Hintergrund

Terror über den Wolken

Der Co-Pilot soll bewusst bei flydubai angeheuert haben, weil die Airline israelische Flughäfen ansteuert. Foto: picture alliance/dpa

Die Kampfjets waren bereits gestartet, der Luftraum gesperrt. Einen Moment lang bereitete sich Israel auf die Möglichkeit vor, dass ein Passagierflugzeug mit 180 Menschen an Bord als Waffe eingesetzt werden und in ein Hochhaus oder den Flughafen gesteuert werden könnte. Es handelte sich um den flydubai-Flug 1073 von Dubai nach Tel Aviv am 30. September. Die Lage an Bord sei so unübersichtlich geworden, dass die israelische Luftwaffe bereitstand, die Maschine abzuschießen, wäre sie auf Israel zugeflogen und die Kontrolle im Inneren nicht wiedererlangt worden – so zitiert CBS News israelische Quellen.

Nachdem die Boeing 737 einen steilen Sinkflug vollzogen hatte, habe die Luftwaffe versucht, Kontakt zum Cockpit aufzunehmen, doch es gab keine Antwort. Erst als deutlich wurde, dass die Maschine in Richtung Saudi-Arabien abdrehte, wurden die Kampfjets zurückbeordert. Gleichzeitig hatten die Menschen an Bord begonnen, selbst um die Kontrolle über das Flugzeug zu kämpfen.

Schwer verletzt gelang es dem Piloten, die verriegelte Cockpittür von innen zu öffnen

Das Drama hatte im Cockpit seinen Anfang genommen. Der aus dem Oman stammende Co-Pilot Hamam al-Hammami griff den indischen Kapitän Smit Machchhar wahrscheinlich mit einer Notfallaxt an. Schwer verletzt gelang es Machchhar, die verriegelte Cockpittür von innen zu öffnen. »Er hatte mich gefragt, ob wir zusammen beten«, erinnerte sich der Pilot, als er im Krankenhaus über den Hergang befragt wurde. »Und dann schlug er auf mich ein.«

Zu diesem Zeitpunkt begriffen die Passagiere, dass sich im Cockpit etwas Ungutes abspielte. Mehrere von ihnen stellten sich dem Angreifer entgegen. Zu ihnen gehörten Yaniv Hayun, Assaf Rajuan, Tzvika Manes und der Zahnarzt Shota Musaev. Die Männer überwältigten al-Hammami und zerrten ihn von den Steuerinstrumenten weg. »Wir haben ihn gefesselt und außer Gefecht gesetzt. Er war ein kräftiger Mann, wahrscheinlich voll Adrenalin«, sagte Manes später in einem Interview mit dem US-Sender CNN. Ein Kampf wie in einem Hollywood-Film sei es aber nicht gewesen. Rajuan bestätigte, dass es keine lange Auseinandersetzung gegeben habe. »Es ging sehr schnell. Ich bin doch kein Van Damme.«

Er habe geplant, die Maschine auf den Flughafen Ben Gurion stürzen zu lassen.

Es gab jedoch ein weiteres Problem: das Flugzeug selbst. Hayun bemerkte, dass die Maschine weiter gefährlich an Höhe verlor. Der Israeli ist kein Pilot, sondern Klempner. Aber einer, der die Fernsehsendung Mayday gesehen hat, in der Flugzeugkatastrophen rekonstruiert und die Reaktionen von Piloten erklärt werden. Und so ergriff er, nachdem er mitgeholfen hatte, den Terroristen wegzureißen, das Steuer und zog es zu sich hin. Dieses Manöver trug dazu bei, das Flugzeug aus dem gefährlichen Sinkflug zu bringen. Schließlich übernahmen zwei Piloten, die als Passagiere an Bord waren, um die Maschine zurückzufliegen, und stabilisierten das Flugzeug.

Während all dies geschah, lag der Kapitän weiter schwer verletzt im Cockpit. »Er hatte sehr, sehr tiefe Schnittwunden am Kopf und an der Hand, und wir brauchten viele Eisbeutel«, berichtete später Zahnarzt Musaev. Er habe versucht, die Blutung mit T-Shirts und Eis zu stillen, und auch, den Kapitän bei Bewusstsein zu halten. »Bitte schlafen Sie nicht ein, wir brauchen Sie«, sagte er immer wieder, während der Pilot flehte: »Helfen Sie mir!« Irgendwann habe der Verletzte gesagt: »Mein Gott ist bei mir. Ich will leben. Ich will hier nicht sterben.« Musaev redete ihm weiter gut zu. »Haben Sie keine Angst, Sie werden zu Ihrer Familie zurückkehren.«

»Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit«

Doch als die Lippen des Verletzten blau anliefen, drängte er einen Flugbegleiter, das Flugzeug müsse schnell landen, mit den Worten: »Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit.«
notlandung Nach etwa 55 Minuten führten die Piloten, die übernommen hatten, in der saudi-arabischen Stadt Tabuk eine Notlandung durch. Dort, berichteten die Passagiere, seien sie »freundlich und professionell« aufgenommen worden. Sie hätten Verpflegung erhalten, und saudische Ersthelfer kümmerten sich um die zum Teil völlig schockierten Israelis. Pilot und Co-Pilot wurden ins Krankenhaus gebracht.

Später meldete sich der Kapitän mit einer Nachricht: »Ich kämpfte in dem Moment um mein eigenes Leben, aber mir war auch klar, dass ich nicht so viele andere Menschen sterben lassen konnte.« Das sagte er in einem Videotelefonat mit dem indischen Premierminister Narendra Modi.

Mittlerweile haben die Ermittlungen in Dubai begonnen, die sich auf die Frage konzentrieren, wie al-Hammami überhaupt in die Position des Co-Piloten kommen konnte. Israelischen Offiziellen zufolge habe der aus dem Oman stammende Co-Pilot gestanden, er habe schon vor seiner Einstellung bei flydubai geplant, die Maschine auf den Ben-Gurion-Flughafen stürzen zu lassen.

Dafür hatte er gezielt nach Gesellschaften gesucht, die Tel Aviv anfliegen, und sich bei flydubai beworben. Israel ist direkt an den Ermittlungen beteiligt, Agenten des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet sind bei den Befragungen anwesend. Nach Angaben des israelischen öffentlich-rechtlichen Kanals Kan gehen die israelischen Behörden nicht davon aus, dass weitere Mitglieder der Flugbesatzung an dem Angriff beteiligt waren.

Der Terrorist habe »aus Rache für Gaza« gehandelt und »als Märtyrer sterben« wollen.

Kan berichtete unter Berufung auf nicht genannte Quellen, al-Hammami habe seinen Vernehmern gesagt, er habe »aus Rache für Gaza« gehandelt und »als Märtyrer sterben« wollen. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, der Co-Pilot habe eine islamistische Radikalisierung durchlaufen, fügte jedoch hinzu, es sei noch zu früh, um festzustellen, ob eventuell der Iran hinter dem Angriff stecke.

Doch klar ist bereits jetzt, wie knapp der Flug einer Katastrophe entging. Nur eine Verkettung von glücklichen Umständen ermöglichte die wundersame Rettung. Der Familienvater Manes, dessen Ehefrau und Kinder mit an Bord waren, schilderte seine Eindrücke, als das Flugzeug in die Tiefe stürzte: »Meine Töchter schrien: ›Wir wollen nicht sterben, Papa!‹ Da war mir klar, dass ich etwas tun muss. Für einen Vater ist dieser Satz das Schlimmste überhaupt.«

Für die Menschen, die eingriffen, sei es unangenehm, als »Helden« bezeichnet zu werden

Smit Machchhar überlebte den Terrorangriff ebenso wie alle Passagiere und die Besatzung. Für die Menschen, die eingriffen, sei es unangenehm, als »Helden« bezeichnet zu werden, sagten sie in Interviews. Hayun hob die Rolle des Kapitäns hervor. »Er war ein absoluter Held. Und ich habe ihm gesagt: ›Du wirst heute nicht sterben.‹«

Auch Musaev machte klar, wie sehr die Aktion des Piloten den Ausgang des Dramas bestimmt habe: »Kapitän Smit ist ein Held. Ich möchte ihm für das danken, was er getan hat. Hätte er die Cockpittür nicht geöffnet, wären wir alle tot.« Und dann sagte er mit einem Gruß an den indischen Kapitän: »Er hat uns das Leben gerettet, und wir haben ihm das Leben gerettet. Das ist Karma.«

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