Schabbatdinner

Suppe, Brot und warme Worte

Von Rabbi Machlis’ besonderem Schabbatessen gibt es keine Fotos. Aber diese Zeichnung kann vielleicht einen Eindruck vermitteln. Foto: Cristóbal Schmal

Es ist dieser Moment, in dem klar wird, was es mit dem berühmten Satz über Jerusalem auf sich hat. Soeben ist ein Herr von etwa 50 Jahren von seinem Plastikstuhl aufgestanden. Er hat einen weißen Bart, eine rote Nase und auf dem Kopf eine blaue Schirmmütze. Bedächtig legt er die linke Hand auf seinem Bauch ab und ruft auf Englisch: »Jesus war sein Sohn! Er war es!« Rabbi Machlis steht zwei Tische weiter. Kurz schließt er die Augen hinter den dicken Brillengläsern und unterbricht seine Rede. Er kennt diesen Gast schon, der von seinen Tischnachbarn auf den Stuhl zurückgezogen und mit einigen »Schs« aus allen Enden des Wohnzimmers zur Ordnung gerufen wird. Der Rabbi öffnet die Augen und setzt mit ruhiger Stimme seine Rede fort, es geht um die Bindung zwischen Gott und dem Volk Israel.

Jerusalem wird seit Jahrhunderten nachgesagt, es sei die Stadt, in der sich die Verrückten treffen. Dieser Spruch ist auf die Altstadt bezogen, auf den Alltag zwischen Klagemauer, Grabeskirche und Al-Aksa-Moschee, den wichtigsten Heiligtümern der drei Weltreligionen. Und doch ist die Aussage für den neuen, jüdisch geprägten Teil der Stadt kein bisschen weniger wahr. Untermalt von einer Geräuschkulisse aus brüllenden Bauarbeitern, die seit Jahren versuchen, eine Bahn entlang der Hauptstraße zu bauen, und Autohupen, die bei jeder möglichen Gelegenheit eingesetzt werden, eilen hier orthodoxe Juden mit Schläfenlocken vorbei an koreanischen Christen. Die singen in der Fußgängerzone und glauben, je mehr von ihnen im Heiligen Land seien, umso schneller komme der Messias.

Tisch An ihnen vorbei ziehen Touristen, stets in der Angst, ihre Gruppe zu verlieren, und verwirrt von der Erkenntnis, dass es in der heiligsten aller Städte auch Burger-Restaurants und irische Pubs gibt. All diese Menschen an einem Tisch? Schwer vorstellbar. Doch seit über 30 Jahren wagt Rabbi Machlis dieses Experiment. Jeden Freitagabend begeht er in seinem Wohnzimmer mit jedem, der es möchte. Die Leute sind genauso unterschiedlich wie ihre Motive, zu kommen. Die meisten sind neugierig, einige gläubig und viele einfach hungrig. Das Essen ist kostenlos, und nach jüdischer Vorstellung soll niemand allein sein am Schabbat.

Schon eine Stunde vor Beginn warten am Hauseingang der Familie Machlis die ersten Gäste. Es ist eines der Reihenhäuser aus Sandstein, wie sie in jedem der jüdisch-orthodoxen Stadtteile stehen. Von den Nachbargebäuden unterscheidet es sich nur durch den Vorgarten und die Nummer – Straßennamen gibt es nicht. Dennoch ist es aus mehreren hundert Metern Entfernung zu orten. Vor allem an den Stimmen der Wartenden, die um ein Flüstern bemüht sind, aber durch die schiere Menge doch unüberhörbar werden in der besonderen Ruhe des Schabbatabends.

Diskurs Im Neonlicht der Straßenbeleuchtung diskutieren gerade ein junger Österreicher und eine deutsche Studentin darüber, ob das Judentum ausschließlich religiös zu definieren ist. Daneben erklären zwei ältere Herren in Anzügen, die selbst im Halbdunkel speckig glänzen, zwei schwedischen Touristinnen aus einem Hostel in der Altstadt, dass jede Woche ein Zettel an der Haustür der Familie ankündigt, wann diese Woche das Essen beginnt. Alle sind etwas unruhig, wollen nah am Eingang sein und trotzdem den gebotenen Respekt zeigen.

Kurz vor neun öffnet sich die Holztür. »Bruchim Habaim« ruft der Mann Mitte 50 im schwarzen Anzug und heißt die Gäste willkommen, die Männer mit Handschlag, die Frauen ohne. Etwa 150 Mal nickt Rabbi Machlis freundlich. Etwa 150 Paar Füße trippeln in das Wohnzimmer, die Besucher verteilen sich an zehn Tischen, die das Wohnzimmer ausfüllen und bis in den Wintergarten reichen. Die besten Plätze – nah an der Küche und am Tisch, an dem der Rabbi sitzen wird – sind schnell weg. Besetzt von Routiniers, die seit Jahren herkommen, um zu beten und zu essen.

Die Vielfalt der Gäste zeigt sich an den Kopfbedeckungen der Männer. Unter den hohen Regalen mit religiösen Büchern sitzt der Künstler mit Schlangenmusterhut neben dem Rentner mit Schirmmütze. Ihnen gegenüber der junge Amerikaner mit Samtkäppchen, daneben mit Häkelkippa der angehende Konvertit, der hier erste jüdische Gehversuche unternimmt. Zwischen ihnen: junge Amerikanerinnen, die in Jerusalem studieren oder auf einer Zehn-Tage-Reise durchs Heilige Land ihre jüdischen Wurzeln erkunden. Und für die ein Schabbatdinner in Jerusalem »the ultimative experience« ist, vor allem auch, weil es hier viele jüdische Männer im heiratsfähigen Alter gibt. Aufmerksame Blicke und viel Make-up, mitten in einem orthodoxen Haus, sind Teil der Szenerie. Und trotz aller gebotenen Züchtigkeit sitzen die knielangen schwarzen Röcke dann doch sehr gut.

Gruppendate Dass diese Mischung aus religiösem Theater, Suppenküche und Gruppendate nicht aus den Fugen gerät, ist harte Arbeit und beruht auf der Tradition jüdischer Gastfreundlichkeit. Der älteste Sohn hat über die Jahre die Rolle des Zeremonienmeisters erlernt. Behände eilt er zwischen den Tischen hin und her, besorgt Plätze und Stühle für Zuspätkommende, auch wenn im Wohnzimmer längst nur noch ein paar winzige Eckchen frei und im Wintergarten die Scheiben bereits beschlagen sind. Hebt die illustre Gruppe zum ersten gesungenen Segen an, klatscht er den Takt und schickt aufmunternde »Hej«-Rufe in die Runde.

Unterdessen sorgt Mutter Henny dafür, dass auf den Tischen rechtzeitig die Challa ankommt, jeder eine Scheibe Gefilte Fisch abkriegt und auch vom Kugel genügend für alle da ist. Damit die Tische unter der Last nicht zusammenbrechen, bringt der Sohn – gemeinsam mit den Schülern des Rabbis – Mülltüten, in die all das Plastikgeschirr geworfen wird. Am Schabbat darf nicht abgewaschen werden, was bei dieser Menge Geschirr ohnehin nicht möglich wäre.

Zwischen den Speisen und Liedern ergreift der Rabbi das Wort. Es ist fast schon eine Predigt, doch die Menschen hören kaum zu, wenn er erklärt, wie wichtig es ist, im täglichen Leben ein offenes Ohr für den Nächsten zu haben. Zu viel gibt es zu sehen, zu hungrig halten manche von ihnen Ausschau nach dem nächsten Gang. Bei den Gebeten versuchen dennoch selbst jene, die nicht Hebräisch sprechen, mitzusummen. Sei es aus Respekt oder auch, weil vor allem Touristen und Neuankömmlinge kaum wissen, wie sie sich verhalten sollen. Immer wieder muss Rabbi Machlis seine abwechselnd auf Deutsch und Englisch gehaltene Rede unterbrechen, weil einige Gäste ungeduldig nach Brot oder Suppe fragen. Und weil andere Besucher ihre Botschaft loswerden wollen, so wie der ältere Herr, der darüber verzweifelt, dass Jesus hier kein Gehör findet.

Spektakel »Hier geht es immer so zu, der Rabbi ist ein gütiger Mann«, sagt Bryan, ein religiöser Student, der seit einigen Monaten jeden Freitag in Maalot Dafna Schabbat begeht. Er ist für ein halbes Jahr zum Lernen nach Jerusalem gekommen und genießt die quirlige Atmosphäre im Hause Machlis. »Außerdem«, fügt sein Mitschüler Paul an, der heute mitgekommen ist, um sich das »Spektakel« anzuschauen, »ist das Essen gut.« Er macht sich gerade über den Kugel her, leicht süßlichen Nudelauflauf, der nach einigen Tabletts, die vom Nachbartisch abgegriffen wurden, nun auch hier, im hinteren Teil des Raumes, angekommen ist.

Etliche Gebete und Speisen später, es ist mittlerweile Viertel nach elf, werden ein letztes Mal Plastikteller und -gabeln eingesammelt. Statt über Gott und Israel zu reden, spricht der Rabbi nun von der Ruhe in Maalot Dafna und bittet die Gäste, nicht vor der Haustür stehen zu bleiben, sondern die Nachbarschaft direkt zu verlassen. Der alte Jesusfreund und einige seiner Tischnachbarn machen sich auf den Weg in die Innenstadt, zu einem der Lokale, die auch am Schabbat geöffnet sind. Und die jungen Mädchen mit den züchtig-unzüchtigen Röcken gehen hinaus auf einen Abendspaziergang mit ihren neuen Bekanntschaften.

www.themachliscampaign.com

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