Frankreich

Kalte Nation

Außer in Créteil hat es nach dem Überfall auf ein junges Paar kaum Solidarität mit den Opfern gegeben. Foto: dpa

Ein brutaler antisemitischer Überfall auf ein junges Paar, der Anfang des Monats in Créteil nahe Paris verübt worden war, löst in Frankreich landesweit Bestürzung aus. Am Sonntag fand dort eine Demonstration mit 1600 Teilnehmern statt, bei der Innenminister Bernard Cazeneuve entschlossenes Handeln gegen den Antisemitismus ankündigte.

Viele Franzosen sehen in der Tat ein Symbol für den grassierenden Antisemitismus in der Grande Nation. Es besteht jedoch Hoffnung, dass diese Tat die französische Gesellschaft endlich aufrüttelt.

Vergewaltigung Die drei Täter drangen in die Wohnung ein, bedrohten das Paar mit einer Schusswaffe und vergewaltigten die 19-jährige Frau. Den antisemitischen Charakter ihrer Tat stellten sie ganz offen zur Schau, wie das 21-jährige Opfer Jonathan berichtet: »Sie sagten, Juden haben immer Geld, und sie bringen es nicht zur Bank.« Die Täter zerstörten in der Wohnung auch religiöse Symbole. Man nimmt an, dass sie ihre Opfer schon seit einiger Zeit ausspionierten. Die Polizei geht davon aus, dass die inzwischen verhafteten Männer auch für den Angriff auf einen 70-jährigen Mann Anfang November verantwortlich sind. Der Fall war ähnlich: Drei männliche Täter verschafften sich Zugang zur Wohnung des Mannes und schlugen ihn zusammen.

Auf höchster Staatsebene zeigte man sich entsetzt über die offenbar minutiös geplante Tat: »Wenn solche Dramen und Tragödien passieren, ist es nicht nur diese Familie, die verletzt und angegriffen wird, sondern es werden die höchsten Werte Frankreichs angegriffen«, erklärte der französische Präsident François Hollande, der für sein entschlossenes Handeln in Sachen Antisemitismus bekannt ist.

Bei der Demonstration am Sonntag fand Innenminister Bernard Cazeneuve ungewöhnlich drastische Worte: »Dieses Verbrechen ist nicht nur eine Straftat, ein feiger antisemitischer Akt. Hinter diesem Verbrechen verbirgt sich ein Übel, das an der Republik nagt, eine regelrechte Krankheit der Gesellschaft«, sagte er. Er kündigte an, den Bitten der jüdischen Gemeinde nachzukommen und den Antisemitismus zur »Staatsangelegenheit« zu machen.

Dies hatte insbesondere die Dachorganisation der französischen Juden, CRIF, gefordert. Sie bezeichnete den Überfall von Créteil als »barbarisch« und verwies darauf, dass sich der Antisemitismus in Frankreich immer weiter ausbreite. Sie verlangt ein spezielles Notfallprogramm, für das juristische und polizeiliche Mittel bereitgestellt werden sollen. Premierminister Manuel Valls twitterte: »Der Horror von Créteil ist der schreckliche Beweis, dass der Kampf gegen den Antisemitismus jeden Tag geführt werden muss.«

Statistik In der Tat ist die Zahl der antisemitischen Angriffe in den ersten sieben Monaten diesen Jahres in die Höhe geschnellt, wie der Bericht der SPCJ, des Sicherheitsdienstes der jüdischen Gemeinde, belegt. Von Januar bis Juli stiegen sie von 267 auf 527 Taten. Das sind annähernd doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Auffällig ist, dass die Angriffe immer brutaler werden. So stieg die Zahl von Gewalttaten, Attentaten und Vandalismus um 126 Prozent und liegt jetzt bei 158 Fällen pro Jahr (Vorjahr: 70 Fälle). Rund die Hälfte davon waren Gewaltakte gegen Personen. Für Aufsehen sorgte zum Beispiel der Angriff auf einen Lehrer in Paris im März dieses Jahres. Der 59-Jährige wurde zusammengeschlagen, die Täter malten ihm ein Hakenkreuz auf die Brust. Weitere Gewaltdelikte ereigneten sich im Juli im Pariser Vorort Sarcelles. Dort kam es wegen Israels Gaza-Militäroffensive zu antisemitischen Ausschreitungen.

Der CRIF unterstreicht, dass vor allem neue Formen der Gewalt beunruhigend seien wie zum Beispiel Bandenkriminalität oder auch geplante Anschläge auf Synagogen. Im August wurden zwei minderjährige Mädchen festgenommen, die sich offenbar vor der Synagoge in Lyon in die Luft sprengen wollten.

Nach den jüngsten Vorfällen äußerten sich mehrere Gemeindevertreter skeptisch, ob die Regierung ihr Versprechen, entschlossener aufzutreten, halten werde. Vor allem bezweifeln sie, dass der Staat das Geld zur Verfügung stellt, um die jüdische Gemeinde besser zu schützen. So sagte Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia: »Die Ankündigung von Innenminister Cazeneuve ist eine sehr gute Sache, aber man muss die notwendigen Mittel bereitstellen. Gute Absichten und fromme Wünsche reichen nicht mehr aus.« Der Präsident des Zentralkonsistoriums, Joël Mergui, pflichtete dem Rabbiner bei. Welche konkreten Maßnahmen die Regierung ergreifen will, ist bisher noch nicht bekannt.

islamismus Die Gewalttat von Créteil macht der Öffentlichkeit bewusst, dass der Antisemitismus in Frankreich zu einem gefährlichen gesellschaftlichen Phänomen geworden ist. Offenbar führen Wirtschaftskrise, Islamismus und der steile Aufstieg des rechten Front National zum Hass gegen Juden.

Viele kritisieren, dass die meisten nichtjüdischen Franzosen zu den Vorfällen schweigen. Außer in Créteil gab es in ganz Frankreich keine weitere öffentliche Demonstration gegen Antisemitismus. Julien Dray, der sozialistische Vize-Präsident der Region Ile-de-France, zu der auch Créteil gehört, beklagt einen »Mangel an Wachsamkeit« in Frankreich. Er fürchtet, dass wieder alte Zeiten anbrechen: »Tabus sind gebrochen. Dinge, die ich mir vor zehn oder 15 Jahren nicht vorstellen konnte, passieren wieder. Man malt Davidsterne auf Briefkästen, Männer, die Kippa tragen, werden beleidigt oder angegriffen.«

Ilan Halimi Der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der an der Demonstration in Créteil teilnahm, fragte: »Wie viele Personen sind hier? 1600 … Ich bin von der Gleichgültigkeit der französischen Gesellschaft entsetzt!« Die Leute müssten endlich aufwachen, denn mit der Tat sei eine Grenze überschritten worden, so wie bei der Entführung und Ermordung von Ilan Halimi, den eine Gang 2006 zu Tode gequält hatte.

»Ich habe sofort an Ilan Halimi gedacht«, sagte auch der Vater von Jonathan. Bisher sei Créteil für Juden nicht besonders gefährlich gewesen, allerdings gebe ihm zu denken, dass man die Opfer nun anhand ihrer Religion aussuche. Die Tat könnte zu einem Gefühl der Unsicherheit in den eigenen vier Wänden führen.

Oberrabbiner Haïm Korsia glaubt nicht, dass Frankreichs Gesellschaft antisemitisch ist: »Die Tat ist eine Beleidigung für das, was ›Frankreich‹ bedeutet. Unser gemeinsamer Traum wird zwar angegriffen. Aber die Gesellschaft ist nicht judenfeindlich, weil wir Zeugen solcher Akte werden. Noch sind die Bürger angewidert von solchen Vorgängen. Also gibt es einen Funken Hoffnung.«

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