Deventer

Essen statt beten?

Deventer ist eine alte Hansestadt im Osten der Niederlande. Abgesehen von ihrem pittoresken Zentrum wird ihr nicht allzu viel Aufmerksamkeit zuteil. Das Gleiche gilt für die jüdische Gemeinde Beth Shosha­n­na wie überhaupt für die meisten der kleinen Gemeinden jenseits von Amsterdam, die man in jüdischen Kreisen als Mediene zusammenfasst.

In diesem Frühjahr jedoch steht Beth Shoshanna im Fokus wie nie zuvor. Selbst internationale Medien berichten über Deventer. Der Grund ist ein trauriger: Die Gemeinde könnte ihre Synagoge verlieren. Vor wenigen Wochen wurde das Gebäude an einen Projektentwickler verkauft. Dieser will das Bethaus in einen gastronomischen Erlebnispark verwandeln.

Gnadenstoss Die Lage ist ernst. Der Gemeindevorsitzende Tom Fürstenberg spricht in einer Regionalzeitung von einem »Gnadenstoß« für Beth Shoshanna und davon, dass dem jüdischen Leben in der Stadt »der Hals umgedreht« werde.

Die Gemeinde, die als solche erst seit 2010 wieder existiert, steht den bisherigen Entwicklungen notgedrungen passiv gegenüber, denn die Synagoge gehörte seit 1951 einer Kirchengemeinde. Weil diese das Gebäude seit Jahren nicht mehr nutzt, verkaufte sie es im Februar an Ayhan Sahin, dem in der Stadt mehrere gastronomische Einrichtungen gehören.

»Bis dahin haben wir die Synagoge zu einem geringen Preis für die alle zwei Wochen stattfindenden Gottesdienste gemietet«, sagt Sanne Terlouw, eines der rund 40 Gemeindemitglieder. Die Schriftstellerin wohnt im Zentrum Deventers. Als sie vor knapp zehn Jahren herzog, stellte sie überrascht fest, dass der Blick aus ihrem Fenster auf eine leer stehende Synagoge fiel: ein auffallend schönes Backsteingebäude im maurischen Stil mit geschwungenen Bögen und Türmchen.

Vor der Schoa gehörte sie der jüdischen Gemeinde der Stadt. Doch im Juli 1941 wurde ein Großteil der Innenausstattung vom lokalen Zweig der Nationaal-Socialistischen Beweging (NSB) zerstört. Nach dem Krieg zog eine protestantische Kirchengemeinde in das Gebäude.

Der Anblick der Synagoge brachte Sanne Terlouw auf eine Idee: Könnte man nicht eine neue Gemeinde gründen? So entstand Beth Shoshanna und entwickelte sich schnell zu einem außerordentlich interessanten Ort. Viele Gemeindemitglieder kommen aus einer Umgebung, in der es nur wenige jüdische Einrichtungen gibt oder eine jüdische Infrastruktur schlichtweg nicht existierte.

Manche der Gemeindemitglieder hatten ihre jüdischen Wurzeln erst spät entdeckt. Gemeinsam entwickelte man ein intimes, geschütztes Umfeld, in dem man sich diesen Wurzeln annähern und die jüdische Identität leben konnte. Anfangs schloss man sich, um möglichst unabhängig zu sein, weder dem orthodoxen noch dem liberalen Landesverband an. Doch inzwischen ist Beth Shoshanna eine der beiden liberal-konservativen Masorti-Gemeinden der Niederlande.

Miete Als die Jüdische Allgemeine die Gemeinde 2013 erstmals besuchte, erinnerte sich ihr Vorsitzender Tom Fürstenberg beim Kiddusch an die Anfänge: »Lasst uns das Gebäude mieten, bevor dort ein McDonald’s einzieht«, habe man damals gesagt.

Fünf Jahre später ist es nicht nur tragisch, dass dieses einzigartige Refugium bedroht ist. Es wirkt auch geradezu bizarr, dass Fürstenbergs flapsige Bemerkung wahr zu werden scheint – wenn auch die geplante »Food Hall« weniger Fastfood- als erlebnisgastronomischen Charakter haben soll. Von weit her, so Käufer Sahin, werden die Menschen dafür nach Deventer kommen.

Sahin seinerseits wäre durchaus bereit, Beth Shoshanna die Synagoge zu überlassen – doch zum vollen Mietbetrag und nicht zum Freundschaftspreis, den man bisher an die Kirchengemeinde zahlte. »Ich bin Unternehmer und nicht die Heilsarmee«, zitiert ihn die Lokalzeitung »De Stentor«.

Sanne Terlouw berichtet, sie werde immer wieder von Menschen in der Stadt auf die Synagoge angesprochen. »Manche sagen, wir sollen einen reichen amerikanischen Juden um Hilfe bitten. Sie scheinen zu denken, dass wir reichlich Geld hätten. Doch das ist absolut nicht der Fall.«

Die vorerst letzte Hoffnung der Gemeinde hängt nun vom Flächennutzungsplan und der Tatsache ab, dass die Synagoge unter Denkmalschutz steht. Kürzlich hat sich Henrike Nijman-Visscher in die Debatte eingeschaltet, die lokale Fraktionsvorsitzende der calvinistischen Partei ChristenUnie. Sie stellte schriftliche Fragen an die Kommune: Will man die Bestimmung des Gebäudes tatsächlich als »gastronomisch« festlegen? Ist man bereit, den Interessen der jüdischen Gemeinde zu entsprechen?

Dieser Tage erhielt Sanne Terlouw eine Mail von der Politikerin, in der sie ihr die Antworten weiterleitet. Diese sind durchweg ausweichend. Und auf die Frage, ob die Stadt nicht die weitere Nutzung als Synagoge sichern könne, heißt es lapidar, dass man sich in privatrechtliche Fragen zwischen Eigentümer und Mieter nicht einmische.

Entschädigung Es sind nur ein paar Meter von Sanne Terlouws Wohnung hinüber zur Synagoge. Der Weg führt über den Freitagsmarkt. »Dieser wurde einst für die Juden der Stadt ins Leben gerufen, da sie ja am Schabbat, dem eigentlichen Markttag, nichts kaufen oder verkaufen konnten«, erzählt die Schriftstellerin.

Von einem solchen Entgegenkommen kann man bei Beth Shoshanna heute nur träumen. »Wir haben noch nichts von der Stadt gehört. Ebenso wenig übrigens wie eine Entschuldigung für die Zerstörung des Interieurs der Synagoge oder gar nur einen Cent Entschädigung erhalten.«

Am Eingang der Synagoge hängt ein Terminplan für die erste Jahreshälfte. Schabbatgottesdienste, Kiddusch, Purimfeier, Se­derabend, Feier der Staatsgründung Is­raels ... Außerdem, sagt Sanne Terlouw, gebe es Hebräischkurse und Informationsveranstaltungen zum Judentum und zu jüdischer Stadtgeschichte.

Beth Shoshanna ist eine kleine, aber ausgesprochen dynamische Gemeinde in der Mediene – die keinesfalls daran denkt aufzugeben. Selbst dann nicht, wenn sich das Bethaus nicht halten lässt. »Juden kämpfen seit mehr als 2000 Jahren um ihre Existenz«, sagt Sanne Terlouw, »wir machen weiter!«

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