Wer dieser Tage das Paul-Löbe-Haus im Berliner Regierungsviertel besucht, muss zunächst durch einen stilisierten Bunkereingang gehen. Es ist die Attrappe eines Schutzbunkers aus Stahlbeton - »Migunit« im Hebräischen. In Israel gehören sie zum Alltag, wo sie der Zivilbevölkerung schnellen Schutz vor Raketenangriffen bieten. Ein solcher Bunker befand sich nahe dem Gelände des Nova-Festivals, 40 Menschen suchten am 7. Oktober 2023 darin Schutz vor der Hamas. Im Paul-Löbe-Haus imitieren Fotowände diesen Schutzraum. Sie haben dieselbe Höhe wie der reale Bunker, der für die Besucher des Nova-Festivals zur Todesfalle werden sollte.
Die Bilder dokumentieren eine Israelreise der DIG Würzburg: Im Herbst 2025 besuchten deren Mitglieder Be´eri, Nir Oz, Nahal Oz, Kfar Aza, Sderot und das Gelände des Nova-Festivals - Orte, die zu Symbolen geworden sind und noch immer die Spuren der Gewalt tragen. Vor Ort suchten sie das Gespräch mit Angehörigen und Überlebenden. Daraus entstand die Ausstellung »733:02:35«. Der Titel beziffert die Zeit, die zwischen dem Morgen des 7. Oktobers 2023 und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln im Oktober 2025 verging: exakt 733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten.
»Die Ausstellung zeigt, dass der Krieg in Gaza nach dem 7. Oktober eine Ursache hatte«, betonte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei der Eröffnung am dritten Jahrestag des antisemitischen Pogroms. Gerade jungen Menschen empfiehlt sie den Besuch, um zu begreifen, wie ein einziger Tag fortan eine ganze Gesellschaft geprägt hat. Denn die Schau ist nicht bloßer Blick zurück, sondern ein Zeitstrahl mit ungewissem Ende. Sie vermittelt den Eindruck einer Gesellschaft, die dem Ausnahmezustand trotzt – eine Resilienz, die die Bundestagspräsidentin zutiefst bewundert. »We will dance again«, schloss sich der israelische Botschafter Ron Prosor diesem Gedanken an. »Vielleicht mit nur einem Bein und ohne Arme, aber: We will dance again!«
Die Ausstellung erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen. Nach den Fotos der zerstörten Kibbuzim in der Bunkerattrappe weist ein rotes Blumenmeer den Weg: 255 rote Anemonen aus Keramik – eine für jede nach Gaza verschleppte Person. Rund 70 Freiwillige aller Generationen, darunter auch Schoa-Überlebende, haben sie monatelang getöpfert und lackiert. »Für viele von ihnen war die künstlerische Arbeit auch ein Weg, eigene biographische Erfahrungen mit Antisemitismus zu verarbeiten«, berichtete Konstantin Mack, Vorsitzender der DIG Würzburg, »von der nationalsozialistischen Verfolgung bis zum islamistischen Terror des 7. Oktobers.«
Im nächsten Teil, der »Spirale der Erinnerung« sind Szenen aus dem Alltag der israelischen Gesellschaft nach dem 7. Oktober zu sehen. Die Bilder zeugen von ihrem Einsatz für die Freilassung ihrer Angehörigen. »Die Hauptlast trugen unglücklicherweise die Familien«, betonte Efrat Machikawa, deren Familienmitglieder in Nir Oz als Geiseln genommen wurden. Am 9. Oktober 2025 war es schließlich soweit: Infolge der Vermittlungen durch US-Präsident Donald Trump wurde ein Abkommen geschlossen, durch das die letzten Gefangenen heimkehren konnten. Obwohl die Ausstellung mit dem Bild feiernder, erleichterter Menschen endet, betonte Jonas Weibel von der DIG Würzburg, dass dies kein Schlusspunkt sei. Die Ausgangswand weise eher auf eine ungewisse Zukunft: »Das wird Generationen noch beschäftigen.«
Grundlage für das Projekt war die Vorgänger-Ausstellung »6:56« – benannt nach der Uhrzeit, zu der der erste Terrorist in Be´eri eindrang. Sie zeigt Smartphone-Aufnahmen, die Alexander Levkovich, ein Freund der DIG Würzburg, unmittelbar nach dem Terrorangriff machte. Die DIG Würzburg zeigte diese Aufnahmen ab März 2024 im Würzburger Rathaus sowie in 20 weiteren Städten, um das Massaker im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zu halten. Seit dem 8. Oktober ist sie im Rathaus Neukölln zu sehen. Während »6:56« die frischen Wunden des Terrors zeigt, konzentriert sich »733:02:35« auf das Weiterleben. Die aktuelle Ausstellung ist noch bis zum 6. November im Paul-Löbe-Haus. Für einen Besuch muss man sich zwei Werktage vorher auf der Seite des Bundestags anmelden.