Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Mann hinter dem Marktstand verteilt kleine Löffel und Stücke knusprigen Brots. »Draufschmieren und reinbeißen«, preist er sie mit fröhlichem Lachen an. Shachar Ber kommt aus Shavei Zion, einer kleinen nördlichen Gemeinde, knapp 30 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. An diesem Tag bietet er auf dem dortigen Markt seine eigenen Soßen und Aufstriche an: »Bistov« heißt die Marke – der gute Happen.

Dabei bestimmte jahrelang das Musikmachen Bers Leben. Nach dem Musikstudium trat der 41-Jährige mit seiner Band regelmäßig in Israel und im Ausland auf. Doch dann, vor etwa eineinhalb Jahren, kamen die E-Mails: »Vor dem Krieg haben wir an vielen Orten gespielt, Wien, Berlin … Es lief gut. Bis es plötzlich hieß: ›Ihr werdet ausgeladen, weil ihr Israelis seid.‹« Die Veranstalter, erinnert sich Ber, versicherten zwar, dass sie persönlich kein Problem mit ihnen hätten, »aber das Publikum könnte Anstoß nehmen, dass eine israelische Band auftritt, und damit dem Festival schaden«.

Eine Mischung aus Wut und Bestürzung

»Wir waren geschockt, es war richtig bitter.« Noch immer hört man das Unverständnis in Bers Stimme. »Es war eine Mischung aus Wut und Bestürzung, es hatte ja sofort Auswirkungen auf unser reales Leben.« Dabei kann er sogar etwas Verständnis für die Reaktion der Veranstalter aufbringen: »Rein wirtschaftlich ist es nachvollziehbar, auch wenn wir natürlich nicht damit einverstanden sind.«

Denn es ging um die Existenzgrundlage der Musiker. »Viele haben Familien und Kinder. Sie brauchen das Geld.« Doch nicht nur Auftritte im Ausland fielen weg, wegen des Krieges wurde auch in Israel alles abgesagt. Einige seiner Bandkollegen zogen nach Europa. »Sie gingen nach Berlin und Paris, denn von dort aus werden sie kaum oder gar nicht kritisch hinterfragt«, sagt Ber. Er finde diese Tatsache »hafouch al hafouch«, völlig absurd. Er selbst beschloss, in Israel zu bleiben, »doch der Spaß an der Musik war mir vergangen«.

Dazu kommt, dass er bereits eine Weile vor dem 7. Oktober 2023 aus dem Zentrum in den Moschaw in der Nähe der libanesischen Grenze gezogen war – der Ruhe wegen. Doch die war vorbei, als die schiitische Terrororganisation Hisbollah anfing, Israel zu beschießen. Sein Zuhause in Shavei Zion lag nahe genug, dass der Krieg jeden Aspekt des täglichen Lebens prägte, doch zu fern, dass es offiziell von den Behörden evakuiert wurde. So wie es im Oktober 2023 nach Beginn der Angriffe 43 Ortschaften mit insgesamt 65.000 Menschen ergangen war.

»Ich wollte etwas schaffen, das nicht von Festivals oder Kriegen abhängt.«

Shachar Ber

Bers Wohnung verfügt über keinen eigenen Schutzraum. Es gibt einen Gemeinschaftsbunker für alle Hausbewohner. »Dadurch wurden wir so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft, die zusammenhält.« Doch die Erfahrung veränderte den Alltag auf eine Weise, die Außenstehenden kaum zu vermitteln sei, sagt er. Schon vorher habe er unter Schlafmangel und Panikattacken gelitten.

»Wir lebten in ständiger Anspannung – rund um die Uhr, zwei Jahre lang!«

Während des Krieges habe es sich verschlimmert. »Wenn ich nicht schlafe, spüre ich es sofort. Wir lebten in ständiger Anspannung – rund um die Uhr, zwei Jahre lang!« Selbst einfache Alltagsroutinen wurden zur Rechenaufgabe: »Kann ich jetzt duschen? Soll ich auf die Toilette gehen? Es ging nur noch darum, ob genug Zeit bleibt, um den Schutzraum zu erreichen. Permanent zählten wir die Sekunden.« Eigentlich sollten nach dem Beginn der Sirene 30 Sekunden Zeit bleiben, um sich in Sicherheit zu bringen, »doch oft hörte ich schon nach 15 Sekunden den Einschlag einer Rakete. Es war Wahnsinn«.

Gleichzeitig ist Ber überzeugt, dass der menschliche Geist eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Anpassung besitzt. »Nach der Waffenruhe standen alle noch einige Tage unter Strom, aber nach einer Woche war es fast vergessen.« Der Körper allerdings erinnere sich. »Früher bin ich bei jedem Motorradgeräusch sofort hochgeschreckt. Mittlerweile macht mein Herz aber zum Glück nur noch einen kleinen Hüpfer.« Ein weiterer Wendepunkt kam an seinem 40. Geburtstag. »Vorher hatte ich mit meiner Musik eine klare Richtung im Leben, doch der Krieg hat es auf den Kopf gestellt. Ich habe alles hinterfragt. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich mich nicht komplett neu erfinden muss.«

Jahre zuvor hatte Ber für einen Cateringservice Soßen und Aufstriche kreiert, um sich etwas Geld zum mageren Musikereinkommen dazuzuverdienen. Das sollte seine neue Geschäftsidee werden. »Ich wollte etwas schaffen, das nicht von Veranstaltungen, Festivals oder Kriegen abhängt, sondern ein Produkt, das zu allen Zeiten im Supermarktregal stehen kann.«

Vor zehn Monaten war es so weit, als mit »Bistov« seine eigene Marke auf den Markt kam. Derzeit gibt es sechs Sorten, für weitere habe er bereits Ideen, sagt Ber. Sein Ansatz in der Herstellung ist es, vertrauten Geschmacksrichtungen einen ungewöhnlichen Twist zu geben. Zum Beispiel hat er einen Aufstrich mit Jalapeño und süßem Ahornsirup kreiert, oder Auberginencreme mit einem Hauch Holzkohle. Mittlerweile werden die Gläser an knapp 20 Standorten in ganz Israel verkauft, auch online kann man sie bestellen.

Mehr als ein neues Geschäft

Für Ber sind seine Aufstriche mehr als ein neues Geschäft. Sie sind eine Antwort auf ein Leben, das immer wieder aus der Bahn geworfen wurde. »Doch selbst wenn Krieg herrscht – die Menschen müssen essen«, sagt er ein wenig trotzig, zuckt mit den Schultern und reicht ein Löffelchen an einen Kunden, der gerade an seinen Stand gekommen ist.

Der gute Bissen steht Ber zufolge sinnbildlich für die eigene Zukunft und die Israels. »Die Schwierigkeiten sind nur eine Phase«, meint Ber, der sich deshalb bewusst entschieden hat, im Norden zu bleiben. »Ich bin zuversichtlich«, fügt er an und korrigiert sich dann selbst: »Eigentlich bin ich mehr als nur zuversichtlich. Ich weiß, dass alles gut wird.«

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