der documenta die Besucher-Guides weglaufen, was angesichts eines Stundenlohns von gerade einmal 10,40 Euro keine Überraschung sein sollte. Besuchern die Kritik des Globalen Südens am Kapitalismus zu vermitteln, dafür aber gerade einmal den gesetzlichen Mindestlohn erhalten, das war manchem dann wohl doch zu blöd – selbst wenn sich die Besucher-Guides »Sobat-Sobat« nennen durften, was auf Indonesisch so viel wie »gute Freunde« heißt.

Doch am Ende steht auf der documenta eine Kapitalismuskritik, die heikel ist. »Denn die dominierenden Aspekte der Darstellungen sind die Personalisierung, Moralisierung und Entmenschlichung«, bringt es Samuel Salzborn auf den Punkt. »Genau diese appellieren an eine Gesellschaftsvorstellung, die abstrakte Strukturen nicht begreift, dafür aber konkrete Menschen in die Verantwortung nehmen möchte, die zugleich als anonym und übermächtig verklärt werden«, so der Antisemitismusexperte.

HOMOPHOBIE Besonders krass wird dies in einem weiteren Bild deutlich, ebenfalls von Taring Padi, das einen Großgrundbesitzer mit Schweinskopf zeigt, der flankiert durch ein Teufelswesen einen schießwütigen Wolf anal penetriert. Salzborn bezeichnet diese Darstellung als sexualisiert und wertet sie zudem als homophob.

Doch die Gesamtkomposition ist entscheidend: »Dass die Bildsprache hier überdies die mit Schweinskopf dargestellte Figur - in ihrem suggerierten Teufelspakt - mit Insignien von Raffgier, Wanderschaft und damit Ortlosigkeit, Spitzzüngigkeit und Hemmungslosigkeit ausstattet, rekurriert auf ein strukturell antisemitisches Gesellschaftsverständnis, das erhebliche Anleihen an das antisemitische Stereotyp des «ewigen Juden» nimmt.«

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