Ukraine

Wo Begin unter der Chuppa stand

Zwischen 1842 und 1865 nach dem Vorbild der Kassler Synagoge errichtet: die Choral-Synagoge in Drohobytsch Foto: Andrij Tschwartkowskyj

Die Choral-Synagoge in Drohobytsch, einer kleinen westukrai­nischen Stadt im Regierungsbezirk Lwiw (Lemberg), gehört zu den wichtigsten jüdischen Kulturdenkmälern Osteuropas. In den vergangenen fünf Jahren wurde der Bau aus dem 19. Jahrhundert restauriert und ist seit Sommer wieder zugänglich. Die Kosten der Restaurierung sollen bei rund 900.000 Euro gelegen haben. Den größten Teil der Summe hat der russisch-jüdische Oligarch Viktor Vekselberg bezahlt, der in Drohobytsch geboren ist.

Errichtet wurde die Synagoge zwischen 1842 und 1865. Bis zum Ende der k.u.k. Monarchie 1918 diente sie als Zentralsynagoge des österreichischen Kronlands Galizien. Vorbild für den Bau war die Synagoge von Albrecht Rosengarten in Kassel.

Erdöl Die jüdische Gemeinde in Drohobytsch zählte Mitte des 19. Jahrhunderts zu den größten in Galizien und war wohlhabend. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass in der Nähe der Stadt Erdöl entdeckt wurde – und so stiegen einige Juden ins Ölgeschäft ein. Von den rund 9000 Juden, die um das Jahr 1880 in Drohobytsch lebten, war etwa ein Drittel an der Ölförderung beteiligt. Die meisten bestritten ihren Lebensunterhalt als Arbeitskräfte in den Ölschächten.

In den Jahren, in denen die Synagoge zum Symbol von Drohobytsch wurde, war mehr als die Hälfte der Einwohner jüdisch. Der polnisch-jüdische Maler Maurycy Gottlieb hielt diese Zeit in seinem Gemälde »Juden in der Synagoge am Jom Kippur« (1878) fest. Das Bild hängt heute im Tel Aviv Museum of Art.

Bis 1918 war das Bethaus die Zentralsynagoge im Kronland Galizien.

Obwohl die jüdischen Unternehmer En­de des 19. Jahrhunderts große Konkurrenz im Ölgeschäft bekommen hatten, spielten sie immer noch eine große Rolle im Stadtleben – auch nach dem Ersten Weltkrieg, als Drohobytsch vorübergehend zu Polen gehörte und es mehr als 20 Synagogen in der Stadt gab. Acht dieser Bethäuser sind erhalten geblieben.

holocaust Israels späterer Ministerpräsident Menachem Begin heiratete 1936 in der Choral-Synagoge. Um diese Zeit lebten in Drohobytsch etwa 17.000 Juden. Die meisten wurden während der Schoa ermordet, und etliche der rund 400 Überlebenden wanderten nach der Befreiung im August 1944 nach Polen aus. In den 50er-Jahren lebten wieder etwa 1000 Juden in der Stadt, die seit 1945 zur Ukrainischen Sowjetrepublik gehörte.

Das Gebäude der Synagoge wurde zu Sowjetzeiten für unterschiedliche Zwecke benutzt, die alle nichts mit dem Judentum zu tun hatten: So diente sie zum Beispiel als Stofflager oder als Möbelgeschäft. Nach dem Ende der Sowjetunion erhielt die jüdische Gemeinde Drohobytsch die Synagoge zurück. Doch befand sich das Gebäude in einem alarmierenden Zustand, der sich bis zum Beginn der Restaurierung 2013 noch verschlechterte, da es immer wieder zu Brandstiftungen kam.

Die Anzahl der Juden in Drohobytsch sank im Laufe der Sowjetzeit auf 200. Heute leben gar nur noch 150 Juden in der Stadt – bei insgesamt rund 75.000 Einwohnern.

»Wir sind sehr froh, dass uns die Renovierung gelungen ist. Weil wir immer weniger werden, müssen wir jedoch auch nachdenken, wie wir das Gebäude für kommende Generationen sichern«, sagt Daniella Mawo, die Präsidentin der Organisation von Schoa-Überlebenden und ihren Nachkommen in Drohobytsch und Umgebung. »Die Älteren aus der Gemeinde sterben aus, und die Jugend passt sich dem Leben der Umgebung an. Es ist deshalb unser Ziel, diesen Ort, der so wichtig für unsere Eltern war, zum Zentrum der Bildung in Sachen Toleranz und Antirassismus zu machen. Wir wollen diesem Ort einen neuen Sinn geben.«

vekselberg Der Name des russisch-jüdischen Oligarchen Viktor Vekselberg fällt im Zusammenhang mit der Restaurierung der Choral-Synagoge allerdings nur selten. Überraschend ist dies nicht: 2013, als die Arbeiten begannen, waren die russische Annexion der Krim und der Krieg im Donbass noch nicht in Sicht. Doch Vekselberg, dem eine enge Beziehung zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt wird, hatte zu Drohobytsch eine ganz besondere Beziehung: Nicht nur er, sondern auch sein Vater Felix stammt aus der Stadt. Und so entstand das Restaurierungsprojekt vor allem auf Bitten von Felix.

Viktor Vekselberg seinerseits ist Aufsichtsratschef des Jüdischen Museums und des Toleranzzentrums in Moskau. Der 61-Jährige steht wegen Russlands Ukraine-Politik auf der US-Sanktionsliste. Dass er sich in der Öffentlichkeit nicht über das Projekt in seiner Geburtsstadt äußert, halten Beobachter für durchaus verständlich.

Den Großteil der Renovierungskosten trug ein russischer Oligarch.

»Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Großteil des Geldes für die Renovierung von Vekselberg stammt, aber die Mehrheit der Stadtbewohner weiß nichts davon«, sagt ein Journalist aus Drohobytsch im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, der jedoch nicht namentlich genannt werden möchte. »Es gibt Leute, die das kritisch sehen, aber die meisten freuen sich dennoch, dass die Synagoge ein neues Gesicht bekommen hat.«

Für Josef Karpin, den Chef der Jüdischen Gemeinde von Drohobytsch, war die Wiedereröffnung der erneuerten Synagoge einer der wichtigsten Momente in der Geschichte der Stadt: »Das hat eine enorm große Bedeutung für die Erinnerung an die Juden, die hier in Drohobytsch ermordet wurden. Diese Synagoge ist ein Zeugnis der schrecklichen Tragödie, die Juden in unserer Stadt erleben mussten.«

Im Rahmen der Restaurierung wurde die Fassade der Synagoge neu aufgebaut. Die Original-Innenwände sind allerdings an ihrem Platz geblieben. Die Wandbilder wurden sorgfältig restauriert, ebenfalls alle anderen Dekorationen.

»Die Synagoge ist wieder zur Visitenkarte der Stadt geworden«, betont Drohobytschs Bürgermeister Taras Kutschma. »Ihre Geschichte zeigt, dass wir einander mehr zuhören und uns gegenseitig verstehen müssen.«

Allerdings gibt es auch Experten, die an der Qualität der Renovierung Zweifel haben. Klar ist jedoch: Ohne das Geld aus Russland wäre die Synagoge wahrscheinlich nie erneuert worden, so bitter es für einige Menschen vor Ort auch klingen mag.

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